US Open-Viertelfinale: Ben Shelton fordert Carlos Alcaraz
Es war Sonntagnachmittag, Carlos Alcaraz hatte gerade in Carlos-Alcaraz-Manier sein Achtelfinale gegen Tommy Paul gewonnen, als wäre er nicht fast fünf Monate raus gewesen. Und ESPN, der US-amerikanische TV-Sender, hatte zum Interview gebeten, draußen vor dem Arthur Ashe Stadium. Die drei Presenter auf der Bühne, darunter Andy Roddick, ehemaliger Weltranglisten-Erster, rutschten schon etwas ungeduldig auf ihren Stühlen rum, Alcaraz ließ sich Zeit. Bisschen ausradeln, in Ruhe duschen, Haare machen, Teambesprechung und Pressekonferenz. Sogar Duft hatte er aufgelegt, wie Roddick später erzählen sollte, nachdem er am ESPN-Tisch direkt neben "Carlitos" gesessen hatte.
Sagen wir so, Alcaraz hätte also Zeit gehabt. Wofür? Nun, Alcaraz wurde im Interview von Roddick darauf angesprochen, dass er ja jetzt gegen den Sieger von Shelton gegen Tsitsipas spielen würde. Und Alcaraz so: "Oh wirklich? Ich dachte, ich spiele gegen Medwedew oder Tiafoe. Oh mein Gott." Die ESPN-Runde brach gemeinsam mit Alcaraz ich Lachen aus. Roddick, einigermaßen „stunned“, wie die US-Amerikaner sagen, fuhr fort: "Schaust du dir das denn heute Abend an?" Zumindest da war sich Alcaraz dann wieder sicher: "Aber sicher, auf jeden Fall!"
Letzter Heimsieg vor 23 Jahren
Wer, bitte schön, weiß nicht, gegen wen er als Nächstes spielen muss? In einem Grand-Slam-Viertelfinale! Eine Stunde nach dem Achtelfinale! Oder anders formuliert: Was für eine coole Sau ist Carlos Alcaraz?!
„Er ist übermenschlich“, fasste Ben Shelton das Phänomen Alcaraz nach seinem Match gegen Tsitsipas zusammen, als feststand, dass Er es sein wird, der das Vergnügen haben wird, ihm im Viertelfinale zu begegnen. Dreimal hat er bisher gegen den Spanier gespielt, dreimal verloren. Aber jetzt ist es ein anderer Shelton, nie war er so gut wie jetzt gerade und gefühlt so nah dran an der Weltspitze, und nicht zuletzt: Jetzt geht es auf Shelton’s Home Ground zur Sache, bei den US Open haben sie noch nicht gegeneinander gespielt.
Nach der völlig verkorksten Sommersaison auf Sand und Rasen mit krachenden Niederlagen in Paris (2. Runde) und Wimbledon (1. Runde), ist der US-Amerikaner wieder in Form. Er fühlt sich sichtbar wohl auf seinem Kontinent und seinem Lieblingsbelag Hardcourt. Shelton gewann das Masters in Montreal und galt vor dem Start der US Open als Mitfavorit auf den Titel. Ein Stück weit auch getrieben von der Sehnsucht der US-Amerikaner nach einem Heimsieg bei den Herren. Der letzte ist sage und schreibe 23 Jahre her, geholt hat ihn ein gewisser Andy Roddick.
Shelton mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein
Für die Tennis-Großmacht USA eine ernüchternde Ewigkeit. Dieses Jahr soll es, ja muss es, endlich klappen! Sie haben ja nicht nur Shelton, sie haben auch noch Tiafoe, "Big Foe" der schön im Schatten von "Big Ben" durchs Turnier cruist, ganz zu schweigen von Nobody Alex Michelsen, den überhaupt keiner auf der Rechnung hatte und der nun im Viertelfinale steht, ohne bisher einen Satz abgegeben zu haben! Damit steht der Weltranglisten-46. in einer Reihe mit Roddick, Agassi und Sampras.
Shelton muss die Hoffnungen eines ganzen Landes also nicht allein schultern. Er könnte das aber, keine Frage. Der 23-Jährige hat ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Seine nach Matchgewinnen legendäre Telefonhörer-Auflege-Geste aus früheren Jahren hat er zwar abgelegt, aber die laute und gestenreiche Show ist immer noch seins. Du kriegst den Spieler aus dem College, aber nicht das College aus dem Spieler. Dort herrschen sportliche Umgangsformen, die eher an NBA-Trash-Talk erinnern als an feine Tennis-Etikette.
Alcaraz gegen USA
Vor genau einem Jahr, an Ort und Stelle, erlebte Shelton allerdings die andere Seite. Aufgrund einer Schulterverletzung musste er sein Drittrundenspiel gegen Adrian Mannarino aufgeben, der bis dahin bitterste Moment der steilen Karriere des Ben Shelton. Seine Tränen rührten das ganze Land. Auch aus diesem Grund ist Shelton 2026 „on a mission“. Auf die Frage des On-Court-Moderators, ob er sich manchmal umdrehe nach einem seiner gefürchteten Kanonen-Aufschläge, um die Serve-Geschwindigkeit an der LED-Wand zu lesen, meinte Shelton lachend: „Jedes Mal! Ich will die 150 noch knacken.“ Gemeint sind Meilen pro Stunde, das sind etwa 240 km/h. Shelton wirkt wie ein Fohlen, wenn er das sagt, jung, stark, temperamentvoll, übermütig.
Jetzt also Viertelfinale gegen Alcaraz. Es ist der erste Blockbuster der US Open 2026. „I’m ready to go“, meint Shelton, und das ist noch so eine US-amerikanische Redensart, die man besser nicht wörtlich übersetzt, denn sie bedeutet viel mehr als „ich bin bereit“. Sie bedeutet: Ich werde motiviert bis in die Haarspitzen sein. Ich werde alles raushauen. Das ganze Land wird ihm dabei die Daumen drücken.
Allein, es wird nichts nützen. 13 Mal hat Carlos Alcaraz bisher gegen US-Amerikaner gespielt bei Grand Slams. Die Bilanz: Alcaraz 13, USA null.