USA im Halbfinale der Basketball-WM: Noch springt der Funke nicht über
Als Napheesa Collier sich ihre Auszeichnung als beste Spielerin des Spiels abholte, stand sie ganz allein auf dem Parkett. Von Mitspielerinnen, die sie anfeuern, war weit und breit nichts zu sehen. Überhaupt reagierten die US-Amerikanerinnen eher verhalten auf den Einzug ins Halbfinale - keine Jubelstürme, kaum Umarmungen, "Business as usual" halt.
Fast-Niederlage gegen Italien
Das US-Team reiste als großer Favorit zur Weltmeisterschaft in Berlin. Seit 2006 haben die US-Amerikanerinnen kein Spiel mehr bei Großevents verloren, gegen Ungarn gewannen sie zum 70. Mal in Folge. Das Ziel ist klar: Sie wollen ihren WM-Titel wieder verteidigen. Doch so einfach wird das nicht. Zwar hielt sich das Team von Headcoach Kara Lawson bisher schadlos, doch die Fast-Niederlage gegen Italien offenbarte sodann einige Schwächen. Nur ein Punkt trennte beide Teams am Ende voneinander.
Gerade einmal 29 Prozent ihrer Würfe landeten im Korb, von der Dreierlinie passte nur einer. Und das bei zwölf Versuchen. Das letzte Mal, dass ein US-Team lediglich 55 Punkte bei einer Weltmeisterschaft erzielte, war 1971. Anschließend kritisierte Lawson ihre Spielerinnen deutlich, wie in einem Video, welches der US-Verband in den sozialen Medien veröffentlichte, zu sehen ist: "Lasst dies das letzte Mal sein, dass ein Team während des gesamten Spiels mit mehr Leidenschaft spielt als wir. Und dass nicht alle zwölf Spielerinnen antreten, um auf hohem Niveau zu spielen."
Andere Nationen holen auf
Jahrzehntelang dominierten die USA das Basketball-Geschehen. Doch es scheint, als seien diese Zeiten vorbei. Andere Nationen wie Frankreich, Spanien oder Belgien haben längst aufgeholt. Selbst der Weltverband FIBA listet das US-Team in seinen Power Rankings nur noch auf dem zweiten Platz - hinter Frankreich. Darauf angesprochen, reagiert Kara Lawson demonstrativ gelassen. "Es ist völlig in Ordnung, wenn die Leute eine Meinung dazu haben", so die US-Cheftrainerin. "In unserer Blase reden wir ganz klar nicht darüber."
Dass diese Weltmeisterschaft kein Spaziergang wird, weiß aber auch Lawson, die das Amt zwar erst im vergangenen Jahr übernahm, aber bereits 2021 das 3x3-Team der Frauen zu Olympia-Gold führte. "Das ist die WM, die am schwierigsten zu gewinnen ist", so die 45-Jährige. "Weil alle so gut sind und die Kader sehr viel tiefer aufgestellt sind. Jedes einzelne Spiel fühlt sich wie ein harter Kampf an. An jedem beliebigen Abend kann man verlieren, wenn man nicht bereit ist, alles zu geben."
Caitlin Clark nur von der Bank
Diese Lektion lernten nun auch die US-Amerikanerinnen. Dabei strotzt dieses Team nur so vor lauter Starpower. Allen voran natürlich Caitlin Clark, der Superstar der WNBA, der alteingesessenen Spielerinnen wie den Olympiasiegerinnen Breanna Stewart oder Napheesa Collier so langsam den Rang abläuft. Überhaupt sind es die Neulinge im Team wie eben Clark, Paige Bueckers oder Angel Reese, die die größte mediale Aufmerksamkeit auf sich ziehen. In der Starting Five stehen sie aber trotzdem nicht.
Zu sehr vertraut Lawson auf ihre verdienten Spielerinnen. Was zuhause in den USA für reichlich Kritik sorgt. Dort werden die Rufe nach einem Start- Einsatz von Clark immer lauter. Denn auch, wenn die USA bisher ohne Niederlage durch das Turnier gingen, so richtig überzeugend ist das alles nicht. Zudem fehlten bisher die ganz großen Gegnerinnen. Doch Clark bleibt-– bis auf ihre 14 Punkte im ersten Spiel - auch von der Bank ebenfalls hinter den Erwartungen zurück.
Andere Rolle als in der WNBA
Sie selbst freue sich einfach, bei der WM dabei sein zu dürfen. Ihr internationales Debüt feierte sie erst in diesem März beim Qualifikationsturnier in Puerto Rico, wo sie direkt zur besten Spielerin es Turniers gewählt wurde. Ein besonderer Moment, nachdem sie fast sieben Monate wegen einer Verletzung hatte aussetzen müssen. Die WM würde aber alles noch einmal toppen. "Die WM-Qualifikation ist eine Sache, aber das hier ist noch einhundertmal intensiver", so die 24-Jährige im Vorfeld der WM.
Das US-Team macht derzeit einen Umbruch durch. Lediglich fünf Spielerinnen waren beim Olympiasieg 2024 dabei. Von einem Jung gegen Alt will aber niemand wissen, genauso wenig davon, dass mit all den Stars auch gewisse Egos aufeinanderprallen könnten. Nicht jede Spielerin werde die Rolle spielen, die sie bei ihrem WNBA-Team einnimmt, gab Clark sodann schon vor Turnierbeginn zu Bedenken: "Das muss man alles beiseite lassen. Die eigene Rolle wird einfach eine andere sein. Man wird nicht so viele Minuten spielen und nicht so viele Würfe bekommen. Das ist einfach die Realität, wenn man mit Superstars zusammenspielt."
Demonstrativ gute Teamchemie
Erlebt man die US-Amerikanerinnen in Medienrunden oder in der Mixed Zone, betonen sie immer wieder ihre gute Teamchemie. Zugegebenermaßen werden sie aber auch ständig danach befragt. "Wir lernen uns immer besser kennen. Sowohl auf dem Platz als auch in der Umkleidekabine", meint Angel Reese, eine der jungen Shootingstars, nach dem Ungarn-Spiel. "Wir wachsen gemeinsam weiter und haben Spaß. Wahrscheinlich werden wir noch eine lange Zeit Teamkolleginnen sein. Also arbeiten wir einfach weiter an unserer Teamchemie."
Im Halbfinale treffen die USA nun auf Spanien, die zuvor souverän gegen die Olympia-Dritten Australien gewannen. Spätestens da sollte die Teamchemie zumindest auf dem Platz stimmen. Denn sonst wird es nichts mit dem fünften Titel in Folge.