Ungesunder Lebensstil beeinträchtigt Kognition schon bei jungen Erwachsenen
Demenzrisiken über die gesamte Lebensspanne Bis zu 45 % aller Fälle von Demenz könnten theoretisch durch die Vermeidung modifizierbarer Risikofaktoren verhindert werden. Der Lifestyle for Brain Health (LIBRA)-Index wurde entwickelt, um individuelle Potenziale zur Verbesserung der Gehirngesundheit anhand bekannter Risiko- und Schutzfaktoren zu quantifizieren. Bisher wurde seine Aussagekraft überwiegend bei Menschen mittleren und höheren Alters untersucht. Die vorliegende Studie untersuchte, ob der LIBRA-Score auch bei jüngeren Erwachsenen mit der kognitiven Leistungsfähigkeit assoziiert ist und welche Rolle Geschlecht und sozioökonomischer Status spielen. Fast 150.000 Erwachsene aus NAKO-Studie untersucht Grundlage der Untersuchung waren Daten von 149.948 Teilnehmern der Deutschen Nationalen Kohorte (NAKO) im Alter von 20 bis 75 Jahren. Die kognitive Leistungsfähigkeit wurde anhand standardisierter Tests zu Gedächtnis, exekutiven Funktionen und Verarbeitungsgeschwindigkeit erfasst. Aus den Ergebnissen wurde ein globaler Kognitionsscore berechnet. Der LIBRA-Index Der LIBRA-Index umfasst zehn modifizierbare Risikofaktoren, darunter Hypertonie, Hypercholesterinämie, Diabetes, Depression, Rauchen, körperliche Inaktivität, Adipositas und Alkoholkonsum. Höhere LIBRA-Werte entsprechen einem ungünstigeren kardiometabolischen und verhaltensbezogenen Risikoprofil. Unterschiedliche Risikoprofile je nach Alter Die Analyse zeigte deutliche altersabhängige Unterschiede in der Verteilung der Risikofaktoren. Kardiovaskuläre Risiken nahmen mit zunehmendem Alter stark zu. So stieg die Häufigkeit einer Hypertonie von 13,5 % bei den 20- bis 29-Jährigen auf 74,4 % bei den 70- bis 75-Jährigen. Auch Hypercholesterinämie, Diabetes und koronare Herzerkrankungen wurden im höheren Alter deutlich häufiger beobachtet. Demgegenüber waren verhaltensbezogene und psychosoziale Risikofaktoren bei jüngeren Erwachsenen stärker verbreitet. Rauchen betraf 25,0 % der 20- bis 29-Jährigen, jedoch nur 8,4 % der ältesten Teilnehmer. Auch Depressionen und körperliche Inaktivität waren in jüngeren Altersgruppen häufiger vertreten. Höhere LIBRA-Werte gehen mit schlechterer Kognition einher Über alle Altersgruppen hinweg zeigte sich ein konsistenter Zusammenhang zwischen höheren LIBRA-Werten und einer geringeren kognitiven Leistungsfähigkeit. Nach Adjustierung für Alter, Geschlecht, Bildung, sozioökonomischen Status und weitere Einflussgrößen war jeder zusätzliche LIBRA-Punkt mit einer Verschlechterung des globalen Kognitionsscores verbunden. Stärkerer Zusammenhang zwischen Risikofaktoren und Kognition bei Jüngeren Bemerkenswert war, dass dieser Zusammenhang bereits bei jungen Erwachsenen deutlich nachweisbar war. Bei den 20- bis 29-Jährigen sank die kognitive Leistungsfähigkeit mit jedem zusätzlichen LIBRA-Punkt signifikant. Die Stärke des Zusammenhangs war in dieser Altersgruppe stärker ausgeprägt als bei älteren Teilnehmern. Damit liefert die Studie erstmals Evidenz dafür, dass der LIBRA-Index auch im jungen Erwachsenenalter relevante Unterschiede in der kognitiven Leistungsfähigkeit abbildet. Sozioökonomische Unterschiede bereits früh sichtbar Ein weiterer zentraler Befund betrifft den sozioökonomischen Status (SES). Personen mit niedrigem SES wiesen in allen Altersgruppen höhere LIBRA-Werte und damit ungünstigere Risikoprofile auf als Personen mit hohem SES. Dieser Unterschied war besonders bei jungen Erwachsenen ausgeprägt. Zudem zeigten sich bei Frauen mit niedrigem und mittlerem SES häufiger statistisch signifikante Zusammenhänge zwischen LIBRA-Werten und kognitiver Leistungsfähigkeit als bei Männern. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass soziale Ungleichheiten bereits früh im Erwachsenenalter zu Unterschieden in der Gehirngesundheit beitragen können. Demenzprävention sollte deutlich früher beginnen Die Autoren sehen ihre Ergebnisse als Unterstützung für einen lebensspannenorientierten Ansatz der Demenzprävention. Modifizierbare Risikofaktoren beeinflussen die kognitive Leistungsfähigkeit offenbar nicht erst im höheren Alter, sondern bereits Jahrzehnte früher. Präventionsstrategien sollten daher frühzeitig ansetzen und insbesondere sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen stärker berücksichtigen. Die Studie unterstreicht zudem den Nutzen des LIBRA-Index als Instrument zur Identifikation individueller Risikoprofile nicht nur im mittleren und höheren, sondern bereits im jungen Erwachsenenalter. Dadurch könnten präventive Maßnahmen gezielter eingesetzt werden, um die langfristige Gehirngesundheit zu fördern und das Demenzrisiko zu senken.