DAX -0,22 % 25.099,00 Pkt 18:00:00 MDAX -0,05 % 31.965,53 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +1,14 % 6.280,94 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,52 % 51.947,25 Pkt 23:26:43 S&P 500 -1,16 % 7.411,98 Pkt 23:26:35 Nasdaq -2,78 % 24.975,82 Pkt 23:15:59 Nikkei -2,73 % 64.611,15 Pkt 08:45:03 Gold +0,08 % 4.070,80 USD 22:59:59 Silber +0,43 % 58,91 USD 22:59:55 Brent 0,00 % 96,78 USD 22:59:55 WTI 0,00 % 89,31 USD 22:59:59 Bitcoin +0,21 % 64.447,15 USD 07:18:55 EUR/USD -0,32 % 1,13750 USD 23:29:21 EUR/GBP 0,00 % 0,85320 GBP 06:49:20 EUR/CHF +0,06 % 0,92970 CHF 06:49:20 EUR/JPY +0,08 % 186,245 JPY 23:29:21

Unser Technik-Rückstand wird als moralischer Sieg verkauft

Technologie

„Die KI ist kalt, wir leben“, schrieb ein „Spiegel“-Redakteur seinem Chefredakteur. Doch anstatt das Kälte-Argument bis auf seinen Schwachsinnskern zu entkleiden – auch der Fahrstuhl ist kalt gegenüber dem Treppensteigen, das Automobil gegenüber dem Pferdegespann und die Textilmaschine gegenüber der Handstickerei – ließ der Chefredakteur sich davon einnehmen. Die bisher schon rigide Einstellung des „Spiegel“ gegenüber der Künstlichen Intelligenz wird jetzt erst richtig rigoros. Der Chefredakteur schreibt den „Spiegel“-Lesern, warum auch das bisherige Gebot, die KI dürfe nicht „maßgeblich“ eingesetzt werden, plötzlich als zu lasch gilt und die KI-Nutzung de facto geächtet wird: „Wir haben ein Gemüt, das sich aus unserem Leben speist, aus unserem Menschsein, und ein erheblicher Teil dieses Gemüts ist die Leidenschaft, mit der wir unserer Arbeit nachgehen... Wir werden das Wort 'maßgeblich' aus unseren Richtlinien streichen…. Der Spiegel soll ein Fest von Menschen für Menschen bleiben, mal wild, mal gediegen, ein Menschenmedium. Das ist Teil unseres Ethos, unserer Identität.“ Romantisch verklärte Technologieverschlossenheit ergreift die Elite Dirk Kurbjuweit war einst mein Stellvertreter im „Spiegel“-Hauptstadtbüro, jetzt ist er Chefredakteur. Er ist ein romantisch-pathetischer Mensch. Er hat viele Romane geschrieben, auch solche, die verfilmt wurden. Er ist klug und formuliert besser, als es die KI je können wird. ANZEIGE ANZEIGE Will sagen: Der Mann ist gut und nicht problematisch. Problematisch aber ist die Positionierung, die er einer Zeitschrift gibt, die sich noch immer als Leitmedium versteht. Warum das wichtig ist: Der „Spiegel“ ist nicht allein. Eine romantisch verklärte Technologieverschlossenheit hat Besitz ergriffen von großen Teilen der kulturellen Elite. Man will nicht die Moderne besiedeln, sondern im deutschen Romantiktal sein Wigwam aufschlagen. Elon Musk strebt zum Mars; und Deutschland zurück in die Vergangenheit. Die neue Technik wird – das unterscheidet die heutigen Rebellen von ihren 68er Vorbildern – nicht auf der Straße bekämpft, nur im Alltag ignoriert, kuratiert und zensiert. Ein Held ist, wer US-Firmen wie Palantir, Meta und OpenAI verächtlich macht. Technologiefeindlichkeit wird als neuer Humanismus verkauft. Es lebe die Kreidezeit. Unser Spielrückstand wird als moralischer Sieg verkauft „In der ersten Halbzeit haben wir verloren; in der zweiten liegen wir hinten.“ So beschrieb einst Telekom-Chef Tim Höttges den Spielstand im globalen Wettkampf um die neuen Technologien. Daran hat sich nichts geändert. Das Neue: Die Ambition zur Aufholjagd, die Höttges im Sinne hatte, wird abgeblasen und der Spielrückstand als Sieg verkauft. Jedes Tor der US-Technologiekonzerne beweist unsere moralische Überlegenheit. Die Letzten werden die Ersten sein. Die Treibjagd auf Minister und Ministerpräsidenten, die KI für ihre Aufsätze und Reden eingesetzt haben, hat bereits begonnen. Der bekannte Plagiats-Jäger aus Österreich, der einst auf der Jagd nach zu Unrecht verliehenen Doktortiteln war, hat sein Geschäftsmodell erweitert. Er benutzt KI-Algorithmen, um KI-Texte zu enttarnen. Mehr Analysen von Gabor Steingart? Jetzt das The Pioneer Morning Briefing abonnieren und werktäglich im Postfach lesen. Hier anmelden Das ist surrealer als alles, was Franz Kafka sich hat einfallen lassen. In seiner Erzählung „Die Verwandlung“ wurde der Mensch zum Käfer. Jetzt wird die Technik zum Doppel-Agenten, weil sie beim Vollzug der Tat genauso hilft wie bei ihrer Enttarnung. Diese Doppelidentität kannte man bisher nur aus der Bibel, wo der gütige Gott und der strafende Gott die zwei Gesichter des einen Unsichtbaren waren. Nicht erfinden, sondern regulieren Das alles ist erst der Anfang. Gesetzgeber und Arbeitnehmervertreter wollen die neue Technologie weder erfinden, noch benutzen, sondern regulieren. Auch Europa und seine Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen haben nichts anderes im Sinn, als die amerikanischen Internetkonzerne zu bestrafen. Die Kommission will bis Jahresende neue „Regeln zur digitalen Fairness“ vorschlagen, die unter anderem „suchterzeugendes Design“ und andere „Dark Patterns“ auf eine Verbotsliste setzen. Andere Länder, andere Sitten: In den USA und Großbritannien tun die Firmen alles, damit die Belegschaften die KI-Technologien studieren, verstehen und exzessiv einsetzen. CEO „zutiefst alarmiert“ wegen zu wenig KI-Nutzung Jon Lester, Vice President für HR-Technologie, Daten und KI bei IBM, erklärt, warum er die Nutzung von KI nicht bremsen, sondern forcieren will. Er sagt: „Wir wollen, dass unsere 270.000 Mitarbeiter auf Ideen kommen, die sie noch nie hatten, und die nächste Innovation liefern, die unsere Arbeitsweise verändern wird.“ Jensen Huang, CEO von Nvidia, erklärte im März im All-In-Podcast, er mache sich Sorgen, dass seine Ingenieure zu wenige KI-Tokens verbrauchten: „Wenn ein Ingenieur, der 500.000 Dollar im Jahr verdient, nicht Tokens im Wert von mindestens 250.000 Dollar konsumiert, bin ich zutiefst alarmiert.“ Den KI-Rückstand holen wir so niemals auf Der Technologiekonzern Amazon setzt seinen Entwicklern numerische Ziele für die Nutzung von KI-Tools. Tobias Lütke, CEO der kanadischen E-Commerce-Plattform Shopify, erklärte die „reflexartige KI-Nutzung“ zur Grunderwartung und verankerte sie in den Leistungsbeurteilungen. Der Clou: Teams, die zusätzliches Personal anfordern, müssen bei Shopify nachweisen, warum KI die Aufgabe nicht besser erfüllen kann. Das berichtete die „Financial Times“. Fazit: Der Kontrast zu Gemütsverfassung vieler Deutscher könnte nicht krasser sein. Der Spielrückstand wird so niemals aufgeholt. Oder wie der ehemalige VW-Marketingchef Jochen Sengphiel kürzlich bei einem Vortrag spottete:

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