Ukraines Stromnetz in Gefahr: Russlands 2000
Russland setzt im Norden der Ukraine offenbar verstärkt kleine Drohnen ein, die sich weder durch Betonverschalungen noch durch elektronische Störsender zuverlässig aufhalten lassen. Spezielle FPV-Drohnen werden Berichten zufolge über kilometerlange Glasfaserkabel gesteuert und greifen gezielt Hochspannungsanlagen in der frontnahen Region Sumy an. Aufnahmen mehrerer Angriffe wurden auf russischen Kanälen in sozialen Netzwerken veröffentlicht. Die in London ansässige Rechercheorganisation Centre for Information Resilience, kurz CIR, überprüfte das Material und ordnete die Schauplätze geografisch zu. Auch die Nachrichtenagentur Reuters konnte die Aufnahmen verifizieren. Erste Drohne reißt Loch, zweite fliegt hinein Die neue Angriffsmethode ist offenbar genau auf jene Schutzvorkehrungen zugeschnitten, mit denen die Ukraine ihre Energieanlagen seit Beginn des russischen Angriffskrieges nachgerüstet hat. Hochspannungstransformatoren wurden mit massiven Betonkonstruktionen umgeben. Zusätzliche Netze sollen anfliegende Drohnen abfangen. Nach Erkenntnissen des CIR schicken russische Einheiten zunächst eine Drohne gegen das Schutznetz, um darin eine Öffnung zu schaffen. Eine zweite Drohne fliegt anschließend durch das Loch. Teilweise steuern die Piloten die kleinen Fluggeräte um die Betonwände herum und durch Lüftungsöffnungen ins Innere der Anlage. Das Ziel ist dort der sogenannte Autotransformator, ein zentraler Bestandteil großer Umspannwerke. Wird er zerstört, kann die gesamte Transformatoreneinheit ausfallen. In einem Umspannwerk mit einer Spannung von 330 Kilovolt kostet ein solcher Autotransformator nach Angaben des ukrainischen Energieexperten Oleksandr Chartschenko rund 3,5 Millionen US-Dollar. Eine Glasfaser-FPV-Drohne ist dagegen bereits für etwa 2000 US-Dollar erhältlich. „Das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist erschütternd“, sagte CIR-Ermittler Joshua Scriven gegenüber Reuters. Glasfaserkabel macht Störsender wirkungslos Herkömmliche FPV-Drohnen werden per Funk gesteuert. Die Ukraine setzt entlang der Front deshalb zahlreiche Systeme zur elektronischen Kampfführung ein, die das Steuersignal stören oder unterbrechen sollen. Bei Glasfaser-FPV-Drohnen läuft die Verbindung dagegen über ein dünnes Kabel, das während des Fluges hinter dem Gerät abgerollt wird. Funkstörsender können diese Verbindung nicht blockieren. Die Steuerung funktioniert, solange das Kabel weder reißt noch an Bäumen, Gebäuden oder anderen Hindernissen hängen bleibt. Die Nato bezeichnete glasfasergesteuerte Drohnen bereits 2025 als neue Bedrohung, die herkömmliche Systeme der elektronischen Abwehr umgehen kann. Nach Angaben des CIR wurden seit Mai mindestens vier Angriffe auf große und augenscheinlich stark geschützte Umspannwerke mit 330 Kilovolt bestätigt. Mindestens vier weitere Angriffe galten kleineren Anlagen mit 110 Kilovolt. Die großen Umspannwerke lagen nach Auswertung der ukrainischen Kartenplattform Deepstate zwischen 16 und 26 Kilometer von der Front entfernt. Die Angriffe zeigen damit auch, dass die Reichweite kleiner Glasfaserdrohnen weiter zunimmt. Russland experimentiert seit Monaten mit unterschiedlichen Methoden, um FPV-Drohnen weiter hinter der Front einsetzen zu können. Dazu gehören neben Glasfaserkabeln auch größere Trägerdrohnen, die kleinere Fluggeräte näher an ihr Ziel bringen. Russland könnte ganze Regionen vom Netz trennen Scriven vermutet hinter den Angriffen eine umfassendere russische Strategie. Demnach könnten zunächst die Verbindungen einzelner Regionen zum landesweiten Stromnetz unterbrochen werden. Anschließend ließen sich örtliche Kraftwerke und Verteilanlagen angreifen, um ganze Gebiete ohne Strom zu lassen. Russland bombardiert die ukrainische Energieversorgung seit Jahren mit Raketen und schweren Kampfdrohnen. Die neuen FPV-Angriffe ergänzen diese Angriffe nun mit einer wesentlich billigeren und präziser steuerbaren Waffe. Die Region Sumy steht wegen ihrer Lage an der russischen Grenze besonders unter Druck. Der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow erklärte am Mittwoch, die Sicherheitslage habe sich dort seit Juni deutlich verschlechtert. Russland habe den Einsatz von Glasfaserdrohnen, anderen Kampfdrohnen und Gleitbomben erheblich ausgeweitet. „Russlands Ziel ist es, die Menschen zu terrorisieren und das Leben in den Grenzregionen unerträglich zu machen“, schrieb Fedorow. Nach seinen Angaben wurden seit Jahresbeginn mehr als 2600 Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser, Energieanlagen und andere zivile Einrichtungen in der Region beschädigt oder zerstört. Diese Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen. Der Internationale Strafgerichtshof hatte bereits Haftbefehle gegen ranghohe russische Militärs wegen mutmaßlicher Angriffe auf die ukrainische Stromversorgung zwischen Oktober 2022 und März 2023 erlassen. Russland bestreitet, gezielt Zivilisten anzugreifen, und erklärt, seine Angriffe dienten ausschließlich militärischen Zwecken. Russlands Benzinkrise: Sacharowa verspottet deutsche Botschaft mit Bus-Spruch Lesen Sie mehr zum Thema