Unterwasserarchäologie: „Ein kostbares Fragment der Geschichte“ - antike Weinamphoren bei Sizilien entdeckt
Audioplayer wird geladen Anzeige Eigentlich wollten sich die beiden Freunde auf die italienische Speerfischermeisterschaft vorbereiten. Dazu suchten Giacomo De Mola und Igor Bisulli in den Gewässern vor Mazara del Vallo an der Südwestspitze Siziliens nach fischreichen Gebieten, um optimal trainieren zu können. Das Echolot ihres Bootes zeigte, rund fünf Kilometer vor der Küste, in 46 Metern Tiefe, eine Anomalie im Sand. Die beiden tauchten und sahen sich das Echo aus der Nähe an. „Die Sicht war nicht die beste“, schilderte einer der Unterwasser-Fischer auf Instagram den Moment, in dem er und sein Partner auf das Wrack stießen. „Ich näherte mich. Und mein Herz setzte aus“, schrieb er und fügte begeistert hinzu: „Unter mir erstreckte sich eine riesige Fläche aus Amphoren.“ Anzeige Es handelte sich tatsächlich um Hunderte von Amphoren, außerdem zwei große Bleianker und ein Bleirohr. „Zahlreiche Fische schwammen zwischen den Amphoren, die erstaunlicherweise noch intakt waren“, zitierte die römische Zeitung „La Repubblica“ Bisulli. Sie meldeten ihren Zufallsfund umgehend den zuständigen Behörden. Daraufhin begannen das Comando Carabinieri per la Tutela del Patrimonio Culturale zusammen mit der Meeresaufsichtsbehörde (Soprintendenza del mare) und Tauchern der Unterwassereinheit der Carabinieri aus Messina eine Untersuchung. Die auch als „Kunstpolizei“ bekannte Abteilung der militärisch organisierten Carabinieri ist zuständig für den Schutz des kulturellen Erbes Italiens. Anzeige Die Fundstelle erwies sich als etwa 21 Meter lang und sechs Meter breit – das sind Ausmaße, die auf ein großes Transportschiff hindeuten. Es war voll beladen mit Hunderten gut erhaltener Amphoren, die wahrscheinlich für den Transport von Wein dienten. Lesen Sie auch „Das Meer schenkt uns ein kostbares Fragment der Geschichte“, sagte Italiens Kulturminister Alessandro Giuli. Es handele sich um „eine der bedeutendsten archäologischen Unterwasser-Entdeckungen der vergangenen Jahre“. Lesen Sie auch „Die Typologie der Amphoren, die noch untersucht wird, scheint mit dem sogenannten Dressel 1A verwandt zu sein“, gab „La Repubblica“ den Unterwasserarchäologen Roberto La Rocca von der Meeresaufsichtsbehörde wieder: „Es handelt sich dabei um schlanke Gefäße mit langer Spitze und ausladendem Rand, die hauptsächlich zum Transport von Wein verwendet wurden.“ Lesen Sie auch Mutmaßlich sind sie dem ausgehenden 2. oder dem beginnenden 1. vorchristlichen Jahrhundert zuzuordnen und stammen aus Kampanien, sodass der Fund die Handelsrouten des antiken Roms in republikanischer Zeit belegt. Transportschiffe fuhren von Kampanien aus in Richtung Sizilien und dann weiter nach Nordafrika. Über das Ziel kann nur spekuliert werden; Karthago jedenfalls, die Hauptstadt des lange mit Rom konkurrierenden Punischen Reichs, war 146 v. Chr. dem Erdboden gleichgemacht worden und wurde erst mehr als ein Jahrhundert später wieder als römische Siedlung aufgebaut. Laut La Rocca könnte die Lage des Wracks, relativ weit vor der Küste, wertvolle Hinweise auf die Umstände seines Untergangs liefern. Seine Kollegen und er vermuten, dass ein Sturm das Schiff während der Fahrt überraschte. In römischer Zeit bemühten sich Schiffskapitäne so lange wie möglich, knapp vor der Küste unterwegs zu sein. Amphoren des Typs Dressel-1A, benannt nach dem Berliner Epigraphiker Heinrich Dressel (1845–1920), dienten zum Seetransport verschiedener Lebensmittel, meist aber von Wein. Sie wurden in ähnlicher Form rund um das Mittelmeer hergestellt, waren so etwas wie Standardgefäße im antiken römischen Wirtschaftsraum, für die überall in Häfen und auf Schiffen geeignete Lagergestelle vorhanden waren. Auch die Menge des Inhalts war nahezu genormt. Dressel hatte seine Systematik der antiken Amphoren anhand seiner Untersuchungen an Amphorenscherben vom Monte Testaccio sowie aus Grabungen erarbeitet. Die Altertumswissenschaftlerin Ulrike Ehmig, Leiterin des Langzeitvorhabens Corpus Inscriptionum Latinarum an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, nennt Dressels 1899 publizierte Arbeiten in einem Forschungsbericht von 2022 „methodisch wie inhaltlich beispielgebend und ihrer Zeit weit voraus“. Jetzt stehen archäometrische Untersuchungen an, um die Herkunft des Wracks genauer zu bestimmen. Außerdem sind gezielte Bergungen einzelner Amphoren und anderer Fundstücke möglich. Insgesamt aber soll das Wrack vor Ort bleiben; der Fundort ist deshalb offiziell für Taucher gesperrt worden und wird von speziellen Einheiten der Carabinieri überwacht. „Wir sind für den Schutz von Kulturstätten, auch von Unterwasserstätten, verantwortlich“, zitierte „La Repubblica“ den Oberstleutnant Diego Polio, den Kommandeur der zuständigen Abteilung der Kunstpolizei. Ziel sei es, zu verhindern, dass die Entdeckung zu Plünderungen führt. Möglicherweise hat der Wirbelsturm „Harry“ im Januar 2026 den Sand über dem Wrack weggeschwemmt, vermutet Bisulli. Der Zyklon hatte allein auf Sizilien Schäden in Höhe von rund einer Milliarde Euro verursacht; insgesamt wütete er drei Tage lang und führte in Süditalien zu schweren Zerstörungen entlang der Küste, Straßensperrungen und Unterbrechungen des Bahnverkehrs. mit dpa/sfk