Ukraine-Krieg: Russische Soldaten berichten von Erlebnissen beim Militär
Russische Soldaten berichten vom Krieg
"Es ist beschämend für den Staat"
Von t-online
Aktualisiert am 28.09.2026 - 11:59 UhrLesedauer: 4 Min.
Viele russische Soldaten sind schwer vom Krieg gezeichnet. Nach vier Jahren im Einsatz berichten einige, körperlich und mental am Ende zu sein.
Mehr als vier Jahre nach der Teilmobilisierung in Russland zeigen sich bei den damals eingezogenen Soldaten deutliche Spuren – sowohl psychisch als auch körperlich. In einem Bericht des Exilportals "Meduza" erzählen zwei russische Soldaten von ihren Erlebnissen an der Front. Dabei schildern sie zunehmende Frustration, aber einen unterschiedlichen Umgang mit der Situation.
Ein von "Meduza" Maxim genannter Soldat erzählt, er habe nicht eingezogen werden wollen und lange nicht glauben können, dass er tatsächlich Teil der Armee werde, selbst als er bereits auf dem Weg ins Ausbildungszentrum gewesen sei. "Es war wie in einer Reality-Show. Ich dachte, sie würden uns ansehen und sagen: 'Geht nach Hause, Leute. Wir haben Spezialeinheiten und die Nationalgarde, wir schaffen das auch ohne euch'", sagt er "Meduza".
Bei der Ausbildung sei ihm dann gesagt worden, er werde nicht an der Front eingesetzt, sondern nur zur Landesverteidigung. Schließlich sei er in einen Zug gesetzt worden, ohne das Ziel zu kennen. Mit einem Lastwagen sei er schließlich direkt an die Front gekommen. "Im Lastwagen wurde es still und alle waren entsetzt", berichtet Maxim.
Von 35 Mitgliedern der Einheit sind noch vier da
"Keiner von uns wusste wirklich, wie man kämpft, aber Befehl war Befehl: Wir standen wie eine Mauer und hielten die Stellung. Es war sehr schwer, es gab viele Verluste, aber keiner von uns verließ seine Position", erzählt er "Meduza". Von 35 Mitgliedern seiner Einheit seien mittlerweile noch vier übrig. Alle anderen seien schwer verletzt oder tot. "Jeder Verlust von Freunden oder Kollegen ist deprimierend und belastend. Besonders, wenn sie in meinen Armen sterben."
Bei Gefechten sei er mehrfach verletzt worden. Er könne auf einem Auge nichts mehr sehen und auf einem Ohr nichts mehr hören. Bei der militärärztlichen Untersuchung habe man ihm gesagt: "Das andere Auge kann sehen. Das andere Auge kann hören." Nur wer seine Gliedmaßen verloren habe, könne entlassen werden.
Er habe mehrfach daran gedacht, zu fliehen, sich aber dagegen entschieden. "Leute, die ich kenne, sind ein, zwei, drei Jahre lang geflohen – sie wurden geschnappt, und fast alle gelten jetzt als vermisst", erzählt Maxim.
An den Kosten der Einheit muss man sich beteiligen
Finanziell lohne sich der Krieg nicht. Er verdiene weniger als in seinem früheren Job. "Alle denken, wir würden viel verdienen, aber niemand weiß, dass es für die Armee nur ein Hungerlohn ist. Und wenn du es schaffst, auch nur 100.000 Rubel (etwa 1.000 Euro) nach Hause zu schicken, kannst du dich diesen Monat wirklich glücklich schätzen", sagt Maxim in dem "Meduza"-Bericht.
Zudem müsse man sich an den Kosten der Einheit beteiligen. Pro Monat gehe es um 20.000 bis 50.000 Rubel (209 bis 522 Euro). Dabei gehe es um Benzin, Drohnenteile, Verpflegung und Autoreparaturen.
Zunehmend verzweifle Maxim auch an dem russischen Staat: "Es ist fast schon beschämend für den Staat, zuzugeben, dass die Armee Personal braucht. Und das tut sie wirklich. Aber alle belügen sich gegenseitig, und deshalb, denke ich, haben wir nun schon seit vier Jahren keine Rotation mehr."
Mental ist Maxim offenbar schwer angeschlagen. Er könne zwar bei Panzerbeschuss schlafen, allerdings nicht mehr bei Stille. Als er während eines Heimaturlaubs zurück in die Stadt gekommen sei, habe er sich nicht mehr in einen Laden getraut: "Es war so hell, so grell, so überfüllt. Ich irrte wie in Trance umher." Als Zuhause bezeichnet er mittlerweile seinen Unterstand an der Front.
Ein Soldat berichtet von der Flucht
In dem "Meduza"-Bericht kommt ein weiterer Mann zu Wort, der sich über den Krieg noch kritischer äußert. Temirzhan Bayanow erzählt dabei, wie er als Sanitäter Soldaten geholfen hatte, Schlupflöcher zu finden, um in zivilen Krankenhäusern in Russland behandelt zu werden. Über die Behandlung in ukrainischen Krankenhäusern auf russisch besetztem Gebiet erzählt er: "Dort hat man keinerlei Rechte; man ist entbehrlich."
Daraufhin sei Bayanow ins Visier seiner Vorgesetzten geraten und von Kameraden informiert worden, dass er abgeholt werden sollte. Daraufhin sei er geflohen. Die Armee habe in der Folge auch seine Mutter aufgesucht und ihm mit Gefängnis gedroht. Schließlich sei er über eine Überwachungskamera aufgespürt und an einem Bahnhof verhaftet worden.
Schließlich sei Bayanow vor die Wahl gestellt worden, ob er zurück an die Front oder ins Gefängnis wolle. Trotz seiner Wahl für das Gefängnis habe ihn das Militär dennoch zurück an die Front schicken wollen. Schließlich sei ihm eine Flucht nach Spanien gelungen. Dort kämpfe er mit den Folgen des Kriegs: "Wäre ich früher geflohen, wäre ich nicht der Mensch, der ich jetzt bin. Nach zwei Gehirnerschütterungen ist mein psychischer Zustand katastrophal. Ich schlafe schlecht. Ich werde grundlos nervös und gerate in Panik."
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Über seine Sanitätsarbeit während des Kriegs erzählt Bayanow: "Es war furchtbar. Dort erlebte ich den ganzen Schrecken des Kriegs." Er sei in einem moralischen Dilemma gewesen: "Mir ist klar, dass ein russischer Soldat ein Mörder und Besatzer ist. Und so kam es, dass ich den Besatzern geholfen habe. Andererseits stellt sich die Frage nach dem Menschlichen: Hätte ich den Jungs nicht helfen sollen?"
Bei der Rekrutierung seien viele Ankömmlinge in Zelten untergebracht worden, da die Gebäude nicht ausgereicht hätten. Statt Generatoren für Licht und Heizung habe es aber nur einen Ofen gegeben. "Sie befeuerten ihn mit den humanitären Hilfsgütern, die ankamen – Keksen, Waffeln, Briefen von Kindern", berichtet Bayanow. "Später erfuhr ich, dass auch Generatoren mit den Hilfsgütern geschickt worden waren, der Regimentskommandeur sie aber verkauft hatte."