US-Staatsschulden über 40 Billionen Dollar: Wie Finanzminister Bessent den Anleihemarkt beruhigen will
Die amerikanischen Staatsschulden haben in dieser Woche die symbolische Schwelle von 40 Billionen Dollar überschritten. Die Renditen für US-Staatsanleihen mit 30 Jahren Laufzeit stiegen auf mehr als 5,3 Prozent – den höchsten Stand seit April 2007. Erst eine überraschende Intervention des US-Finanzministeriums am Kapitalmarkt stoppte den weiteren Anstieg zumindest kurzfristig und ließ die Rendite auf 5,19 Prozent sinken. Die US-Staatsschulden entsprechen inzwischen 122 Prozent des Bruttoinlandproduktes der USA. Minister Scott Bessent verdoppelte den Umfang des Rückkaufprogramms von lang laufenden Anleihen. Das Ministerium begründete die Intervention mit dem Ziel, die Liquidität im Marktsegment für lang laufende Staatsanleihen zu verbessern. Doch das Timing der Maßnahme und Kommentare des US-Präsidenten Donald Trump deuten darauf hin, dass sie die Senkung der Renditen zum Zweck hatte. Trump spielte am Mittwoch bei einem Treffen mit Vertretern der Kryptowährungsbranche im Weißen Haus die Sorgen über den Anleihemarkt herunter und forderte zugleich niedrigere Zinsen. „Ich glaube, wir haben ein sehr starkes Land, und wir kommen trotz dieser lächerlich hohen Zinsen voran“, sagte der Präsident. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Ungewöhnliche Interventionen des Finanzministers Schon Ende Juli hatte Bessent in den Markt interveniert. Er wirkte an einer Stützungsaktion für den japanischen Yen mit und stellte dies als Hilfe für einen geostrategisch wichtigen Partner dar: Dabei sollten sie vermutlich die US-Anleihe-Renditen bremsen. Denn mit der Intervention verhinderte er, dass Japan mehr US-Staatsanleihen zur Stützung des Yens verkaufte und damit die Renditen weiter beflügelte. Die amerikanische Zollpolitik gegenüber Japan zeigt überdies die Grenzen der Partnerschaft, wirkt sie doch dämpfend auf den Yen, wie der frühere Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Maurice Obstfeld, jetzt darlegte. Die Renditen der US-Staatsanleihen sind wichtig, weil sie die Konditionen von Hypothekendarlehen, Autokrediten und Unternehmensfinanzierungen prägen und damit die Wirtschaftsdynamik beeinflussen. Sie sind zugleich ein Barometer für das Vertrauen der Anleger in die Solidität der Staatsfinanzen: Die 30-jährige Rendite zeigt, welchen Zins Anleger verlangen, um dem US-Staat für sehr lange Zeit Geld zu leihen. Steigt sie trotz zuletzt nachlassender Inflationssorgen, kann das auf andere Ängste hindeuten: hohe Haushaltsdefizite, wachsende Schulden oder ein zu großes Angebot an Anleihen. Mit der Ausweitung des Rückkaufprogramms für lang laufende Staatsanleihen erhöht Bessent die Nachfrage nach diesen Papieren und senkt damit deren Renditen. Finanziert wird das Programm allerdings auf Kredit, nämlich durch kurzfristige Schuldtitel (Treasury Bills). Damit ändert die Intervention nichts an der Staatsschuldenlast, die zum wachsenden Problem für die USA wird. Vor zehn Jahren waren die Schulden halb so hoch Die magische Schwelle von 40 Billionen Dollar betrifft die Bruttoschulden. Knapp 7,7 Billionen Dollar davon liegen in Pensionsfonds des Bundes, den Treuhandfonds der Sozialversicherung und anderen „internen“ staatlichen Konten. Vor zehn Jahren waren die Schulden halb so hoch. Nach Berechnung des Congressional Budget Office (CBO) muss das Finanzministerium inzwischen jeden Tag drei Milliarden Dollar Zinsen zahlen, um die Schulden zu bedienen. Die CBO-Buchprüfer revidierten kürzlich das Haushaltsdefizit für dieses Fiskaljahr. Es wird um 200 Milliarden Dollar höher ausfallen als ursprünglich erwartet. Man rechnet nun mit einem Defizit von 2,1 Billionen Dollar. Die Zinslast ist inzwischen der drittgrößte Budgetposten nach den Ausgaben für das Gesundheitswesen und die Rentenversicherung, noch vor dem Pentagon-Haushalt. Und die Zinslast ist der am schnellsten wachsende Posten. Zinsen verzehren inzwischen 19 Prozent der Steuereinnahmen, wie die Brookings-Haushaltsexpertin Jessica Riedl berechnet. Allein in den vergangenen drei Monaten legten die Schulden um eine Billion Dollar zu. Die Steuerreform mit den Sofortabschreibungen für Investitionen, die Kosten des Irankriegs, die vom Supreme Court ausgelösten Zollrückerstattungen und die Zinsen selbst verdüstern Amerikas Fiskalposition beständig. Beunruhigend an der Entwicklung ist, dass sie sich in wirtschaftlich vergleichsweise guten Zeiten vollzieht: bei Vollbeschäftigung, einem Investitionsboom und einem Wirtschaftswachstum von knapp zwei Prozent. Eine Rezession würde geringere Staatseinnahmen und höhere Ausgaben zur Stützung der Konjunktur bedeuten – Washington müsste sich also noch stärker verschulden. Das Phänomen steigender Renditen trifft viele Industriestaaten Allerdings ist nicht ganz eindeutig zuzuordnen, welcher Faktor die Renditen der Staatsanleihen nach oben treibt. Das Phänomen trifft auch andere Industriestaaten wie Japan, Frankreich oder Deutschland. Neben wachsenden Zweifeln an der Entschlossenheit der Parlamente zu deutlichen Haushaltseinsparungen und lauernder Inflation kommt auch ein „Crowding-out“-Effekt infrage: Torsten Slok, Chefökonom des Vermögensverwalters Apollo, warnte kürzlich, dass die massive Schuldenaufnahme der großen KI-Konzerne Anlegergeld von US-Staatsanleihen und anderen Kreditmärkten abzieht. Er kalkuliert mit 700 Milliarden Dollar an neuen KI-Anleihen, die mit Staatsanleihen um potentielle Anleger konkurrieren. Die Politiker wappnen sich unterdessen für einen parteipolitischen Konflikt um die Schuldengrenze des Kongresses. Sie liegt bei 41,1 Billionen Dollar und könnte nun schon im Winter überschritten werden. Parlamentarische Initiativen, der Schuldenentwicklung Einhalt zu gebieten, sind nicht erkennbar. Trump will den Militäretat von einer Billion auf 1,5 Billionen Dollar aufstocken, während die Demokraten Sozial- und Gesundheitsprogramme ausdehnen wollen. Die Ratingagentur Fitch sah sich vorige Woche veranlasst, das Rating der Vereinigten Staaten mit AA+ zu bestätigen. Doch die Mitteilung enthielt eine Warnung: Eine Herabstufung könnte kommen, sofern sich die staatliche Schuldenquote oder die Schuldendienstkosten deutlich verschlechtern, etwa weil die mittelfristigen Herausforderungen bei Staatsausgaben und -einnahmen nicht angegangen werden. Alternativ könnte laut Fitch eine Herabstufung ausgelöst werden, wenn Glaubwürdigkeit und Kohärenz der Wirtschaftspolitik verloren gehen.