Ukraine-Krieg: Kreml schickt Soldaten wohl auf tödliche Propaganda-Mission
In umkämpften Städten Putins Soldaten sterben wohl auf Propaganda-Missionen Von t-online, jse 10.07.2026 - 14:42 UhrLesedauer: 3 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Immer wieder zeigen Bilder vom Schlachtfeld in der Ukraine Soldaten, die die russische Flagge hissen. Diese Propaganda-Missionen sind wohl nicht ungefährlich. Wohl kaum eine Stadt im ostukrainischen Festungsgürtel ist so hart umkämpft wie Kostjantyniwka. Seit Monaten toben intensive Häuser- und Drohnenkämpfe in der Stadt, die den südlichsten Punkt der Verteidigungslinie im Donbass bildet. Dennoch verkündete Russlands Präsident Wladimir Putin Anfang Juli die Einnahme der Stadt. Ukrainische Stellen widersprachen umgehend. Auch das US-amerikanische Institute for the Study of War (ISW) kommt zu einem anderen Schluss: Russische Einheiten seien zwar in Teile der Stadt vorgedrungen, hätten Kostjantyniwka aber nicht unter ihre Kontrolle gebracht. Die Kämpfe dauerten an. Nach Einschätzung des ISW könnte die Behauptung Teil einer gezielten Desinformationskampagne des Kreml sein. Demnach habe Moskau den angeblichen Erfolg besonders hervorgehoben, um ihn auch gegenüber der US-Regierung und der westlichen Öffentlichkeit als Beleg für russische Fortschritte im Donbass darzustellen. "Den Zaren stürzen": Putins Chef-Propagandistin warnt vor Protesten Mobilisierungsversuch eskaliert: Menschenmenge greift Soldaten an Kleine Trupps, große Symbolwirkung Nach Recherchen des Exilmediums Radio Svoboda setzen russische Kommandeure dabei offenbar immer wieder auf sogenannte Flaggenmissionen. Kleine Sturmtrupps dringen demnach in umkämpfte Ortschaften vor, hissen dort die russische Flagge und filmen die Aktion. Die Aufnahmen sollen anschließend als Beleg für die Einnahme des Gebiets dienen – sowohl für Berichte an Vorgesetzte als auch für die öffentliche Darstellung. Militärexperte David Sharp bezeichnete dieses Vorgehen gegenüber Radio Svoboda als "Schaufensterdekoration für Vorgesetzte und Propaganda". Solche Bilder hätten oft nur einen begrenzten militärischen Nutzen. Stattdessen könnten sie dazu dienen, Geländegewinne zu dokumentieren, obwohl die Kontrolle über den betreffenden Ort noch nicht gesichert sei. Das ISW verweist ebenfalls darauf, dass der Kreml wiederholt taktische Fortschritte überhöht dargestellt oder mit zweifelhaften Belegen untermauert habe. Ziel sei es, den Eindruck eines schnellen russischen Vormarschs zu vermitteln und politischen Druck auf die Ukraine und ihre westlichen Unterstützer auszuüben. Unabhängig überprüfen lassen sich viele Vorgänge an der Front jedoch nicht. Nach Angaben von Radio Svoboda sind solche Einsätze für die beteiligten Soldaten mit erheblichen Risiken verbunden. Das Medium schildert mehrere Fälle, in denen russische Soldaten während solcher Missionen durch ukrainische Drohnen angegriffen worden sein sollen. So berichtete ein Angehöriger eines russischen Soldaten, dessen Einheit im Frühjahr in die Ortschaft Petrowka geschickt worden sei, um dort eine Flagge zu hissen und die Aktion zu dokumentieren. Nach seiner Darstellung sei der Ort damals noch nicht vollständig unter russischer Kontrolle gewesen. Die Gruppe sei kurz nach ihrem Eintreffen von Drohnen angegriffen worden, mehrere Soldaten seien dabei ums Leben gekommen. Die Angaben lassen sich unabhängig nicht überprüfen. Falsche Lagebilder mit weitreichenden Folgen Radio Svoboda nennt weitere ähnliche Fälle aus Krynky, Poltawka, Kupjansk sowie aus Gebieten an der Grenze zur Region Dnipropetrowsk. Wie häufig solche Missionen tatsächlich stattfinden und wie viele Soldaten dabei ums Leben gekommen sind, ist allerdings unklar. Nach Einschätzung von Militärexperte Sharp können solche Einsätze über die eigentliche Propagandawirkung hinaus Folgen für den weiteren Kriegsverlauf haben. Wenn Kommandeure Gebietsgewinne meldeten, die tatsächlich noch nicht gesichert seien, könnten auf dieser Grundlage weitere militärische Entscheidungen getroffen werden. Dadurch bestehe die Gefahr zusätzlicher Verluste. Das ISW verweist in diesem Zusammenhang auf frühere russische Erfolgsmeldungen, die sich später als übertrieben oder verfrüht erwiesen hätten. Auch im Fall Kostjantyniwka sehen die Analysten derzeit keine Hinweise darauf, dass Russland die Stadt vollständig kontrolliert. Vielmehr sei davon auszugehen, dass die russischen Streitkräfte ihre Angriffe fortsetzen werden – allerdings unter hohen Verlusten und ohne einen schnellen operativen Durchbruch entlang der ukrainischen Verteidigungslinie.