Ukraine: Wie kann Deutschland trotz "Patriot"-Mangel helfen?
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sucht händeringend nach Abfangraketen für die "Patriot"-Systeme, Flugabwehrsysteme aus US-amerikanischer Produktion. Sie sind das einzige Mittel, um ballistische Raketen aus Russland abzuwehren. Deutschland hat, gemeinsam mit Frankreich, unter all den Staaten, die die Ukraine militärisch unterstützen, die Verantwortung für die Luftverteidigung der Ukraine übernommen. Doch das ist einfacher gesagt als getan. Die sicherheitspolitische Sprecherin der Grünen, Sara Nanni, appelliert daher an die US-Amerikaner und die NATO-Staaten: Sie alle müssten noch einmal prüfen, ob sie nicht doch weitere eigene Abfangraketen entbehren könnten. "Jede Nacht, die die Ukraine quasi ohne Luftverteidigung dasteht, sterben Menschen in immer höheren Zahlen. Und ich glaube, da muss entgegengewirkt werden." Da ist sich die Oppositionspolitikerin Nanni mit der Bundesregierung einig. Der oberste deutsche General, Generalinspekteur Carsten Breuer, hat im März 2025 klar gesagt: "Ein sicherer Himmel über der Ukraine bleibt oberste Priorität". Iran-Krieg hat US-Bestände massiv reduziert Die Bundesregierung versucht, überall auf der Welt Flugabwehrsysteme und die entsprechende Munition zusammenzusammeln - dabei geht es um das Material, das viele Länder, vor allem in Europa, für die nationale Verteidigung zurückhalten. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums, Oberst Mitko Müller, schildert die Herausforderung: "Dieser Austausch ist auch eine Form der Überredungsarbeit." Es vergehe kein Treffen der Verteidigungsminister, bei dem nicht über das Thema gesprochen werde. Doch Sprechen hilft längst nicht mehr im vierten Jahr des Krieges. Die Bestände an den wirksamen Abfangraketen sind weitgehend leer. Bei den Europäern, weil sie bereits viel an die Ukraine geliefert haben. Aber auch bei den US-Amerikanern. Nicht wegen der Ukraine, sondern wegen des Krieges gegen Iran. In der Region sind enorm viele "Patriot"-Raketen verschossen worden, zum Schutz der US-amerikanischen Militärbasen und der Verbündeten im Nahen Osten. Auch wenn US-Präsident Trump einem Mangel widerspricht, geht das Center for Strategic and International Studies in Washington davon aus, dass zwischen Februar und Juli 2026 rund 65 Prozent der US-"Patriot"-Abfangraketen verbraucht wurden. Vor Beginn des Krieges seien noch 2.330 Raketen verfügbar gewesen; jetzt weniger als 850. Produktion kann mit Bedarf nicht Schritt halten Matthew Whitaker, US-Botschafter bei der NATO, lässt keinen Zweifel daran, woher der Nachschub für die Ukraine kommen müsste: "Sei es von unseren Verbündeten, die zusätzliche Raketen haben, oder durch die Produktion in unseren eigenen Fabriken". Das Problem: Die Produktion in den US-Firmen kommt dem steigenden Bedarf nicht mehr hinterher. Die "Patriot"-Systeme seien "absolute Hightech-Produkte", erläutert Fabian Hoffmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Norwegischen Militärakademie. "Diese Raketen müssen sehr schnell an Höhe gewinnen, sie müssen enorm präzise sein, damit sie direkt in den ankommenden Flugkörper reinlenken können. Und gleichzeitig müssen sie auch noch manövrierfähig bleiben." Die Raketen könnten dadurch auf Ausweichmanöver von ankommenden Flugkörpern reagieren. Deutsche Lizenz für Herstellung von älteren "Patriot"-Typen Eine "Patriot"-PAC3-Rakete, die als effektiv gegen ballistische Raketen mittlerer und längerer Reichweite gilt, kostet einen Millionenbetrag. Nichts, was man sich auf Halde legt. Und nichts für Fließband-Produktion, denn für die "Patriot"-Systeme benötigt man spezielle Komponenten und Produktionsstätten, die nicht jedes Land zu bieten hat. Außerdem viel Know-how. Die USA sind sehr zögerlich mit der Vergabe von Lizenzen für die "Patriot"-Produktion, aus Sorge vor Spionage, aber wohl auch, um nicht das Monopol zu verlieren. Dabei können die US-eigenen Betriebe die Anforderungen der Regierung nicht mehr schnell genug erfüllen. Bisher hat lediglich Japan eine Lizenz und ab Herbst Deutschland für die Fertigung von "Patriot"-Raketen eines älteren Typs, die nicht die höchste Leistungsfähigkeit haben. Trotzdem sei das ein Lichtblick, so Rüstungsexperte Hoffmann. 30 Raketen? "Ein Tropfen auf den heißen Stein" Dass auch die Ukraine eine Lizenz bekommt, worum Selenskyj immer wieder bittet, halten Fachleute eher für unwahrscheinlich. Zwar hatte Trump Selenskyj beim NATO-Gipfel in Ankara Hoffnung gemacht, die Zusage aber kurze Zeit später relativiert. Abgesehen davon wäre das auch keine kurzfristige Lösung. Was aber bleibt dann? Verteidigungsminister Boris Pistorius konnte zuletzt mit viel Mühe rund 30 Raketen zusammensammeln. Ein Tropfen auf den heißen Stein, wie Hoffmann klarstellt: "Die Russen produzieren derzeit wahrscheinlich um die 700 bis 800 ballistische Raketen pro Jahr. Tendenz steigend." Um dem etwas entgegensetzen zu können, brauche man mindestens das Zweifache an Abfangraketen. "Eine einzelne Abfangrakete, die hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit, einen Flugkörper vom Himmel zu holen. Die ist aber nie 100 Prozent." Das heißt, die Ukraine müsste 1.400 bis 1.600 Abfangraketen pro Jahr haben. Eine Dimension, die weit über das hinausgeht, was die Bundesregierung an versprochener Unterstützung mobilisieren kann. Passiver Schutz immer wichtiger Hoffmann sieht dieses Versprechen kritisch. "Wenn es um ballistische Raketenabwehr geht, ist der Verteidiger einfach strukturell im Nachteil." Er versteht die jüngsten Angriffe auf russisches Gebiet als Versuch, die Abnutzung in diesem Krieg auch auf die andere Seite zu tragen. Für den Schutz in der Ukraine selbst helfe mittel- und langfristig angesichts der fehlenden Abfangraketen nur der passive Schutz, wie zum Beispiel das Verlegen von wichtigen Industrie- und Energieanlagen unter die Erde. Nanni von den Grünen fordert, mehr um die Ecke zu denken, also nicht nur in Militärlieferungen. Der Druck auf Russland müsse erhöht werden. "Deutschlands Verantwortung ist es in erster Linie dabei zu helfen, endlich den Geldhahn zuzudrehen. Denn es ist klar: Was Russland dort tut, kann es nur tun, weil es weiter durch die deutsche Ostsee und die Ostsee insgesamt illegales Öl mit der Schattenflotte exportiert." Weil mit diesem Geld auch die Produktion ballistischer Raketen finanziert wird, mit denen wiederum inzwischen Tag für Tag die Ukraine angegriffen wird.