USA und Mexiko: Sheinbaum geht auf Konfrontation mit Trump
Neue Strategie Jetzt geht Mexiko gegen Trump in die Offensive Von Marc Pfitzenmaier 09.08.2026 - 20:42 UhrLesedauer: 5 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Mexiko hat monatelang gute Miene zu Trumps Forderungen gemacht – bei Migration, Drogenschmuggel und Handel. Nun schlägt Präsidentin Claudia Sheinbaum zurück. Aus Mexiko-Stadt berichtet Marc Pfitzenmaier Seit Donald Trumps Amtsantritt hat sich Mexiko vielen Forderungen aus Washington beugen müssen. Ob beim Thema Migration, beim Kampf gegen den Drogenschmuggel oder bei den Handelsbeziehungen – US-Präsident Donald Trump hat dem südlichen Nachbarn bisher ein Zugeständnis nach dem anderen abgezwungen. Obwohl seine Amtskollegin Claudia Sheinbaum nach außen hin relativ souverän wirkt, hatte sie angesichts der wirtschaftlichen Abhängigkeit von den USA bisher kaum Verhandlungsspielraum. Doch ihr Mantra der Kooperation bei gleichzeitiger Wahrung der nationalen Souveränität hat sich verändert. Mexikos Außenpolitik schaltet gegenüber Washington zunehmend in den Konfrontationsmodus. Dafür verantwortlich ist vor allem ein Thema, das die beiden Länder verbindet wie kaum ein anderes: Die umstrittene Migrationspolitik der USA hat zahlreiche Opfer gefordert, immer wieder sterben Menschen in den berüchtigten Abschiebegefängnissen oder bei Einsätzen der Einwanderungsbehörde ICE, darunter sind besonders viele Mexikaner. Anfang Juli erschossen US-Beamte im Bundesstaat Texas unter ungeklärten Umständen einen mexikanischen Handwerker. Mexikos Präsidentin und ihr Außenminister kündigten daraufhin juristische Schritte gegen die USA an und beantragten gleichzeitig bei den Vereinten Nationen eine Prüfung der Vorfälle durch die Menschenrechtskommission. Trump-Strategie schlägt fehl: "Er löst das Problem nicht" Machtkampf in den USA: Fünf Namen, die über Trumps Zukunft entscheiden Mittlerweile hat das mexikanische Außenministerium zahlreiche Strafanzeigen in den USA eingereicht. Kritik und rechtlicher Druck gegenüber Washington sind an sich nichts Neues. Doch eine vergleichbare koordinierte Offensive mit Strafanzeigen in den USA und der Einschaltung der Vereinten Nationen hat es in der bilateralen Beziehung zwischen den Ländern bislang nicht gegeben. Im Video | Trump führt Reporterin vor Player wird geladen "Wir leben in einer tief asymmetrischen Beziehung zu den USA" Bisher war es vor allem US-Präsident Donald Trump, der den südlichen Nachbarn mit Vorwürfen und Forderungen überzogen hatte: Er behauptete mehrfach, nicht Sheinbaum regiere das Land, sondern die Drogenkartelle. Deshalb drohte Washington wiederholt Militäreinsätze im Nachbarland an und drang hinter den Kulissen darauf, US-Sicherheitskräfte an Einsätzen gegen das Organisierte Verbrechen zu beteiligen. Sheinbaum lehnte das vehement ab und pochte auf die nationale Souveränität ihres Landes. Zugeständnisse musste sie trotzdem machen, darunter die rechtlich umstrittene Auslieferung Dutzender, teils hochrangiger Kartellmitglieder, die Aufstockung ihrer Grenztruppen um 10.000 Mann und hohe Zölle auf Produkte aus China. Letztere Maßnahme war eine Reaktion auf Behauptungen aus den USA, dass China Mexiko als Umweg auf den US-Markt nutze, um Trumps Zölle zu umgehen. Viele Experten betrachteten dieses einseitige Verhältnis kritisch. Der mexikanische Politikwissenschaftler Eduardo Rosales sagte dem französischen Medium "Libre Média" im Mai: "Mexiko muss aufhören, sich bei jedem Sicherheitsthema hinter nationaler Souveränität zu verschanzen." Das heiße nicht, sich zu unterwerfen, sondern die Realität anzuerkennen. "Wir leben in einer tief asymmetrischen Beziehung zu den USA. Diese Asymmetrie verschwindet nicht, nur weil man ständig das Wort 'Souveränität' wiederholt." Stattdessen sei es erforderlich, zu verhandeln und "Spielräume" zu schaffen. Sheinbaum geht auf Konfrontation mit Trump Mexikos Regierung scheint zu einem ähnlichen Schluss gekommen zu sein. Dass Sheinbaums Regierung nun ihrerseits Washington in die Verantwortung nimmt, ist ein deutlicher Kurswechsel. Den ersten Schritt in diese Richtung hatte sie Anfang März getan, nachdem Trump bei der Gründungszeremonie einer Sicherheitsallianz zwischen den USA mit mehreren lateinamerikanischen Staaten ihr Land als das "Epizentrum der Gewalt" in der Hemisphäre bezeichnet hatte. Sheinbaum betonte als Antwort darauf die Rolle der USA als größten Umschlagplatz für Waffen in der Region. "Stoppen Sie den illegalen Waffenschmuggel aus den USA in Richtung Mexiko", forderte Sheinbaum. Drei Viertel aller von den Kartellen verwendeten Waffen stammten aus US-Produktion, so die Präsidentin. Noch deutlicher wurde der Kurswechsel im Fall des Gouverneurs von Sinaloa, Rubén Rocha Moya. Das US-Justizministerium erhob im Frühjahr Anklage gegen ihn sowie neun weitere amtierende und ehemalige Funktionäre wegen angeblicher Verbindungen zum mächtigen Sinaloa-Kartell und forderte von der mexikanischen Regierung seine Festnahme. Sheinbaum reagierte darauf ungewohnt scharf und bezeichnete das Vorgehen Washingtons als politisch motivierte Einmischung: "Wenn aus dem Ausland bestimmt wird, wer schuldig ist und wer nicht. Wenn versucht wird, unsere Institutionen von außen unter Druck zu setzen (...), dann sprechen wir nicht mehr von Zusammenarbeit, sondern von Einmischung", so Sheinbaum. Da die USA bislang keine belastbaren Beweise vorgelegt hätten, werde es keine Festnahme und schon gar keine Auslieferung geben. Zwar hat die mexikanische Generalstaatsanwaltschaft eine eigene, unabhängige Untersuchung eröffnet. Doch von einer Verfolgung Moyas oder dessen Auslieferung ist Mexiko weit entfernt. Sheinbaum verwies zusätzlich darauf, dass Washington seinerseits bereits Dutzende mexikanische Auslieferungsgesuche mangels Beweisen abgelehnt habe, und drehte damit den Spieß rhetorisch um: Wer selbst keine Beweise vorlege, könne auch von Mexiko keine Kooperation verlangen. Loading... Loading... Loading... Mexiko springt Kuba mit Öllieferungen bei Auch beim Thema Kuba zeigt sich das neue, selbstbewusstere Auftreten Mexikos. Die Trump-Regierung hatte von ihren Verbündeten verlangt, ein Ölembargo gegen die Insel zu unterstützen, um damit die kubanischen Machthaber in die Knie zu zwingen. Mexiko hatte sich diesem Druck bislang gefügt. Der Staatskonzern Pemex, zuletzt Kubas wichtigster Öllieferant, stellte seine Lieferungen nach der Androhung von Strafzöllen aus Washington im Februar ein. Vor wenigen Wochen kündigte Sheinbaum dann etwas an, das wie eine gezielte Provokation wirkt. So sollen Öllieferungen an Kuba über private Firmen bald wieder aufgenommen werden. Formal argumentiert Sheinbaum mit unternehmerischer Eigenständigkeit und humanitären Gründen. Der Zeitpunkt lässt aber wenig Zweifel daran, dass es sich um eine bewusste Kampfansage handelt. Das Ölembargo ist die zentrale Voraussetzung dafür, dass Washingtons Druckstrategie gegen Havanna überhaupt funktioniert. Mit einer Rückkehr als Öllieferant würde Mexiko eines der wichtigsten außenpolitischen Projekte der Trump-Regierung in der Region unterlaufen. "Mexiko ist nicht die Piñata von irgendjemandem" Sheinbaum beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf einzelne Streitfragen und bedient sich dabei auch aus dem Werkzeugkasten Trumps und anderer Populisten. So beklagte sie kürzlich ein Komplott gegen ihre Regierung, bei dem sich rechte Kräfte in den USA aus "ideologischen" Gründen mit ihren politischen Gegnern in Mexiko koordinierten. Trump selbst nahm sie dabei ausdrücklich aus. Doch der Angriff zeigt deutlich, wie Sheinbaum das Machtverhältnis gegenüber den USA zu ihren Gunsten beeinflussen will. Vor wenigen Tagen legte Sheinbaum mit der Forderung nach, US-Politiker sollten Mexiko nicht für ihren Wahlkampf im Vorfeld der Zwischenwahlen im November instrumentalisieren. "Mexiko sollte kein Wahlkampfthema sein, denn die Vereinigten Staaten haben ihre eigenen Probleme. Mexiko ist nicht die Piñata von irgendjemandem", sagte die Präsidentin. Anlass der Äußerung waren Vorwürfe eines republikanischen Kongressabgeordneten, der Sheinbaums Ankündigung zur Wiederaufnahme der Öllieferungen an Kuba kritisiert hatte. Ob Rocha Moya, die ICE-Todesfälle oder Kuba – in allen Fällen setzt Mexiko inzwischen eigene Themen, statt nur auf Forderungen aus Washington zu reagieren. Ob sich dieser Kurs angesichts der wirtschaftlichen Abhängigkeit von den USA halten lässt, muss sich zeigen.