US-Thinktank: Präventivschläge gegen Rechenzentren in China im Gespräch
Ein CNAS-Bericht empfiehlt den USA, Militärschläge gegen chinesische Rechenzentren als Option zu prüfen. Rüstungsexperten warnen vor einem Atomkrieg.
Wie weit dürfen die USA gehen, um im Wettlauf um künstliche allgemeine Intelligenz (AGI) die Nase vorn zu behalten?
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Ein neuer Bericht des einflussreichen Washingtoner Thinktanks Center for a New American Security (CNAS) mit dem Titel "Superpowers and AGI" gibt darauf eine Antwort, die selbst erfahrene Sicherheitspolitiker aufschrecken dürfte.
Autor des Papiers ist Jacob Stokes, Senior Fellow und Deputy Director im Indo-Pazifik-Sicherheitsprogramm des CNAS. Als Joe Biden unter Barack Obama Vizepräsident war, arbeitete Stokes als Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats in Bidens Stab.
Er empfiehlt der US-Regierung jetzt, sich systematisch auf Szenarien vorzubereiten, in denen extreme Maßnahmen nötig werden – einschließlich staatlicher Spionage und Militärschläge auf chinesische Rechenzentren.
AGI bezeichnet hypothetische KI-Systeme, die bei einer Vielzahl von Aufgaben menschliches Leistungsniveau erreichen können. Im Gegensatz zu heutigen Sprachmodellen oder Bildgeneratoren wäre ein solches System nicht auf eine Domäne beschränkt, sondern universell einsetzbar.
Ob und wann AGI entsteht, ist in der Fachwelt umstritten. Stokes umgeht diese Debatte bewusst: Sein Bericht setzt eine Welt voraus, in der AGI unmittelbar bevorsteht oder bereits existiert, und leitet daraus Handlungsempfehlungen ab.
Rechenzentren als Achillessehne im KI-Wettlauf
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Die zentrale These des Berichts lautet: Die physische Infrastruktur hinter Frontier-KI-Modellen – also die gewaltigen Rechenzentren der Hyperscaler – stellt eine verwundbare Schlüsselressource dar. Wer die Rechenkapazität kontrolliert oder zerstört, kann den technologischen Fortschritt des Gegners empfindlich treffen.
Dass dies kein rein theoretisches Szenario ist, zeigt ein Präzedenzfall vom März 2026: Der Iran bombardierte Amazon-Rechenzentren in den Vereinigten Arabischen Emiraten und Bahrain im Rahmen seines Konflikts mit den USA. Es war der erste dokumentierte kinetische Angriff auf kommerzielle Cloud-Infrastruktur in einem bewaffneten Konflikt.
Der CNAS-Bericht greift dieses Beispiel explizit auf und warnt, dass im AGI-Wettrennen Rechenzentren systematisch zu militärischen Zielen werden könnten.
Szenarioübung nach nuklearem Vorbild
Stokes empfiehlt US-Behörden wie dem Verteidigungsministerium und der NSA, eine Szenarioübung durchzuführen, die testen soll, wann und wie die Vereinigten Staaten eingreifen könnten, um Chinas AGI-Entwicklung zu stoppen.
Dabei unterscheidet er zwischen präventiven Schlägen – also frühzeitigen Angriffen, während die Bedrohung noch heranwächst – und präemptiven Schlägen kurz vor dem kritischen Durchbruch.
Der Vergleich mit der Nuklearpolitik ist dabei gewollt. Wie Stokes laut South China Morning Post (SCMP) bei einer Online-Veranstaltung erläuterte, müssten politische Entscheidungsträger bereit sein, "ausgehend von der einzigartigen Natur der Technologie rückwärts zu arbeiten – so wie es in einer vergangenen Ära der Fall war, als sich politische Entscheidungsträger über Atomwaffen informierten".
Allerdings räumt der Bericht ein, dass die Verifikation bei AGI ungleich schwieriger ist als bei Nuklearprogrammen: Chips, Daten und Cloud-Infrastruktur sind Dual-Use-Güter, die auch zivil genutzt werden. Die "Breakout Time" bis zur AGI lässt sich nicht so klar berechnen wie bei angereichertem Uran.
Laut Epoch AI liegt der US-Vorsprung bei wegweisenden KI-Modellen derzeit im Schnitt bei sieben Monaten. Stokes verweist jedoch auf Chinas Fortschritte in der Robotik und "verkörperten KI", die einen überraschenden Durchbruch ermöglichen könnten.
Spionage als "normativ gerechtfertigte" Alternative
Neben militärischen Optionen empfiehlt der Bericht, sich auf Reverse Engineering oder den Diebstahl chinesischer AGI-Technologie vorzubereiten, sollte Peking das Rennen gewinnen.
Stokes argumentiert, dies sei "rechtlich und normativ" gerechtfertigt – unter Verweis auf Chinas eigene langjährige Geschichte des Diebstahls US-amerikanischen geistigen Eigentums.
Zugleich räumt er laut SCMP ein, dass der US-Geheimdienstapparat "seit Jahrzehnten nicht mehr darauf ausgerichtet" sei, technologische Geheimnisse durch Spionage zu beschaffen.
Warnung vor dem "Gipfel der Leichtsinnigkeit"
Die Gegenposition fällt unmissverständlich aus. William Hartung, Rüstungsexperte und Principal Advisor beim Project on Government Oversight in Washington, warnt laut SCMP, dass Angriffe auf chinesische Rechenzentren "das Risiko bergen, einen bewaffneten Konflikt zwischen zwei Atommächten auszulösen, der tragische Folgen für alle Beteiligten haben könnte".
Angriffe allein aufgrund dessen, wie Rechenzentren in Zukunft genutzt werden könnten, seien der "Gipfel der Leichtsinnigkeit".
Die Debatte fällt in einen Moment, in dem sich ein diplomatisches Fenster öffnet. US-Präsident Donald Trump und Chinas Präsident Xi Jinping treffen sich voraussichtlich am 24. September in Washington – Handel steht im Mittelpunkt, KI-Regulierung soll ebenfalls auf der Agenda stehen.
Stokes selbst dämpft die Erwartungen: Das "beste Szenario" sei, dass beide Seiten die Gespräche als "konstruktiv" empfinden, an Durchbrüche bei Kernfragen glaubt er nicht.