US-Eltern lehnen zunehmend Vitamin-K-Spritze für Babys ab
Chicago, 01. Sep (Reuters) - In den USA verweigern Eltern ihren Neugeborenen zunehmend die standardmäßige Vitamin-K-Spritze zur Vorbeugung schwerer Blutungen. Wie aus einer Datenanalyse der Nachrichtenagentur Reuters hervorgeht, stieg der Anteil der Verweigerungen in US-Krankenhäusern im ersten Halbjahr 2026 von 5,2 auf 8,1 Prozent. Das entspricht einem Anstieg von gut 57 Prozent. Die Auswertung des Gesundheitsdatenunternehmens Truveta basiert auf den Krankenakten von mehr als einer Million Geburten. Kinderärzte äußerten sich besorgt über die Entwicklung. "Es ist wirklich erschreckend. Es ist, als würden wir einen Rückschritt machen", sagte die Kinderärztin Nia Heard-Garris vom Lurie Children's Hospital in Chicago. "Wir tun alles dafür, kleine Babys am Leben zu erhalten."
Babys kommen mit einem sehr niedrigen Vitamin-K-Spiegel zur Welt. Das Vitamin ist jedoch für die Blutgerinnung unerlässlich. Ohne die Injektion ist die Wahrscheinlichkeit, dass Säuglinge in den ersten sechs Lebensmonaten lebensbedrohliche Blutungen im Gehirn oder Darm erleiden, laut der US-Gesundheitsbehörde CDC 81-mal höher. Eines von fünf Babys, die schwere Blutungen erleiden, stirbt.
Hintergrund der Entwicklung ist ein generell wachsendes Misstrauen in den USA gegenüber Impfungen und medizinischen Standardbehandlungen bei Neugeborenen. US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. schürt diese Zweifel seit Jahrzehnten. Im Januar hatte er die Empfehlungen für die erste Dosis der Hepatitis-B-Impfung sowie fünf weitere Standardimpfungen für Kinder gestrichen. Zwar sind diese Änderungen durch ein Gerichtsurteil vorerst ausgesetzt, US-Präsident Donald Trump bekräftigte diesen Kurs jedoch am 10. August per Dekret. Das US-Gesundheitsministerium teilte mit, man werte die Daten zu den Vitamin-K-Verweigerungen aus. Eine Sprecherin wies eine Verantwortung Kennedys zurück. Das sinkende Vertrauen in öffentliche Gesundheitseinrichtungen habe bereits vor der jetzigen Regierung bestanden und sei während der Corona-Pandemie durch die Auflagen unter der Regierung von Joe Biden gewachsen.
Den Daten zufolge sind Mädchen überproportional von der Verweigerungshaltung betroffen. Im Juni erhielten 8,9 Prozent der Mädchen und 7,3 Prozent der Jungen die Spritze nicht. Ärzte führen dies darauf zurück, dass viele Eltern ihre Söhne beschneiden lassen wollen. Etwa die Hälfte der US-Jungen wird im Krankenhaus beschnitten. Viele Kliniken nehmen diesen Eingriff jedoch ohne vorherige Vitamin-K-Gabe wegen des Blutungsrisikos nicht vor. Der Wunsch der Eltern nach einer Beschneidung überwiegt in diesen Fällen oft ihre Bedenken gegen die Spritze. "Wir haben eine klare rote Linie: Kein Vitamin K, keine Beschneidung", erklärte der Kinderarzt Brad Scoggins aus New Mexico.
Für Mediziner ist die Entwicklung alarmierend. Die Neonatologin Sarah Coggins vom Children's Hospital of Philadelphia erinnert sich an eine Häufung von schweren Blutungen bei Babys im Jahr 2013, deren Eltern die Spritze für unnötig oder gar giftig hielten. "Das Baby erlitt dauerhafte Hirnschäden", sagte Coggins über einen ihrer damaligen Patienten. Dass nun möglicherweise vor allem Mädchen verstärkt von Vitamin-K-Mangel betroffen sein könnten, bereite ihr große Sorgen: "Das ist kein theoretisches Risiko. Es raubt mir den Schlaf."
(Bericht von Julie Steenhuysen, bearbeitet von Patricia Weiß, redigiert von Ralf Banser. Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an unsere Redaktion unter berlin.newsroom@thomsonreuters.com (für Politik und Konjunktur) oder frankfurt.newsroom@thomsonreuters.com (für Unternehmen und Märkte).)