Ukraine: Russland rückt auf Festungsstädte Slowjansk und Kramatorsk vor
Kritischer Punkt in der Ukraine? Kiew und Warschau geben dem Krieg noch 100 Tage Von Simon Cleven 31.07.2026 - 16:11 UhrLesedauer: 4 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Die nächsten 100 Tage könnten den Ukraine-Krieg prägen. Im Donbass wächst Russlands Druck auf die Festungsstädte, während Kiew andernorts angreift. Am Donnerstag wagte Polens Ministerpräsident Donald Tusk eine Prognose. Er stand auf einem Feld nahe dem Dorf Tarnawa Kolonia, etwa 80 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Nur Stunden zuvor war dort ein russischer Marschflugkörper eingeschlagen und hatte einen Zehn-Meter-Krater hinterlassen. Ob der Einschlag von Russland geplant oder das Geschoss ein Irrläufer des großangelegten Luftangriffs auf weite Teile der Ukraine in derselben Nacht war, wurde zunächst nicht bekannt. Vor Journalisten sagte Tusk, dass das Geschoss wohl nicht in Richtung Polen abgefeuert worden wäre, "hätten die Ukrainer viel mehr von dem bekommen, was sie schon die ganze Zeit gefordert haben". Polen sei entschlossen, alles zu tun, damit die Ukraine diesen Krieg nicht verliere. Im Video | Kiew trifft russische Stadt empfindlich Player wird geladen Und Tusk erinnerte sich an ein Gespräch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj einen Tag zuvor. "Die Sache ist ganz klar: Die nächsten 100 Tage könnten über den Ausgang dieses Krieges entscheiden, und die Chancen stehen 50 zu 50", sagte der polnische Regierungschef über den Ukraine-Krieg. Mobilmachung in Russland? Putins Stimmungstest geht nach hinten los Neue Taktik im Luftkrieg: Ukraine zielt auf Russlands verwundbarste Punkte 100 Tage. Demnach ließe sich Anfang November absehen, wie sich der Ukraine-Krieg entwickeln wird. Ähnlich hatte sich schon Selenskyj selbst im Juni geäußert: Bis vor dem Winter müssten die Bedingungen für einen Waffenstillstand geschaffen werden, so der ukrainische Präsident damals. Seitdem schlägt die Ukraine kräftig zu: Beinahe täglich gibt es aufsehenerregende Drohnenangriffe auf Ölanlagen und Warenhäuser in Russland oder die russische Kriegslogistik in besetzten Gebieten. Das ist die eine Seite der Medaille. Im Video | Kiew trifft russische Stadt empfindlich Player wird geladen Kann sich die Ukraine im Donbass behaupten? Die andere Seite der Medaille zeigt sich im Donbass. Hier gestaltet sich die Lage für die ukrainischen Verteidiger weiterhin komplex. Zwar hatten die Kremltruppen in den vergangenen Monaten Probleme, Fortschritte zur vollständigen Eroberung der Region Donezk zu erzielen. Zuletzt jedoch gelang es Russland wieder, den Druck auf den ukrainischen Donbass-Festungsgürtel zu erhöhen: Slowjansk und Kramatorsk, die am stärksten ausgebauten Festungsstädte, geraten zunehmend in Reichweite der Russen. Insofern könnten die Einschätzungen von Tusk und Selenskyj zutreffen. Bis zum Winter wird die Ukraine ihre Drohnenkampagne fortführen und womöglich ausbauen, um Russland möglichst großen Schaden zuzufügen. Gleichzeitig wird Russland seinen Fokus auf dem Donbass beibehalten. Beide wollen ihre Ausgangsposition für mögliche Friedensverhandlungen stärken. Die dabei womöglich entscheidende Frage: Kann sich die Ukraine im Donbass behaupten und das Blatt so bis zum Winter gänzlich wenden? Kiews Truppen und der neue Armeechef Mychajlo Drapatyj stehen vor einem Dilemma. Russland nimmt Kurs auf die wichtigsten Festungsstädte im Donbass Im Süden des Festungsgürtels bleibt Kostjantyniwka der Brennpunkt. Ukrainische Einheiten versuchen, die Stadt so lange wie möglich zu halten, um russische Kräfte zu binden und einen unmittelbaren Vorstoß Richtung Druschkiwka und Kramatorsk zu verzögern. Besonders schwierig ist die Lage im Osten der Stadt, wo russische Truppen Industrie- und Uferbereiche am Fluss Krywyj Torez erobert haben sollen. Zugleich stoßen sie nördlich von Kostjantyniwka vor und bedrohen die südlichen Zugänge zum Ballungsraum Kramatorsk. Auch östlich von Kramatorsk und Slowjansk verschlechtert sich die Lage. Nach Angaben des französischen Militäranalysten Clément Molin haben erste russische Einheiten inzwischen Stellungen etwa zehn Kilometer östlich beider Städte erreicht. Seit dem Fall von Siwersk Ende 2025 sei dieser Frontabschnitt einer der erfolgreichsten für Russland gewesen, so Molin: Die russische Armee habe ihre Positionen dort konsolidiert und sich zehn bis 15 Kilometer nach Westen vorgeschoben. Besonders kritisch ist Mykolajiwka, ein Ort rund zehn Kilometer östlich von Slowjansk. Dort wurden laut Molin bereits russische Einheiten entdeckt, die das Gebiet infiltrieren. Zuletzt sollen Kremlsoldaten am östlichen Ortsrand aufgetaucht sein. Mykolajiwka gilt als östliches Einfallstor nach Slowjansk. Russische Kräfte nähern sich über Waldgebiete entlang des Flusses Siwerskyj Donez sowie über kleinere Ortschaften in der Region. Der Schutz durch dichte Wälder erschwert ukrainische Gegenschläge erheblich. Ein kleines Dorf "von strategischer Bedeutung" Auch weiter südlich nutzen russische Einheiten Waldstücke sowie das Gebiet um das Dorf Raj-Oleksandriwka, um in ukrainisch kontrolliertes Gebiet einzufallen: "Dieses kleine Dorf, das auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, ist tatsächlich von strategischer Bedeutung, da die umliegenden Anhöhen die Stadt Slowjansk überragen", schreibt Molin auf X. Loading... Loading... Loading... Ukrainische Angriffe in Russland: "Das schiere Ausmaß war schockierend" Schwerer Verlust: Ukraine verliert wertvollen F-16-Kampfjet im Einsatz Auch entlang des Siwerskyj-Donez-Donbass-Kanals seien mehrere westlich des Kanals gelegene Dörfer in eine Grauzone geraten, da russische Soldaten nach und nach in kleinen Gruppen in das Gebiet eindringen. Setze sich diese Entwicklung fort, könnten russische Soldaten perspektivisch bis an den Kramatorsker Stadtteil Bilenke herankommen, so Molin. Ein rascher Angriff auf Slowjansk und Kramatorsk gilt trotz dieser komplexen Lage als unwahrscheinlich. Kanäle, Flussläufe, Höhen, befestigte Stellungen und urbane Räume begünstigen die Verteidiger. Zugleich sind die ukrainischen Kräfte in diesem Frontabschnitt begrenzt, und Russland rückt trotz hoher Verluste weiter langsam vor. Die Nähe erlaubt es den Kremltruppen, die Städte und ihre Versorgungswege stärker zu überwachen und mit Artillerie und Drohnen unter Beschuss zu nehmen. Ukraine-Offensive im Süden stockt Gleichzeitig kommt eine Offensive der Ukrainer ins Stocken. In der südlichen Region Saporischschja führen Kiews Truppen seit Monaten Angriffe gegen russische Einheiten, die 2025 weit nach Westen vorgestoßen waren und unter anderem Huljajpole eingenommen hatten. Ukrainische Gegenangriffe zwangen Russland jedoch, Kräfte umzuschichten und den Angriff zu verlangsamen. In den vergangenen Wochen konnten ukrainische Truppen mehrere Kilometer in russische Verteidigungslinien eindringen und Orte wie Piddubne und Nowochatske einnehmen. Entscheidend durchbrochen ist die russische Front dort aber nicht. Der operative Nutzen liegt vor allem darin, russische Reserven zu binden, die sonst im Donbass aktiv werden könnten, und einen neuen Vorstoß der Russen zu verhindern. Für Kiew entsteht daraus ein strategisches Dilemma, das der neue Armeechef Mychajlo Drapatyj lösen muss: Die Offensive in Saporischschja entlastet Teile der Südfront und bindet russische Kräfte. Gleichzeitig fehlen genau diese Reserven womöglich im Donbass, wo sich die Lage zwischen Kostjantyniwka, Kramatorsk und Slowjansk zunehmend kritisch entwickelt.