Ukrainische Panzer rücken vor
Startseite
Politik
Todeszone geknackt: Ukrainische Panzer durchbrechen Russlands Drohnen-Gürtel
Von: Tim Krüger
Uns auf Google folgen
Monatelang galten Panzer als leichte Beute. Bei Oleksandriwka knackt die Ukraine Russlands Drohnen-Todeszone und rückt mit Panzern vor.
Oleksandriwka/Kiew – Über Monate galt ein schwerer Kampfpanzer an der ukrainischen Front als nahezu chancenlos: Russische FPV-Drohnen (die von Piloten per Videobrille aus der Ich-Perspektive gesteuert werden), Artillerie und Systeme der elektronischen Kampfführung hatten eine bis zu 40 Kilometer tiefe Zone geschaffen, in der jede Fahrzeugbewegung in Echtzeit erfasst und bekämpft werden konnte. Die ukrainischen Streitkräfte zogen ihre gepanzerten Verbände daraufhin weit hinter die Linie zurück und versteckten sie in getarnten Unterständen, Waldstücken und Hallen.
Nach rund acht Monaten planmäßiger Vorbereitung gelang es den ukrainischen Verbänden, die russische Drohnen-Todeszone partiell aufzubrechen und Kampfpanzer – darunter britische Challenger-2-Modelle sowie US-amerikanische M1 Abrams – wieder einzusetzen. Die Offensive erstreckte sich dabei über mehrere Frontabschnitte in den Regionen Dnipro, Donezk und Saporischschja; ukrainischen Militärangaben zufolge wurden insgesamt 745 Quadratkilometer mit 26 Ortschaften zurückerobert.
Systematische Zerschlagung der russischen Nachschublinien
Der Schlüssel zum Erfolg lag nicht in einem frontalen Durchbruch, sondern in der methodischen Zerstörung der russischen Versorgungsinfrastruktur. Ukrainische Präzisionswaffen griffen Konvois und Logistikfahrzeuge in unterschiedlichen Tiefen hinter der Front an: Transporte mit Drohnen und Akkus wurden in 15 Kilometern Tiefe abgefangen, Artillerie-Nachschub weiter hinten, Aufklärungsdrohnen sogar über 100 Kilometer hinter den Linien.
Allein im Mai wurden mehr als 200 russische Versorgungsfahrzeuge teils über 160 Kilometer hinter der Front zerstört. Militärexperte Robert Tollast vom Londoner Royal United Services Institute (RUSI) analysierte diesen Ansatz als planmäßige Demontage von Russlands Fähigkeit, seine Kampfkraft aufrechtzuerhalten. Die Fronttruppen litten unter akutem Mangel an Munition und Drohnensätzen, während russische Drohnenpiloten und Störsysteme tiefer ins Hinterland ausweichen mussten.
Damit verschob sich der Schwerpunkt der russischen Todeszone nach hinten und eröffnete den ukrainischen Kräften einen temporär abgesicherten Korridor. Wie Analyst Sam Cranny-Evans (RUSI) darlegt, sei die Gefahrenzone zwar nicht verschwunden, lasse sich nun aber in Abschnitten durchqueren, die zuvor unpassierbar waren. Dazu trugen auch Aufklärungsdrohnen mit IMSI-Catchern, die als falsche Mobilfunkmasten fungieren, und Handys russischer Soldaten zum Einbuchen zwangen und deren Funksignale orteten.
Mobilfunk-Ortung und Infanterie bereiteten Panzervorstoß vor
Über diese Schnittstelle fing die ukrainische Aufklärung Messenger-Nachrichten in Echtzeit ab; panische Funksprüche über Einschläge dienten direkt zur Zielkorrektur. Da SpaceX zudem die illegale Nutzung von Starlink-Terminals durch russische Kräfte blockierte, brachen alternative Kanäle zusammen. Wie der Spezialist für elektromagnetische Kriegsführung, Thomas Withington, treffend beschrieb: Wer sein Mobiltelefon einschaltete, leuchtete im Spektrum wie ein Weihnachtsbaum.
Nachdem der Drohnenschirm ausgedünnt war, drangen weit verstreute Infanteriegruppen zu Fuß vor – teils über 19 Kilometer durch vermintes Gelände. Dass die Bedrohung durch kilometerweit reichende Drohnen-Todeszonen ein Vorrücken zu Fuß erfordert, prägt die Front seit Monaten. Flüsse wie die Wowtscha wurden schwimmend überwunden, während Transportdrohnen Ausrüstung ans Ufer lieferten.
Die schweren Kampfpanzer bildeten dabei ausdrücklich nicht die Stoßspitze. Sie rückten erst nach, als die Infanterie Positionen gesichert hatte, um das Territorium gegen Gegenangriffe mit Direktfeuer zu verteidigen. Zudem blieben die Fahrzeuge dank spezieller Schutzgitter und Reaktivpanzerungen überlebensfähig. Die Initiative „Steel Front“ entwickelte dafür maßgefertigte Käfige für den Abrams, die rund 430 Kilogramm wiegen.
Taktischer Erfolg, aber keine Rückkehr zu alten Doktrinen