Umfragen zeigen: Wer Sprachnachrichten statt Texte verschickt, sucht Nähe, ohne dafür viel tun zu müssen
Psychologie
Wer Sprachnachrichten statt Texte verschickt, sucht Nähe, ohne dafür viel tun zu müssen
von Annika Philipps
Die Gründe, weshalb wir Sprachnachrichten senden, sind vielfältig. Neben Effizienz geht es vielen Menschen auch darum, Nähe mit möglichst wenig Aufwand zu erhalten und zu spenden.
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Täglich werden weltweit allein über WhatsApp mehr als sieben Milliarden Sprachnachrichten versendet. Umfragen und Studien sehen darin ein Paradoxon: Wir sehnen uns nach Nähe, wollen dafür aber so wenig Energie wie möglich aufwenden.
Im Video oben erfährst du, wie du eine Sprachnachricht bei WhatsApp in einen Text umwandeln kannst.
Nähe auf Knopfdruck: Warum sind Sprachnachrichten so beliebt?
Sprachnachrichten bieten jede Menge Vorteile:
Effizient: Im Durchschnitt spricht ein Mensch etwa 150 Wörter pro Minute, tippt aber auf dem Smartphone-Bildschirm nur sage und schreibe 40 mickrige Wörter pro Minute. Schnell eine Sprachnachricht aufzunehmen, ist für viele daher schneller.
Weniger anstrengend: Nach der Cognitive Load Theory von John Sweller, stößt unser Gedächtnis beim Verfassen von Texten schnell an seine Kapazitäten. Beim Sprechen regulieren sich viele Menschen weniger, was dann auch weniger anstrengend ist.
Multitasking: Wir können Sprachnachrichten aufnehmen, während wir andere Dinge tun – die Hände bleiben dabei frei.
Studien zeigen zudem: Die Stimme einer vertrauten Person zu hören, hebt unsere Stimmung
Die menschliche Stimme ist eines der wichtigsten Werkzeuge zur Bindungspflege – nicht umsonst werden Eltern immer dazu animiert, viel mit ihren Babys zu sprechen, zu lachen, und herumzualbern. Alle Nuancen der Stimme, wie Sprachrhythmus oder Melodie, gehen bei Textnachrichten verloren.
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Eine Studie der University of Wisconsin-Madison testete die genauen Auswirkungen: Wenn Probanden dort nach einer Stresssituation die Stimme einer vertrauten Person hörten, schüttete ihr Körper das Bindungshormon Oxytocin aus, während das Stresshormon Cortisol sank. Bei Textnachrichten bliebt dieser Effekt aus – stattdessen blieben die Stresswerte dort auf dem Niveau, das dem der Kontrollgruppe ohne jeglichen Kontakt entsprach.
Die Kehrseite: Bequemlichkeit belastet oft Beziehungen
Wer Sprachnachrichten sendet, spart wertvolle Zeit, lädt aber die gesamte Last der Entschlüsselung und Strukturierung aller Informationen beim Empfänger ab. Psychologen nennen das eine „Asymmetrie des Aufwands“, ein Ungleichgewicht in der Kommunikation.
Informationen in langen Sprachnachrichten wiederzufinden, ist zudem quasi unmöglich. Auch kannst du sie nicht, wie einen Text, einfach zwischendurch und jederzeit anhören, sondern brauchst dafür eine ruhige Umgebung und eventuell sogar Kopfhörer, um nicht alle Menschen um dich herum mit deinem Gossip zu unterhalten.
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Sprachnachricht vs. Telefonat: Warum viele nicht anrufen wollen
Den Grund dafür sehen die Psychologen Amit Kumar und Nicholas Epley darin, dass Menschen systematisch die positiven Effekte eines Telefonats unterschätzen, während die Erwartungshaltung für negative Effekte (wie zum Beispiel peinliche Stille während eines Calls) überschätzt werden. In ihrer Studie schlossen sie, dass es dabei primär um Bequemlichkeit ging.
Telephobie, also die Angst vorm Telefonieren, kann ebenfalls dafür sorgen, dass Menschen lieber schreiben, statt anzurufen. Falls du, oder jemand, den du kennst, davon betroffen ist, könnte eine psychologische Beratung sinnvoll sein.