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Uni-Skandal in Großbritannien: Vom Wunderkind zum „Irrläufer“

Allgemein

Seit Wochen stand er im Mittelpunkt hitziger Diskussionen in Großbritannien – nun hat er seinem Leben ein Ende gesetzt. Jason Arday, bis vor Kurzem Professor für Bildungssoziologie an der britischen Universität Cambridge, wurde am Freitagnachmittag tot in einem Haus im Südlondoner Stadtteil Battersea aufgefunden. Es gebe keine verdächtigen Umstände, teilte die Polizei mit. Arday wurde 41 Jahre alt. Am 5. August war Arday von seiner Professur zurückgetreten, kurz nachdem die Universität Cambridge eine Untersuchung zu den Umständen der Berufung des jüngsten Schwarzen Professors in ihrer über 800-jährigen Geschichte angekündigt hatte. In einer Erklärung gab er als Grund ein „gnadenloses Ausmaß der öffentlichen Durchleuchtung und persönlichen Angriffe“ in den Jahren seit seiner Berufung im Jahr 2023 an. „Es gibt einen Punkt, an dem der persönliche Preis zu hoch wird. Ich habe eine Familie, ich möchte für sie da sein.“ Cambridge hatte Arday damals als Spitzentalent gefeiert. Doch zugleich stand er wegen Plagiatsvorwürfen im Zwielicht. Kritiker warfen ihm vor, große Teile seiner Doktorarbeit von 2015 seien mit einer Dissertation aus dem Jahr 2009 identisch. Die Vorwürfe kamen zuletzt von Nathan Cofnas, einem ehemaligen Cambridge-Forscher, der wegen rassistischer Äußerungen entlassen wurde. Doch Cofnas war nicht der Erste, der Arday beschuldigte. Plagiats-Fachseiten dokumentieren, dass die Vorwürfe seit Ardays Berufung immer wieder auftauchten. 2025 legte eine Gruppe von Wissenschaftlern der Universität ein umfangreiches Dossier dazu vor. Als ein Journalist der Fachzeitschrift Times Higher Education Supplement Arday um eine Stellungnahme bat, erhielt er statt einer Antwort Post von der Topanwaltskanzlei Carter-Ruck. Diese sprach von einer „Kampagne der Belästigung“ und forderte eine Zusicherung, dass kein Artikel veröffentlicht wird. Außerdem bekam der Journalist Besuch von der Londoner Polizei, die ihn aufforderte, Arday nicht mehr zu kontaktieren. Es ging um mehr als nur Plagiate Ardays Doktorarbeit mit dem Titel „An exploration of peer-mentoring among student teachers’ to inform reflective practice within the context of action research“ wurde 2015 an der John Moores Universität in Liverpool eingereicht. Die Doktorarbeit, die sprachlich durchaus verbesserungsfähig erscheint, liegt der taz vor. In seinem Vorwort appelliert Arday an seinen kleinen Sohn Noah: „Lies dies eines Tages und wisse, dass Papa vielleicht nicht der Intelligenteste war, aber er versuchte immer sein Bestes.“ Wären es nur die Plagiatsvorwürfe gewesen, hätte die Affäre wohl kaum die Mauern der Universität verlassen. Cambridge hat Erfahrung mit solchen Fällen: 2023 enthüllte die Studentenzeitung Varsity, dass Geschichtsprofessor William O’Reilly regelmäßig Passagen aus Arbeiten seiner Studenten übernommen hatte – ohne Konsequenzen. Die Universität stellte sich zunächst auch hinter Arday. Als Autist habe er lernen müssen, andere zu imitieren, verteidigte er sich selbst. Die Universität Liverpool untersuchte die Vorwürfe selbst und kam zu dem Schluss, Arday habe Fehler gemacht, aber „in guter Absicht“. Doch bei Arday ging es um mehr als Plagiate. Sein Lebensweg, den er selbst oft öffentlich schilderte, war ein zentraler Grund für die Begeisterung über seine Berufung: Bis er elf Jahre alt war, habe er wegen Autismus nicht sprechen können, Lesen und Schreiben erst mit 18 gelernt, und er sei trotz eines Beinbruchs 600 Meilen in sechs Tagen gelaufen. Vieles davon stellte sich inzwischen als erfunden oder zumindest stark übertrieben heraus – wobei die Frage offen bleibt, inwiefern solche Darstellungen seinerseits in Zusammenhang mit seinen Lernstörungen stehen könnten. Wie Arday trotz fragwürdiger akademischer Leistungen Professor werden konnte, bleibt ungeklärt. Seine Berufung entschied 2022 ein neunköpfiges Gremium unter Leitung von Sally Morgan, Rektorin des Fitzwilliam College und Labour-Bildungspolitikerin, die schon Tony Blair beriet. Nur vier der Mitglieder waren Cambridge-Lehrkräfte. Details zum Auswahlprozess sind nicht bekannt. Als Arday 2023 seinen Posten aufnahm, nannte Hilary Cremin, Leiterin der Bildungsfakultät, ihn einen „Glücksfall“ und sagte vor laufenden Kameras: „Du bist der Beste.“ Aushängeschild für die Uni Ein Glücksfall war Arday vor allem für Cambridge selbst. Die 800-jährige Universität, seit Menschengedenken unter den Spitzenunis der Welt, bemüht sich seit Jahren, der Wahrnehmung entgegenzutreten, sie sei eine Eliteuniversität in einem anderen Sinn als Wissenselite. Akademische Exzellenz steht im Vordergrund, die Ansprüche dabei sind sehr hoch. Cambridge ist zugleich ein Vorreiter für Förderprogramme für sozial Benachteiligte, mittlerweile entstammen ein Viertel der Studienanwärter ärmeren Familien und gut ein Drittel ethnischen Minderheiten. Doch im Lehrpersonal bleibt die ethnische Diversität gering, wie auch der jüngste Diversity Report der Universität für 2024–25 bestätigt. Berufungen wie die von Jason Arday sind da bestens geeignet, um den Eindruck zu erwecken, dass Cambridge tatkräftig an diesem Problem arbeitet. Nun fürchten Schwarze Persönlichkeiten in Großbritannien, der Fall werfe ein schlechtes Licht auf Schwarze im akademischen Betrieb. „Arday ist ein Opfer von Menschen, die eine bestimmte Weltansicht so sehr anstrebten, dass sie grundlegende Checks bei der Einstellung versäumten – und ihn dann im Regen stehenließen, als alles auseinanderfiel“, sagte die Schwarze Moderatorin Esther Krauke auf Instagram. Der Schwarze ehemalige konservative Innen- und Außenminister James Cleverly schrieb auf X, Ardays Tod mache ihn „wütend“, denn: „Zahlreiche akademische Institutionen müssen Fragen beantworten, denn sie haben Arday in eine Stellung befördert, für die er eindeutig nicht qualifiziert war, damit sie mit der Einstellung eines Schwarzen Wunderkindes angeben konnten. Sie haben ihn aus Eigennutz ins Rampenlicht gestellt.“ Ganz offensichtlich war nicht nur Arday mit der Kritik daran überfordert, auch die Universität selbst. Zahlreiche Cambridge-Professoren unterschrieben, als die Affäre Anfang August ihren Lauf nahm, einen Solidaritätsbrief für Arday, zogen ihre Unterschriften später jedoch ohne Begründung zurück. Die Universität erklärte am 2. August zunächst, die Vorwürfe gegen Arday „sind geprüft worden“ – vier Tage später verkündete sie eine Untersuchung „infolge neuer Informationen“. Nachdem bekannt wurde, dass Arday seine Professur niedergelegt hatte, fügte sie eine weitere Erklärung hinzu, wonach man auch das Stellenbesetzungsverfahren insgesamt untersuchen werde. Das Jesus College, wo Arday als Fellow residierte – die Universität Cambridge besteht zwar aus Fakultäten und Abteilungen, aber alle Lehrkräfte und Studenten sind Mitglieder von insgesamt 31 Colleges, die unabhängig voneinander sind – distanzierte sich noch eindeutiger: Die Universität, nicht das College, sei für die Überprüfung seiner Eignung verantwortlich gewesen. Arday habe keine Lehrtätigkeit für das College ausgeübt. Psychologe sprach noch am Todestag mit Arday Am selben Tag veröffentlichte die Vizekanzlerin der Universität, Deborah Prentice, ein Schreiben an „Universitätskollegen“, das die Untersuchungen genauer ausführte und dann, als befände sie sich im Jahr 1926 und nicht 2026, fügte sie hinzu: „Ich möchte sehr klar sein, dass wir nicht die Ergebnisse einer Untersuchung brauchen, um klar und laut zu sagen, dass unsere farbigen Mitarbeiter hochgeschätzt sind.“ Über Arday, ohne Namensnennung, stand da: „Dieser besondere Fall ist ein Irrläufer.“ Einen Tag später nahm sich Arday das Leben. Noch am Morgen seines Suizids sprach der Cambridge-Psychologieprofessor Simon Baron-Cohen, der Arday persönlich kannte, mit ihm, wie er am Samstag im BBC-Rundfunk erzählte. Arday sei mit den Konsequenzen der Fragen über ihn nicht klargekommen, sagte er. „Im Herzen dieses Falles ist ein Mann, bei dem in seiner Kindheit Lernstörungen diagnostiziert wurden, welche Autismus und Sprachverzögerung beinhalteten. Er war ein verletzliches Kind, ein verletzlicher Teenager und ein verletzlicher Erwachsener und aus diesem Grund benötigte und verdiente er professionellen Schutz und Unterstützung bei jedem Schritt.“ In der Schwarzen Community ist jetzt die Bestürzung groß. Warum bot ihm die Universität oder sein College kein „Safe House“ an, um den medialen Shitstorm zu überstehen, fragte der Aktivist Chaka Artwell in der Schwarzen Zeitung Voice. Schwarze Kommentatoren sind sich einig, dass Arday das Opfer einer rassistischen Hexenjagd gewesen sei: „Sie wollen nicht, dass wir Erfolg haben“, wie es Artwell ausdrückt. Für Montagnachmittag ist eine antirassistische Trauerkundgebung am Trafalgar Square in London angesagt. Eine weitere Veranstaltung nahe seinem Wohnort in Battersea am Sonntag wurde abgesagt. Labour-Premierminister Andy Burnham – selbst Cambridge-Absolvent – forderte die Nation zu einer Atempause des Nachdenkens auf.

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