Ungewöhnliche Riesen-Trucks rollen zwei Wochen durch die Region und rütteln sie durch
Sperrige Gefährte mit riesigen Reifen und einer Art Stempel am Boden werden sich im Herbst einen Weg durch Oberschwaben bahnen. Vibro-Trucks, Spezialfahrzeuge zur seismischen Erforschung des Untergrunds, sind im Auftrag des Landesamtes für Geologie, Rohstoffe und Bergbau (LGRB) in den Kreisen Biberach und Ravensburg unterwegs. Ziel ihres Einsatzes sind neue Erkenntnisse über tiefe Erdschichten. Das Projekt „2D Seismik Oberschwaben“ soll helfen, zukünftig tiefe Geothermie zur Gewinnung von Wärme zu nutzen. Oberschwaben gilt dafür - neben dem Rheingraben - in Baden-Württemberg als besonders geeignet. Für einen regionalen Energieversorger werden die Messdaten allerdings zur falschen Zeit am falschen Ort erhoben. Was machen die Vibro-Trucks? Die drei hochspezialisierten Fahrzeuge gehören der polnischen Firma Geofizyka Torun, die geologische Erkundungsdienstleistungen anbietet. Im Auftrag des LGRB werden sie sich im Oktober entlang zweier Messlinien durch Oberschwaben bewegen. Eine Linie verläuft von Maselheim bei Biberach in Nord-Süd-Richtung bis Leutkirch, die zweite in Ost-West-Richtung von Aulendorf bis Ochsenhausen. Hinzu kommt eine kleine Seitenlinie von Füramoos nach Südosten. Die Trucks rollen Stück für Stück in Kolonne vorwärts. Nach jeweils nur wenigen zehn Metern senken sie den „Stempel“ - eine Rüttelplatte - auf den Boden. Diese erzeugt durch ein 10 bis 30 Sekunden andauerndes Vibrieren Schwingungen im Erduntergrund. Die Schwingungen werden von bestimmten Erdschichten reflektiert. Kleine Messgeräte im Umfeld der Trucks, sogenannte Geofone, nehmen die zurückgeworfenen Schwingungen auf. Aus den Messdaten können Fachleute dann ein Bild des Untergrunds errechnen. „An Schichtgrenzen ändert sich meist die Dichte des Gesteins. Wenn die Seismikwellen so eine Grenze erreichen, werden sie gebrochen und reflektiert“, erklärt Ulrike Wielandt-Schuster, Referatsleiterin für Geologische Landesaufnahme beim LGRB. Sie schätzt, dass die Messungen für die Nord-Süd-Linie und die Ost-West-Linie jeweils eine Woche brauchen. Sie werden dabei auf öffentlichen Straßen unterwegs sein - oft auf Nebenstraßen, aber wo es nicht anders geht auch auf Bundesstraßen wie der B465 im Wurzacher Ried. Da die Vibro-Trucks langsam rollen, sind laut Wielandt-Schuster keine Straßensperrungen nötig. Kann das Gerüttel Schäden verursachen? Nein, sagt Wielandt-Schuster. „Was die Geophone aufnehmen, spürt der Mensch überhaupt nicht.“ Und: „Wenn man direkt neben den Vibrotrucks steht, spürt man die Vibration, aber vorbeifahrende Lastwagen verursachen ähnlich starke Erschütterungen.“ Werde in der Nähe von Gebäuden gemessen, kämen Schwingungsmesser zum Einsatz. Sobald bestimmte Grenzwerte erreicht würden, würden die Geräte sofort abgeschaltet. Handelt es sich bei dem Verfahren um Geothermie? Nein, es ist gewissermaßen die Vorarbeit dafür. Ziel von „2D Seismik Oberschwaben ist es, die geologischen Strukturen in der Tiefe besser zu erfassen. Damit soll die Datengrundlage für mögliche spätere Vorhaben im Bereich der tiefen Geothermie verbessert werden. Denn auch wenn Geothermie langfristig eine erneuerbare und kostengünstige Energieversorgung ermöglichen kann, ist ihre Erschließung zunächst teuer. Probebohrungen können, wenn sie misslingen, ein kommunales Stadtwerk an den Rand der Pleite bringen. Zwar gibt es zum Untergrund in Oberschwaben schon viele Messdaten aus den 1950er- bis 1980er-Jahren, unter anderem weil damals hier nach Erdöl gesucht wurde. Doch die Qualität dieser Daten genügt heutigen Erfordernissen nicht. Was ist tiefe Geothermie? Unter Tiefengeothermie versteht man die Nutzung von Erdwärme, wenn diese aus mehr als 400 Metern Tiefe gewonnen wird. Ansonsten ist von oberflächennaher Erdwärme die Rede. Letztere ist schon vergleichsweise weitverbreitet: Zehntausende Haushalte im Südwesten werden über Erdwärmesonden beheizt, die in diese Kategorie fallen. Bei der Tiefengeothermie, mit der man Wärmenetze speisen und Strom erzeugen kann, ist in Deutschland der Großraum München führend. In Baden-Württemberg steckt das Thema noch in den Anfängen. Oberschwaben ist - wie auch der Rheingraben - geologisch dafür besonders gut geeignet. „Für Kommunen, Stadtwerke und Unternehmen bietet die tiefe Geothermie eine lokale, umweltfreundliche Energiequelle mit langfristig stabilen Wärmepreisen und einer regionalen Wertschöpfung“, sagt Jürgen Scheurer, Geschäftsführer des Branchenverbands Plattform Erneuerbare Energien Baden-Württemberg. „Sie stellt eine kontinuierlich verfügbare, von Wetter sowie Tages- und Jahreszeiten unabhängige erneuerbare Energiequelle dar. Zudem kann sie dauerhaft Wärme liefern – und je nach Temperatur auch Strom.“ Wie werden die Daten verwendet? Die vom Land erhobenen Messdaten werden öffentlich zugänglich sein. Stadtwerke oder auch andere Energieversorger können sie nutzen. „Mehrere Kommunen in Oberschwaben bauen in ihrer Wärmeplanung bis 2040 auf klimaneutrale Geothermie“, sagt Umwelt-Staatssekretär Andre Baumann (Grüne). „Das macht Sinn, da heißes Wasser aus dem Untergrund Wärme ohne hohe laufende Kosten liefert und die Anlagen an der Oberfläche nur wenig Platz brauchen und keine Emissionen verursachen.“ Die Daten können Interessenten Hinweise geben, ob Probebohrungen für Geothermie an einem bestimmten Standort sinnvoll sind. Das senkt das Risiko für Fehlinvestitionen. Gibt es nicht schon Geothermie-Projekte in Oberschwaben? In der Vergangenheit wurden Konzessionen für die Suche nach tiefer Erdwärme bestimmte Gebiete in den Bereichen Ravensburg/Weingarten, Biberach und Albstadt vergeben, im Fall von Ravensburg und Weingarten an die Technischen Werke Schussental (TWS). Der Energieversorger hat seine Bemühungen inzwischen aber wieder eingestellt. „Grund für den Rückzug sind mangelnde geologische Voruntersuchungen in der Region“, teilt eine TWS-Sprecherin mit. „Das Risiko, dass wir nicht oder nicht ausreichend fündig sind, ist zu hoch, um den hohen finanziellen Aufwand bis dahin zu rechtfertigen.“ Das Seismik-Projekt des Landes soll nun genau diese Daten liefern. Das Problem: Bei der Definition der aktuellen Messlinien hat das LGRB die bestehenden Konzessionsgebiete ausgespart, um kein einzelnes Unternehmen zu bevorzugen. Die Folge: Die Daten, die die TWS bräuchte, um mit vertretbarem Risiko Probebohrungen zu machen, werden nun wegen der bestehenden Konzession dort erhoben, wo sie der TWS nichts bringen. Es werde jetzt ein Gebiet untersucht, „in dem aus unserer Sicht nicht ausreichend Potenzial besteht, um die Geothermie mit einem Wärmenetz nutzbar zu machen“, so die TWS-Sprecherin. Denn dort gebe es weder genügend Abnehmer für die Wärme, noch Investoren. Der Regionalversorger hat sich von dem Thema deswegen verabschiedet. „Nach aktuellem Stand verfolgen wir die Tiefe Geothermie in Ravensburg und Weingarten vorerst nicht weiter.“ Was kostet die Messaktion? Für Projekte im Zusammenhang mit der Wärmewende stellt das Umweltministerium für die Jahre 2025 bis 2029 insgesamt 2,7 Millionen Euro bereit, davon ist „2D Seismik Oberschwaben das größte Einzelprojekt. Allein die Messkampagne im Oktober kostet laut LGRB etwas mehr als eine Million Euro. Wie geht es weiter? In den nächsten Tagen bietet das LGRB zwei öffentliche Informationstermine an: Zu beiden Terminen stehen Fachleute zu unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten an Infotischen für Fragen zur Verfügung. Ab Anfang Oktober werden Arbeiter im Auftrag des LGRB in der Gegend unterwegs sein und erste Messungen vornehmen. Der Einsatz der Vibro-Trucks folgt ab etwa Mitte Oktober und dauert ungefähr zwei Wochen. Verwertbare Messdaten sollen Mitte 2027 vorliegen.