Valar Atomics: US-Atom-Startup will Reaktoren bauen wie andere Autos
Auf einem Flugfeld in Kalifornien warten drei C-17. In den Frachträumen der gewaltigen, vierstrahligen Transportmaschinen der US-Luftwaffe liegen die Teile eines Kernreaktors. Das Ziel befindet sich rund 1100 Kilometer entfernt im US-Bundesstaat Utah. Wenige Monate nach dem Transport setzt der Reaktor auf dem dortigen Testgelände erstmals eine kontrollierte Kettenreaktion in Gang – ein Riesenerfolg. Hinter dem Projekt steht Valar Atomics, ein 2023 gegründetes Startup aus El Segundo bei Los Angeles. Gründer Isaiah Taylor will Kernkraftwerke nicht mehr als riesige Einzelprojekte bauen. Seine Idee: kleine, weitgehend identische Reaktoren, die in großer Zahl produziert und auf gemeinsamen Energiecampussen betrieben werden. Die Idee des Startups ist kühn, aber auch die Unternehmenskultur der Firma und seine guten Beziehungen zur Regierung von US-Präsident Donald Trump sorgen für Aufmerksamkeit. Mikroreaktor: Valar baut, während andere noch planen Anfang August 2026 meldete Valar eine Finanzierungsrunde über eine Milliarde Dollar. Sequoia Capital, einer der einflussreichsten Risikokapitalgeber des Silicon Valley, der früh Unternehmen wie Apple, Google und Airbnb finanzierte, führt die Runde an. Zusätzlich kann Valar bei Bedarf weitere 200 Millionen Dollar von Banken abrufen. Medien berichten von einer Bewertung von sechs Milliarden Dollar. Das ist viel Geld für eine Firma, die noch gar kein kommerzielles Kraftwerk betreibt. ANZEIGE ANZEIGE Das Besondere an Valar ist auch nicht die Reaktorphysik. Die Reaktoren arbeiten bei sehr hohen Temperaturen, werden mit Helium gekühlt und nutzen Brennstoff, der in winzigen, besonders hitzefesten Keramikhüllen steckt. Graphit im Inneren hilft dabei, die Kernreaktion zu steuern. Ungewöhnlich ist, wie schnell das Unternehmen aus einem Konzept eine echte Anlage geschaffen hat. Erste Reaktor ist nach Taylors Urgroßvater benannt Der erste Reaktor heißt Ward 250 – benannt nach Taylors Urgroßvater Ward Schaap. Der Kernphysiker arbeitete am Manhattan-Projekt mit, aus dem während des Zweiten Weltkriegs die ersten amerikanischen Atombomben hervorgingen. Generationen später knüpft sein Urenkel an diese Familiengeschichte an – diesmal mit dem Ziel, Kernenergie für die zivile Nutzung neu zu denken. Im Juni 2026 dann erreichte „Ward“ in Utah die sogenannte Kritikalität. Im Inneren des Reaktors lief damit erstmals eine kontrollierte Kettenreaktion, die sich selbst aufrechterhielt. Das US-Energieministerium bestätigte den Versuch im Rahmen seines beschleunigten Programms für neue Reaktoren. Für Valar war das der Durchbruch. „Ward“ zeigt, dass das Grundprinzip funktioniert. Ob die Anlage später dauerhaft sicher läuft, zuverlässig Strom liefert und sich wirtschaftlich betreiben lässt, muss das Unternehmen jetzt noch beweisen. Für Rechenzentren noch zu wenig Nach der erfolgreichen Kettenreaktion in Utah ließ Valar den Reaktor mit höherer Leistung laufen und erzeugte damit erstmals Strom. Rund zehn Kilowatt kamen zusammen – genug, um bei einer Vorführung ein Computersystem mit Nvidias Blackwell-Technik zu versorgen, berichtet Reuters. Für ein Rechenzentrum ist das zu wenig. Der Versuch zeigt aber, dass „Ward“ nicht nur Kernspaltung in Gang setzen, sondern die dabei entstehende Wärme auch tatsächlich in Elektrizität umwandeln kann. Für das junge Unternehmen ist der Versuch trotzdem bedeutsam: Valar kann inzwischen mehr vorweisen als Baupläne, Präsentationen und Absichtserklärungen – der Reaktor existiert und erzeugt tatsächlich Energie. Auch der spektakuläre Transport durch die drei C-17-Maschinen zeigt, dass sich ein Mikroreaktor schnell an einen neuen Standort verlegen lässt. Das könnte für Militärstützpunkte, Bergwerke oder abgelegene Industrieanlagen interessant sein. Aus dem Kernkraftwerk soll ein Serienprodukt werden Große Atomkraftwerke sind heute häufig Sonderanfertigungen. Planung, Genehmigung und Bau dauern viele Jahre. Verzögerungen machen die Projekte zusätzlich teuer. Valar will dieses Prinzip nun stürzen. Das Unternehmen plant die Serienproduktion vieler kleiner Reaktoren nach möglichst gleichem Bauplan. Mehrere Anlagen sollen auf sogenannten Gigasites zusammenarbeiten. Steigt der Energiebedarf, können zusätzliche Module hinzukommen. Der wirtschaftliche Gedanke dahinter ist einfach: Wer dasselbe Produkt immer wieder baut, kann Abläufe verbessern, Lieferketten standardisieren und Kosten senken. Flugzeug- und Autohersteller arbeiten nach diesem Prinzip. Valar will das auf die Kernenergie übertragen. Genau darin liegt allerdings auch das größte Risiko. Ein Reaktor ist kein gewöhnliches Industrieprodukt. Materialien müssen über Jahre extremer Hitze und Strahlung standhalten. Sicherheitsrelevante Teile müssen sorgfältig geprüft und dokumentiert werden. Strom für KI, Industrie und neue Treibstoffe Als mögliche Kunden sieht Valar künftig vor allem Rechenzentren und Industrieanlagen. Sie benötigen große Mengen Strom – oft rund um die Uhr. Wind- und Solaranlagen liefern zwar günstige Energie, aber nicht jederzeit. Kernreaktoren können gleichmäßig Strom und Wärme erzeugen, ohne im Betrieb Kohlendioxid auszustoßen. Valar will seine Anlagen nicht nur verkaufen, sondern teilweise auch selbst betreiben. Kunden würden dann Energie beziehen, ohne ein eigenes Kernkraftwerk führen zu müssen. Langfristig soll die Reaktorwärme auch zur Herstellung synthetischer Treibstoffe dienen. Dabei werden Wasserstoff und abgeschiedenes Kohlendioxid zu künstlichem Öl oder Gas verarbeitet. Das ist technisch möglich, bislang aber teuer. Günstige Energie könnte die Kosten senken. Unternehmenskultur ist geprägt von Bibelstunden, Rohmilch und Zigarren So groß die Ambitionen des Unternehmens sind, so ungewöhnlich ist auch der Mann dahinter. Der 27-jährige Isaiah Taylor ist für einen Atomunternehmer bemerkenswert jung. Nach eigenen Angaben verließ er mit 16 Jahren die Schule, arbeitete später als Programmierer und gründete mehrere Unternehmen. Das Newsportal „Deseret News“ berichtet, seine Familie habe zeitweise staatliche Lebensmittelhilfe erhalten. Auch die Unternehmenskultur ist ungewöhnlich und bewusst inszeniert. Ein Bericht der „Vanity Fair“ beschreibt Valar nicht als nüchternes Ingenieurbüro, sondern als eine Art patriotisches Technologielabor. Beschäftigte treffen sich zu Bibelstunden, in den Räumen wird Rohmilch angeboten, schnelle Autos und Zigarren gehören sichtbar zum Selbstbild der Firma. An den Wänden hängen großformatige Gemälde mit Motiven aus der amerikanischen Gründungsgeschichte – von der Ankunft der Pilger bis zur Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung. Valar präsentiert sich damit als Gegenentwurf zur klassischen Silicon-Valley-Kultur: weniger weich, weniger global, dafür demonstrativ amerikanisch, konservativ und technikbegeistert. Diese Inszenierung macht das Unternehmen unverwechselbar. Ob seine Reaktoren am Ende sicher, zuverlässig und wirtschaftlich arbeiten, entscheidet allerdings nicht die Firmenästhetik, sondern die Technik. Jetzt beginnt der schwierigste Teil Mit „Ward 250“ hat Valar einen wichtigen technischen Nachweis erbracht. Der größere Test steht dem Unternehmen jedoch noch bevor: Aus dem Versuchsreaktor muss eine Anlage werden, die dauerhaft sicher läuft, verlässlich Strom liefert und sich zu wettbewerbsfähigen Kosten bauen lässt. Dabei geht es längst nicht nur um die Technik. Valar braucht ausreichend Brennstoff, funktionierende Lieferketten, klare Konzepte für Wartung und Entsorgung – und vor allem Genehmigungen. Das Unternehmen beteiligt sich deshalb an einer Klage gegen die amerikanische Atomaufsicht. Die Kläger werfen der Behörde vor, neue und kleinere Reaktoren mit langwierigen Verfahren auszubremsen. Kritiker halten dagegen, dass ausgerechnet bei Kerntechnik sorgfältige Kontrollen unverzichtbar seien. Über den Streit berichtet unter anderem „Wired“. Valar ist damit weniger wegen einer neuen Reaktoridee bemerkenswert als wegen seines Ansatzes. Ob daraus aber tatsächlich günstige Kernenergie in Serie entsteht, ist offen.