Ukraine schlägt Russland mit "stiller Offensive" im Süden zurück
Geheimoperation der Ukraine "Diese Offensive wurde präzise durchgeführt" Von Simon Cleven 21.08.2026 - 10:34 UhrLesedauer: 3 Min. Die Ukraine hat im Süden des Landes eine monatelange Gegenoffensive durchgeführt – ohne großes Aufsehen. 26 Ortschaften und 745 Quadratkilometer wurden dabei zurückerobert. Im August 2025 bestätigten ukrainische Militärexperten, was die Armeeführung lange verschwiegen hatte: Kremltruppen waren erstmals in die Region Dnipropetrowsk vorgedrungen und hatten die Kontrolle über mehrere Ortschaften übernommen. Für Russland war das vor allem ein symbolischer Erfolg, der von der Kremlpropaganda ausgeschlachtet wurde. Zwei Monate zuvor hatte Wladimir Putin erklärt: "Wo der Fuß eines russischen Soldaten steht, das gehört uns." Nach der Logik des Kremlchefs hätte Russland also Anspruch auf eine weitere ukrainische Region. Die Realität auf dem Schlachtfeld ist aber eine andere: Weder kontrolliert Russland die Region noch hat der Vorstoß den Kremltruppen entscheidende Vorteile gebracht. Dennoch konnten die Ukrainer dies nicht einfach hinnehmen. Und so ging die ukrainische Armee wenige Monate später zum Gegenangriff über – jedoch ohne die Offensive öffentlich zu kommunizieren. Die "stille Offensive" der Ukraine war erfolgreich. Mitte vergangener Woche meldete sich Präsident Wolodymyr Selenskyj zu Wort: Zwischen Januar und August hätten seine Truppen eine Offensive in Richtung Oleksandriwka im Gebiet Donezk unternommen. 26 Dörfer und insgesamt 745 Quadratkilometer in den Regionen Dnipropetrowsk, Saporischschja und Donezk seien zurückerobert worden. Auf russischer Seite seien 9.550 Soldaten gefallen, 6.600 weitere seien verwundet worden. Unabhängig überprüfen lässt sich das nicht. "Diese Offensive wurde präzise durchgeführt – genau so, wie es vorgesehen war", so Selenskyj. Doch wie ist das den Ukrainern gelungen? "Die Kämpfe dauern an" Nach der Meldung des Präsidenten triumphierten manche ukrainische militärnahe Kanäle bereits und erklärten, dass Dnipropetrowsk vollständig von russischen Truppen befreit sei. Das stimmt jedoch nicht, wie der ukrainische Generalstab am Montag mitteilte. "Die Kontrolle über die Region Dnipropetrowsk ist noch nicht vollständig wiederhergestellt. Das Gebiet der Siedlung Datschne ist weiterhin besetzt. Die Kämpfe dauern an", zitierte der ukrainische Sender Suspilne den Generalstab. Dennoch: Das Ausmaß der Offensive ist durchaus bemerkenswert. Immerhin erstreckt sich der ukrainische Gegenstoß über eine Breite von rund 60 Kilometern entlang der Front im Süden. Der Erfolg der Gegenoffensive beruht offenbar weniger auf einem größeren Durchbruch als auf einem über Monate vorbereiteten, schrittweisen Vorgehen. Dabei sollen Drohnen in der Luft und am Boden eine größere Rolle gespielt haben. Ukrainische Mittelstreckenangriffe wirken auf die Südfront Seit Januar griffen kleine ukrainische Verbände einzelne russische Stellungen an, sicherten Gelände und konzentrierten Drohnen sowie Feuerkraft jeweils auf gut gewählte Ziele. Zugleich attackierten ukrainische Kräfte Straßen, Versorgungskolonnen und andere Logistikziele bis weit hinter der Front. Diese sogenannten Mittelstreckenangriffe hatten seit Juni große Aufmerksamkeit erregt, weil die Ukraine besonders die russische Versorgung der Krim massiv behinderte. Durch die Angriffe und die Unterbrechung ihrer Logistik gerieten insbesondere kleine, schlecht versorgte russische Posten an der Südfront unter Druck. Nach Darstellung der beteiligten Einheiten sollte das Vorgehen eigene Verluste begrenzen und die russischen Kräfte systematisch zermürben. Im Video | Schwere Raketenangriffe erschüttern Kiew Player wird geladen Begünstigt wurde die Offensive durch Schwächen auf russischer Seite: Viele Stellungen waren offenbar nur dünn besetzt, Geländegewinne nicht ausreichend befestigt und die Nachschubwege anfällig. Zudem hat Moskau Reserven für seine Offensive im Donbass abgezogen, um dort den ukrainischen Festungsgürtel unter Druck setzen zu können. Überdies dürfte die Abschaltung des Satelliteninternetdiensts Starlink für die Kremltruppen in der Ukraine zur Schwächung der Russen in der Region beigetragen haben. Mehrere ukrainische Verbände nutzten den Ausfall der Satellitenverbindungen zunächst auch für Vorstöße mit Panzern und anderen gepanzerten Fahrzeugen. Anschließend setzten sie die Offensive mit kleinen Stoßtrupps und begrenzten, aufeinanderfolgenden Angriffen fort. Während Kiew von 745 zurückgewonnenen Quadratkilometern (in etwa die Fläche Hamburgs) spricht, beziffert das Institute for the Study of War (ISW) die belegbaren Geländegewinne konservativer auf rund 627 Quadratkilometer. Loading... Loading... Loading... Russland musste geplante Offensive wohl vertagen Über den unmittelbaren Geländegewinn hinaus hatte die Operation offenbar auch operative Folgen. Nach Angaben des ukrainischen Militäranalysten Kostjantyn Maschowez im Gespräch mit der britischen BBC musste Russland Verbände der 5. und 36. Armee in den bedrohten Abschnitt verlegen, wodurch eine geplante Offensive weiter nördlich gebremst oder aufgegeben worden sein soll. Damit band die Ukraine Kräfte, die Moskau an anderer Stelle für eigene Vorstöße vorgesehen hatte. Begünstigt wurde der ukrainische Erfolg zudem durch die monatelange Geheimhaltung: Medien berichteten auf Bitte des Militärs kaum über die Kämpfe, sodass Umfang und Schwerpunkt der Angriffe lange unklar blieben. Hinzu kamen mögliche Führungsprobleme auf russischer Seite. Lokale Kommandeure sollen Geländeverluste nicht oder verspätet nach oben gemeldet haben, was Gegenmaßnahmen verzögert haben könnte.