Unterschätzte Kühe: Verhaltensforscher entdeckt ungeahnte Fähigkeiten
Sie haben vielleicht von Veronika gehört. Die Kuh aus Kärnten sorgte Anfang des Jahres für Aufsehen, weil sie einen Besen als Werkzeug benutzte. Geschickt hob sie ihn mit der Zunge auf, zog ihn ins Maul, klemmte ihn dort fest und kratzte sich damit an Stellen, an die sie ohne Hilfsmittel nicht herangekommen wäre. Am Euter oder Hinterteil zum Beispiel. Mal benutzte sie den glatten Stiel, mal das borstige Ende, je nachdem wie empfindlich die Haut an den jeweiligen Körperpartien war. Damit wurde das inzwischen 14 Jahre alte Braunvieh zum internationalen Medienstar. Denn Kühe stehen nicht gerade im Ruf, besonders einfallsreich zu sein. Dass eine von ihnen derart souverän mit einem Werkzeug hantiert – wer hätte das gedacht? „Wir leben seit etwa 10.000 Jahren mit Kühen. Dass sie intelligent sind, hätte eigentlich schon früher auffallen können“, sagt Alice Auersperg von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Zusammen mit ihrem Kollegen Antonio Osuna-Mascaró nahm sie den Fall Veronika genauer unter die Lupe. In einem Fachartikel folgerten die beiden Kognitionsforscher: Kühe können sich flexibel auf neue Situationen einstellen und eigene Lösungen für Probleme entwickeln. Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. F.A.S. jetzt lesen Lange galten solche Fähigkeiten als Privileg von Arten mit großen Gehirnen und spezialisierten Greiforganen. „Im Mittelpunkt standen Primaten mit ihren Händen oder Papageien und Rabenvögel mit ihren Schnäbeln“, sagt Auersperg. Kühe passten nicht ins Bild. Es gibt mehr zu erforschen als Haltung und Nutzung „Zu den geistigen Fähigkeiten von Nutztieren gibt es vergleichsweise wenige wissenschaftliche Arbeiten“, sagt Verhaltensforscher Christian Nawroth vom Forschungsinstitut für Nutztierbiologie in Dummerstorf bei Rostock. Meist ging es darin um Fragen zur Haltung und Nutzung. Das ändert sich gerade. Veronika mit ihrem Besen ist deshalb mehr als eine kuriose Tiergeschichte. Es geht um die Frage: Was haben wir bei Kühen all die Jahre übersehen? Wer an einer Weide vorbeikommt, sieht häufig Kühe, die reglos herüberschauen. Es wirkt, als täten sie nicht viel. Schnell entsteht der Eindruck, auch in ihren Köpfen sei wenig los. Doch der Eindruck täuscht. Eine Kuh, die einen Menschen fokussiert, sammelt Informationen. „Als Beutetiere versuchen Rinder zuerst einzuschätzen, ob eine Situation gefährlich ist“, sagt Nawroth. Indem sie stillhält, schützt sich die Kuh. „Sie gibt einem potentiellen Feind so wenig wie möglich darüber preis, wer sie ist.“ Kühe nehmen ihre Umgebung also sehr genau wahr – allerdings anders als wir. Wie anders, beschreibt ein Team um Maria Vilain Rørvang in einer jüngst erschienenen Publikation. Es ist die bislang umfassendste Übersichtsarbeit zur Sinneswelt von Rindern. „Ihre visuelle Wahrnehmung ist vergleichbar mit der Panoramaeinstellung eines Smartphones: Kühe erfassen einen sehr breiten Bereich um sich herum“, sagt die Ethologin von der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften. „Allerdings sehen sie die Dinge nicht besonders scharf. Nähert sich ihnen ein Mensch, erkennen sie ihn oft nicht im Detail.“ Sehen: mangelhaft, Riechen und Schmecken: exzellent Dafür haben sie ihn womöglich längst gerochen: „Rinder haben einen hoch entwickelten Geruchssinn, der bestens an ihre Bedürfnisse als sozial lebende Beutetiere angepasst ist.“ Er hilft ihnen, Artgenossen wiederzuerkennen, spielt eine wichtige Rolle bei der Fortpflanzung und der Mutter-Kalb-Bindung und ermöglicht es ihnen, Gefahren frühzeitig wahrzunehmen. Ihr Geschmackssinn ist der eines wahren Gourmets: Kühe besitzen rund 20.000 Geschmacksrezeptoren auf der Zunge und damit deutlich mehr als wir. Und so wie wir nicht jeden Tag Nudeln mit Tomatensoße essen möchten, schätzen auch sie Abwechslung auf dem Speiseplan. Auch beim Hören sind Kühe dem Menschen in mancher Hinsicht voraus: Sie nehmen deutlich höhere Frequenzen von bis zu 37 Kilohertz wahr, obwohl sie solche Töne selbst gar nicht erzeugen. „Vermutlich ist das eine Anpassung an das Leben als Beutetier. Kühe könnten Bewegungen in ihrer Umgebung dadurch besser hören, beispielsweise raschelnde Zweige, wenn sich ein Raubtier anschleicht“, sagt Rørvang. Woher ein Geräusch kommt, können sie dagegen nicht so gut bestimmen. Plötzliche Laute erschrecken Kühe deshalb leicht. Verrückt nach Bürsten und Berührung Rørvang fasziniert vor allem der Tastsinn von Kühen. „Ihre gesamte Körperoberfläche ist ein einziges großes Sinnesorgan.“ Eine kleine Jerseykuh namens Mona, mit der sie arbeitete, sei ihr auf Schritt und Tritt gefolgt. Sie habe es geliebt, wenn man ihr das Gesicht kraulte, den Kopf hingehalten und sich bei Berührungen genüsslich an Rørvang gelehnt. Auch in Verhaltenstests mit jungen Kühen zeigte sich, wie wichtig ihnen Berührungen sind: „Manche Tiere stellten sich zum Bürsten an und sprangen aufgeregt umher“, sagt Rørvang. „Sie arbeiteten sogar dafür, Zugang zu rotierenden Bürsten in Ställen zu erhalten.“ Berührungen verbinden sie auch untereinander. Beim sozialen Lecken pflegen Kühe einander vor allem an Kopf, Hals und Schultern. Mütter und Kälber ruhen am liebsten eng beieinander. Selbst bei kranken Kühen, die sich sonst eher von der Herde zurückziehen, nimmt dieses Bedürfnis nach Nähe zum eigenen Nachwuchs nicht ab. Solche Bindungen sind Teil eines vielschichtigen sozialen Gefüges. Von außen wirkt eine Kuhherde leicht wie eine einheitliche Masse. „Dabei sind die Tiere als Individuen sehr verschieden“, sagt Anne Wiltafsky, Expertin für Rinderverhalten und -ausbildung. Wer wie sie mit Kühen lebt, sieht keine anonyme Herde, sondern Familien, Freundschaften und unterschiedliche Charaktere. „Ich kenne Kühe, die sind flink und klug, gleichzeitig aber auch etwas ängstlich und leicht abzulenken“, sagt Wiltafsky. „Andere sind langsamer, aber dafür gelassen und zuverlässig.“ Wie ein Tier auftritt, hänge mit Alter, Körperbau, Familie und seiner Rolle in der Gruppe zusammen. Kühe haben Persönlichkeiten Auch wissenschaftlich lassen sich Persönlichkeitsunterschiede nachweisen. Ein Forschungsteam identifizierte bei Rindern zwei zentrale Merkmale: Mut und Erkundungsfreude. Diese Eigenschaften bleiben stabil – außer während der Pubertät. Dann trennen Menschen die Tiere häufig von vertrauten Artgenossen und stellen neue Gruppen zusammen. Auch hormonelle Umstellungen dürften in dieser Lebensphase eine Rolle spielen. So wie bei Menschen. Die Rangordnung in einer Herde ist keine einfache Leiter. Einzelne Tiere handeln ihre Beziehungen untereinander aus. „Wenn meine Kuh Medea über Maroni steht und Maroni über Onyx, folgt daraus nicht automatisch, dass Medea auch über Onyx steht“, erklärt Wiltafsky. Innerhalb einer Herde gebe es kleine Familienverbände, so die Tiertrainerin: Sie setzten sich zusammen aus Mutterkühen und ihren Kälbern – vor allem den Töchtern – sowie den engsten Freundinnen der Mütter. Da Freundschaften häufig zwischen Tieren desselben Jahrgangs entstehen, sind auch die Töchter dieser Kühe oft miteinander befreundet. „Kälber schließen sich zu einer Art Kindergarten zusammen. Sie spielen und ruhen gemeinsam, während die Erwachsenen sich mit der Aufsicht abwechseln.“ Die Leitkuh ist eine erfahrene, ältere Kuh. Sie entscheidet, wann die Herde zur Tränke geht oder die Weide verlässt. Ist ein ausgewachsener Bulle dabei, verteidigt er die Herde nach außen und sorgt dafür, dass kein Mitglied verloren geht. Ochsen – kastrierte männliche Rinder – sind Wiltafsky zufolge „wie liebe Onkel“. „Sie spielen geduldig mit den Kälbern und lassen die Kleinen manchmal sogar gewinnen.“ Damit eine solche Gemeinschaft funktioniert, müssen Kühe ihre Gefährtinnen unterscheiden können. Tatsächlich erkennen sie vertraute Artgenossen auf Fotografien allein am Kopf. Ihre Fähigkeit zur Gesichtserkennung reicht sogar über die eigene Art hinaus. In einer aktuellen Studie um die französische Verhaltensforscherin Océane Amichaud sahen 32 Holstein-Kühe gleichzeitig zwei stumm geschaltete Videos auf Leinwänden. Eines zeigte einen vertrauten Pfleger, das andere einen unbekannten Mann. Die Tiere blickten länger auf das unbekannte Gesicht. Die Forschenden vermuten, dass das fremde Gesicht die Kühe wachsamer machte, weil Unbekanntes für sie potentiell bedrohlich ist. Anschließend spielten sie über einen Lautsprecher in der Mitte der Leinwände die Stimme einer der beiden Personen ab. Nun schauten die Kühe länger auf das Video, in dem Gesicht und Stimme zusammenpassten. Offenbar wechselten sie vom „Sicherheits-“ in den „Erkennungsmodus“. Es war nun für ihr Gehirn interessanter, das Video anzuschauen, das zu dem passte, was sie hörten. Kühe merken sich nicht nur, wer zu ihrer Gruppe gehört. Sie können auch lernen, aufs „Töpfchen“ zu gehen, wie ein Team vom Forschungsinstitut für Nutztierbiologie zeigte. Zunächst erhielten die Kälber in einer Latrine eine Belohnung, später mussten sie diese bei Harndrang selbständig aufsuchen. Etwa zwei Drittel lernten die Aufgabe. Das könnte nicht nur die Stallhygiene verbessern, sondern auch einen Teil der Umwelt- und Klimabelastung durch die Rinderhaltung reduzieren. Wiltafsky dürfte das kaum überraschen. Sie ist auf Kühen geritten, hat ihnen beigebracht, über kleine Hindernisse zu springen, und erlebt, wie geschickt sie sich in menschlicher Umgebung bewegen. Manche öffnen Türen, indem sie die Klinke mit Kinn oder Horn herunterdrücken. „Wir mussten die Klinken durch Türknäufe ersetzen.“ Ein Tier namens Beaux folgte ihr sogar über mehrere Treppen bis in den vierten Stock in die Küche. „Es ist beeindruckend, wie geschickt sie ihre Hörner einsetzen“, sagt Wiltafsky. Als ein kleines Kind vor Medea herumhüpfte, hätte die ranghöhere Kuh es einfach beiseiterempeln können. Stattdessen fädelte sie ein Horn vorsichtig in die Lasche seines Rucksacks, hob das Kind ein Stück zur Seite und ging ruhig weiter. Ein Ochse mit einer Hornspannweite von 1,10 Metern schob den rund 120 Kilogramm schweren Stallchef, der ihn gelegentlich piesackte, ein Horn unter den Gürtel, hob ihn kurz hoch und stellte ihn wieder ab. „Dann fraß er seelenruhig weiter.“ In der Forschung geht es darum, solche Verhaltensweisen systematisch nachzuweisen. Dass wir häufig übersehen, wie talentiert Kühe sind, hat Nawroth zufolge mehrere Gründe. Anders als mit Hunden oder Katzen haben die meisten Menschen kaum direkten Kontakt zu Kühen. Sie sehen sie aus der Entfernung auf einer Weide oder gar nicht. „Dadurch bekommen die meisten Menschen nicht mit, wie komplex ihr Verhalten ist“, sagt er. Auch die Rolle des Nutztiers prägt unseren Blick. In unserer Sprache gelten Schafe als dumm, Ziegen als blöd und Schweine als schmutzig. „Bei Wildtieren ist das anders“, sagt Nawroth. „Niemand käme auf die Idee, jemanden als blöden Tiger oder dumme Antilope zu beschimpfen.“ Psychologische Studien offenbaren einen interessanten Mechanismus: Wenn Tiere der menschlichen Ernährung dienen, neigen Menschen dazu, ihnen geringere geistige Fähigkeiten zuzuschreiben. „Das entschärft den Widerspruch zwischen dem Mitgefühl für empfindungsfähige Lebewesen und dem Wunsch, ihre Produkte zu konsumieren.“ Wir unterschätzen Kühe, weil wir selten genau hinschauen und weil es bequemer ist, in ihnen eine anonyme Herde zu sehen als eine Gemeinschaft aus Individuen. „Nimmt man sich Zeit für die Tiere und behandelt sie gut, fassen sie tiefes Vertrauen gegenüber Menschen. Sie zeigen dann ausgeprägt soziale, oft fast schon hundeähnliche Verhaltensweisen“, sagt Nawroth. Kühe seien empfindsame, sozial intelligente Wesen. „Wir sollten versuchen, die Welt mit ihren Augen zu sehen, damit sie in unserer Obhut so gut wie möglich leben können.“ Wer ihre Welt mitdenkt, sieht Kühe anders.