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Arzt-Aushang spricht ChatGPT-Selbstdiagnostiker an – und trifft damit einen Nerv bei Patienten
Von: Bjarne Kommnick
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Ein vermeintlicher Praxis-Aushang über ChatGPT sorgt für Wirbel. Dahinter steckt eine Debatte über Arzt-Wartezeiten und die Risiken künstlicher Intelligenz.
München – Die Erkältung sitzt fest, der Kopf dröhnt – und der nächste Arzttermin ist erst in einigen Tagen frei. In solchen Situationen suchen viele Menschen inzwischen nicht mehr nur im Wartezimmer, sondern auch im Internet nach Antworten. Symptome werden in Suchmaschinen eingegeben, Laborwerte abfotografiert und Chatbots nach möglichen Ursachen gefragt – mit erheblichen Gefahren, wie eine Studie zeigt. Denn in einigen Fällen können sie erhebliche Fehleinschätzungen treffen.
Ein vermeintlicher Aushang einer Arztpraxis nimmt nun jedoch die Selbstdiagnosen mit deutlichen Worten aufs Korn: „Patienten, die eine Diagnose bereits über ChatGPT bezogen haben, werden gebeten die Zweit-Meinung nicht bei uns, sondern bei Gemini einzuholen“, steht auf einem abfotografierten Zettel. Der Ausdruck ist in einer Klarsichthülle an einer Holztür befestigt. Zu sehen ist der Hinweis in einem Beitrag auf Reddit.
Vermeintlicher Praxis-Aushang zu ChatGPT: Patienten kritisieren Wartezeiten und schwammige Diagnosen
Ob der Aushang echt ist, lässt sich anhand des Beitrages nicht feststellen. Dennoch stößt er auf große Aufmerksamkeit und wird vielfach weiterverbreitet. Doch nicht wirklich aus Zustimmung. Der Zettel greift offenbar einen Konflikt auf, den viele Menschen aus ihrem Alltag kennen: Patienten suchen schnelle Orientierung, während Ärztinnen und Ärzte zunehmend mit Vorab-Diagnosen aus dem Internet und von Chatbots konfrontiert sind. In der Online-Community wird das Motiv vielfach aufgegriffen und kommentiert.
Ein User schreibt: „Wenn man als Kassenpatient nicht 8 Monate auf ’nen Facharzttermin warten müsste, wäre es gar nicht nötig, mal im Internet zu recherchieren.“ Die von der Regierung geplante AU ab dem ersten Tag dürfte diese Situation nicht besser machen. Ein anderer ergänzt: „Oder wenn der Arzt einem einfach mal zuhören würde und man nicht nach zwei Stunden Wartezeit und fünf Minuten beim Arzt im Zimmer schon wieder rausgeschickt wird, weil man ja angeblich nichts hat.“
Dabei handelt es sich offenbar nicht um einen Einzelfall, sondern um eine häufige Erfahrung, wie viele Nutzer berichten: „Das ist dann der gleiche Arzt, wo man Monate auf Termine wartet, damit der einem nach vier Stunden im Wartezimmer sagt, man soll mehr trinken.“ Ein User kommentiert ironisch: „Spoiler: der Arzt googelt selbst die Symptome der Patienten im Internet.“ Insgesamt bekommt der unbekannte Urheber des Aushangs viel Gegenwind im Netz.
Umfrage zeigt: 62 Prozent recherchieren Symptome vor dem Arztbesuch
Die digitale Suche nach Gesundheitsinformationen ist für die Mehrheit der Menschen mittlerweile ein fester Bestandteil des Alltags geworden. Laut einer repräsentativen Bitkom-Umfrage nutzen 62 Prozent der User das Netz ganz gezielt, um ihre Symptome vorab zu recherchieren und sich so optimal auf einen bevorstehenden Arztbesuch vorzubereiten.
Dass das Internet als medizinischer Ratgeber fast universell verankert ist, verdeutlicht auch eine KKH-Umfrage: Demnach haben bereits 91 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal im Leben online nach Krankheiten, Diagnosen oder Behandlungsmethoden gesucht.
Wartezeit auf Facharzttermin: Kassenpatienten warten im Schnitt 42 Tage
Dass Patienten nach digitalen Hilfsmitteln suchen, kommt nicht aus dem Nichts. Besonders bei Facharztterminen erleben viele Menschen die medizinische Versorgung als schwer planbar. Nach Angaben des Deutschen Ärzteblatts lag die durchschnittliche Wartezeit gesetzlich Versicherter auf einen Facharzttermin im Jahr 2024 bei 36 Tagen – bis heute dürften es eher mehr geworden sein. Betrachtet man nur jene Versicherten, die nicht sofort einen Termin erhalten haben, waren es durchschnittlich sogar 42 Tage – neun Tage mehr als 2019. Die Daten gehen auf eine Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage zurück.
Die Wartezeit hängt jedoch unter anderem von Fachrichtung, Region, Dringlichkeit und dem gewählten Zugangsweg ab. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) meldete für das Jahr 2025 bei über den Terminservice 116117 vermittelten Facharzt- und Psychotherapieterminen eine durchschnittliche Wartezeit von 8,6 Tagen. 91 Prozent der Versicherten seien innerhalb von 28 Tagen vermittelt worden. Die Auswertung bezieht sich ausdrücklich nur auf Termine, die über die 116117 vermittelt wurden – nicht auf sämtliche Arzttermine in Deutschland.
Auch eine Versichertenbefragung im Auftrag des GKV-Spitzenverbands zeigt ein gemischtes Bild: Die Mehrheit wartet demnach nicht monatelang auf jeden Facharzttermin. Gleichzeitig empfindet etwa ein Drittel der gesetzlich Versicherten die Wartezeit auf einen Facharzttermin als zu lang. Bei Hausarztpraxen fällt die Bewertung deutlich positiver aus.
Fake-Krankheit „Bixonimania“: Wie ChatGPT und andere KIs medizinische Fehlinformationen übernehmen
Doch schnelle Abhilfe über das Internet birgt auch erhebliche Gefahren. Wie leicht künstliche Intelligenz medizinische Behauptungen übernehmen kann, zeigt ein Experiment der Wissenschaftlerin Almira Osmanovic Thunström von der Universität Göteborg. Sie erfand die Krankheit „Bixonimania“ und veröffentlichte dazu gefälschte, mit absurden Ungereimtheiten versehene Texte und Studien. In ersten Abfragen reagierte ChatGPT noch skeptisch. Später beschrieben mehrere Chatbots die erfundene Erkrankung jedoch sachlich als medizinische Tatsache.
Demnach übernahmen unter anderem ChatGPT, Microsoft Copilot und Google Gemini die erfundene Krankheit in ihren Antworten. Besonders problematisch: Eine wissenschaftliche Arbeit, die sich auf „Bixonimania“ bezog, wurde laut dem Bericht sogar in einem Fachjournal veröffentlicht und später zurückgezogen.
Eine ergänzende Untersuchung kommt zu einem beunruhigenden Ergebnis: Sprachmodelle neigten besonders dann zu Fehlinformationen und Ausschmückungen, wenn ein Text professionell-medizinisch wirkte – etwa wie ein Arztbrief oder eine klinische Studie. Der Anschein von Autorität kann damit stärker wirken als die tatsächliche Qualität der Information.
ChatGPT bei Gesundheitsfragen: Warum eine KI keine ärztliche Diagnose ersetzt
Das Problem liegt wohl nicht darin, dass Chatbots grundsätzlich keine nützlichen Informationen liefern können. Sie können medizinische Begriffe erklären, Fragen für den Arztbesuch strukturieren oder dabei helfen, einen Befund sprachlich besser zu verstehen. Eine Diagnose ersetzen sie jedoch nicht. Ihnen fehlen die körperliche Untersuchung, der vollständige Krankheitsverlauf, verlässliche Messwerte und die Verantwortung, die mit einer medizinischen Entscheidung verbunden ist.
Wer Beschwerden hat, sollte Warnzeichen ernst nehmen, bei akuten Notfällen den Rettungsdienst unter 112 verständigen und bei dringenden, aber nicht lebensbedrohlichen Problemen den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117 kontaktieren. Quellen: Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung, GKV-Spitzenverband, nature.com, kkh.de, bitcom.org, Deutsches Ärzteblatt (bk)