Unerkannter Zerstörer: Die Ozonschicht war schon vor der Verbreitung von FCKW angegriffen
Der Abbau der Ozonschicht wäre einer Studie zufolge wahrscheinlich schon 1957 erkannt worden, wenn es damals bereits entsprechende Messgeräte gegeben hätte. Die Entdeckung des Ozonlochs über der Antarktis mittels Satellitentechnik sei jedoch erst rund 30 Jahre später erfolgt, schreibt ein Team um Studienleiterin Susan Solomon vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge. Ursache für den frühen Abbau der vor UV-Strahlen der Sonne schützenden Ozonschicht seien damals nicht die bekannten Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) gewesen, sondern eine andere Industriechemikalie. Diese Substanz namens Tetrachlormethan (CCl₄) wurde als Lösungsmittel genutzt, lange bevor FCKW in Kühlanlagen und Sprühdosen verbreitet waren. Keine erkennbaren gesundheitlichen Auswirkungen Tetrachlormethan sei bereits ab 1914 in den USA als industrielles Lösungsmittel genutzt worden, berichtet das Team in den „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften. Es sei spätestens in den 1930er Jahren verbreitet gewesen. Beide Substanzen können Chlor abspalten und damit die vor den UV-Strahlen der Sonne schützende Ozonschicht schädigen. Im Zeitraum 1920 bis 1960 war Tetrachlormethan laut Studie der Hauptverursacher des menschengemachten Ozonabbaus. Danach sei die Konzentration der FCKW in der Atmosphäre rapide angestiegen. Der Ozonabbau durch Tetrachlormethan sei wesentlich geringer gewesen als die spätere Schädigung durch FCKW, sagte Studienleiterin Solomon. „Er war zu gering, um erkennbare gesundheitliche Auswirkungen zu haben“, so die Forscherin, die in den 1980er Jahren mit Messungen von der Antarktis aus selbst maßgeblich zur Aufklärung der Ursachen des Ozonschwunds beigetragen hat. Für ihre Studie haben die Forscher die Reaktion der Ozonschicht auf Naturphänomene wie etwa Vulkanausbrüche modelliert. „Im Fall von Tetrachlormethan ist das wirklich Spannende, dass wir auch Daten aus Eisbohrkernen haben“, sagte Solomon. Diese enthalten Spuren chemischer Substanzen aus der Atmosphäre früherer Jahrzehnte. Gesundheitsrisiken von UV-Strahlung Im Jahr 1974 belegten Chemiker im Labor den Abbau von Ozon durch FCKW. In den 1980er Jahren zeigten unter anderem Satellitendaten, dass die Ozonschicht besonders über der Antarktis immer durchlässiger für schädliche UV-Strahlung wurde. Das führte 1987 zum Montrealer Protokoll. Durch das Protokoll wurde die Produktion ozonzerstörender Stoffe wie etwa FCKW und Tetrachlormethan stark eingeschränkt. „Infolgedessen ist die Ozonschicht nun auf dem Weg zur Erholung bis Mitte des 21. Jahrhunderts“, schreibt die Weltwetterorganisation (WMO). Das reduziere die Risiken von Hautkrebs, Grauem Star und Schäden an Ökosystemen, die durch erhöhte UV-Strahlung entstehen, deutlich. Die Forschenden verweisen auf ein weiteres Detail: Der vom Menschen verursachte Ozonabbau wäre 1957 zuerst über den Tropen erkannt worden, wenn es entsprechende Messmöglichkeiten gegeben hätte. Dies liege an den geringen natürlichen Schwankungen der Ozonmenge in dieser Region. So hätte man den Verlust dort am ehesten bemerken können. Die Ozonverluste über höheren Breiten, also in Richtung der Erdpole, seien zwar größer gewesen, aber aufgrund der natürlichen Schwankungen auch schwerer erkennbar. Voraussetzung wäre zudem gewesen, dass die Messungen schon 1950 begonnen hätten, um Vergleichsdaten zu erhalten, mit denen sich die Verluste bestimmen lassen. (dpa)