Ukraine meldet mehrere Tote nach russischen Angriffen
Am Vortag des NATO-Gipfels in der Türkei hat Russland die nächste schwere Angriffswelle auf ukrainische Städte gestartet. Kurz nach Mitternacht löste die Flugabwehr in fast allen Regionen der Ukraine Luftalarm aus, aus Kiew wurden heftige Explosionen gemeldet.
Die ukrainische Luftwaffe erklärte, Moskau habe in der Nacht 351 Drohnen und 68 Raketen eingesetzt. 29 ballistische Raketen hätten ihre Ziele getroffen. Im Zentrum der Angriffe habe die Hauptstadt Kiew gestanden.
Viele Opfer unter Trümmern befürchtet
Behörden und Medien berichteten über zahlreiche Einschläge in der Hauptstadt und ihren Vororten. Mehrere Gebäude wurden demnach beschädigt, mindestens 17 Menschen getötet. Allein in Kiew seien mindestens elf Menschen ums Leben gekommen, teilte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit. Diese Zahl dürfte ebenso steigen wie die der Verletzten - derzeit 60 Personen in Kiew.
In Kiew wurden den Berichten zufolge Wohngebäude in mehreren Stadtteilen getroffen. Ein Plattenbau stürzte teilweise ein, in der Mitte des Wohnblocks klaffte ein riesiges Loch. Unter den Trümmern werden verschüttete Menschen befürchtet. Auch in anderen Stadtteilen hat es nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko schwere Einschläge gegeben. Insgesamt trugen rund 30 Wohnhäuser Schäden davon.
Opfer gab es zudem im Umland von Kiew. Nach Behördenangaben sind dort sechs Menschen zu Tode gekommen. 21 Menschen wurden demnach verletzt.
"Das entspricht ganz Putins Art"
Selenskyj hatte am Abend in einer Videobotschaft davor gewarnt, dass Russlands Präsident Wladimir Putin noch vor dem Beginn des NATO-Gipfels in der Türkei eine weitere Welle Luftangriffe befehlen dürfte. Dabei berief er sich auf Informationen des ukrainischen Geheimdienstes.
"Das entspricht ganz Putins Art - unmittelbar nach dem amerikanischen Unabhängigkeitstag (am 4. Juli) und vor dem NATO-Gipfel in Ankara (am 6. Juli)" wolle er "noch mehr Unheil anrichten und Menschen töten", sagte Selenskyj. Offenbar setzten die Angreifer dann in der Nacht neben zahlreichen Drohnen auch Dutzende Marschflugkörper und Raketen ein.
Blick auf den kommenden NATO-Gipfel
In seiner Videobotschaft appellierte Selenskyj an die Partner der Ukraine, den Abwehrkampf seines Landes entschlossener zu unterstützen. "Jede Verzögerung bei der Lieferung von Raketen für unsere Flugabwehr und für die 'Patriot'-Systeme kostet Menschenleben und ermutigt Russland, den Krieg fortzusetzen", sagte er.
Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen rief zu weiterer Unterstützung für die Ukraine auf. "Die Ukraine braucht dringend mehr Luftverteidigung", erklärte sie im Onlinedienst X. Außerdem müsse der Druck auf Moskau steigen, "bis Russland das Blutbad beendet".
Russland: Angriffe auf Rüstungsfabriken
Russland bezeichnete den Großangriff als Schlag gegen die Rüstungsindustrie. Das Verteidigungsministerium in Moskau teilte mit, die Attacke habe sich gegen Waffenfabriken in der Hauptstadt Kiew gerichtet. Auch die Treibstoff- und Energieinfrastruktur in Kiew und der umliegenden Region sei attackiert worden.
Beschossen worden seien Fabriken, in denen Luft- und Seedrohnen, gepanzerte Fahrzeuge und Raketen hergestellt würden. Zudem sei das Werk "Vizar" in Wyschnewe angegriffen worden, das auf die Wartung von Flugabwehrsystemen und die Produktion von zugehörigen Raketen spezialisiert ist.
In Wyschnewe am Westrand Kiews war nach den Angriffen ein Großbrand ausgebrochen. Die Sicherheitskräfte evakuierten Hunderte Menschen wegen der Folgeexplosionen. Dies deutet auf einen Einschlag in einem Munitionslager hin.
Auch ukrainische Angriffe in Russland gemeldet
Auch die Ukraine griff wieder Ziele in Russland an. Bei einem ukrainischen Drohnenangriff in der russischen Region Jaroslawl sollen zwei Menschen verletzt worden sein. Der Gouverneur der Region, Michail Jewrajew, teilte mit, mehr als 70 ukrainische Drohnen seien bei dem Angriff auf die gleichnamige Regionalhauptstadt abgeschossen worden.
Das unabhängige russische Onlinemedium Astra berichtete, der Angriff habe einer Ölraffinerie in der Stadt gegolten und einen Brand ausgelöst. Jewrajew machte zunächst keine Angaben zu möglichen Schäden an Energieanlagen.