Varopreem kritisiert Abhängigkeit bei Treibstoff-Importen
Aus seinem Büro in einem der modernsten Bürogebäude in Baar hat Dev Sanyal eine wunderbare Aussicht auf die Zentralschweizer Berge. Doch ganz perfekt ist die Aussicht nicht: Dafür müsste Sanyal auch eine Tankstelle sehen können. Die dort angeschlagenen Preise leuchten für Ölkonzerne derzeit schöner als jedes Alpenglühen.
Der langjährige Manager des britischen Ölriesen BP leitet den Schweizer Energiekonzern Varopreem, einen der grössten in Europa. Das Unternehmen betreibt die einzige Raffinerie des Landes: Der 1966 erbaute Komplex in Cressier im Kanton Neuenburg feiert in diesen Tagen sein 60-jähriges Bestehen. Insgesamt besitzt der auf Europa fokussierte Konzern sieben Raffineriestandorte, darunter zwei in Deutschland, wo Varopreem die Mehrheit an Bayernoil hält.
Frage: Herr Sanyal, ein Liter Diesel kostet in der Schweiz durchschnittlich fast 2.50 Franken. Das ist ein Rekord. Auch Benzin ist sehr teuer. Sind das die besten Zeiten, die Sie als Chef eines Raffineriebetreibers je hatten?
Antwort: Es sind jedenfalls sehr aussergewöhnliche Zeiten. Ich bin 38 Jahre in dieser Branche. So eine Lage wie derzeit habe ich noch nicht erlebt. Grosse geopolitische Unsicherheiten treffen auf ein beschränkt flexibles System für die weltweite Treibstoffversorgung. Jahrelang drehte sich in diesem System alles um Effizienz. Jetzt kommt Widerstandsfähigkeit als sehr wichtiger Faktor hinzu. Es ist viel Arbeit, die Versorgung mit Treibstoffen sicherzustellen. Insofern sind es nicht die besten Zeiten.
Frage: Aber die besten Zeiten in Hinblick auf den Gewinn, mit dem Varopreem in diesem Jahr rechnen darf?
Antwort: Am gesamten Markt ist das Preisniveau gestiegen, und damit auch unsere Input-Kosten. Es gibt grosse Preisunterschiede zwischen den einzelnen Rohölsorten, die wir verarbeiten. Die Aufschläge am physischen Markt sind zum Teil enorm, darüber täuscht der am Finanzmarkt gebildete Rohölpreis hinweg. Hinzu kommen die Frachtkosten.
Dev Sanyal
PD
Der in Indien geborene Dev Sanyal ist Chef von Varopreem. Zuvor verbrachte er über 30 Jahre beim britischen Erdölkonzern BP, darunter mehr als ein Jahrzehnt in der Geschäftsleitung. Varopreem entstand zu Jahresbeginn 2026, als die in Baar ansässige Varo Energy das schwedische Unternehmen Preem übernahm. Varopreem erwirtschaftete 2025 pro forma einen Umsatz von mehr als 100 Milliarden Dollar und einen Betriebsgewinn (Ebitda) von über 1 Milliarde Dollar. Der Konzern ist im Besitz der amerikanischen Investmentgesellschaft Carlyle und des Rohstoffhändlers Vitol.
Frage: Trotzdem gehören die Preise an den Schweizer Tankstellen zu den höchsten in Europa. Das muss doch ein besonders lukrativer Markt sein?
Antwort: Wir sind in der Schweiz nicht im Retail-Geschäft tätig, wir betreiben hier keine Tankstellen. Aber wir sind der drittgrösste Raffineriebetreiber in Europa, der nicht zu einem der grossen Ölkonzerne gehört. 35 Prozent des Treibstoffverbrauchs in der Schweiz werden durch die Raffinerie in Cressier gedeckt. Die Anlagen sind fast zu 100 Prozent ausgelastet. Ein gutes Halbjahr bedeutet noch nicht, dass das gesamte Jahr gut wird. Es gibt viele mögliche Probleme.
Frage: Zum Beispiel ein Exportverbot für Diesel in den USA. Was würde mit den Treibstoffmärkten in Europa passieren, falls solch ein Verbot käme?
Antwort: Es wäre ein Schock. Die USA haben bisher bei der Versorgung Europas eine wichtige Rolle gespielt. Die Preise würden nochmals stark steigen. Das zeigt, wie wichtig eine inländische Treibstoffproduktion ist.
Frage: Die G-7-Länder haben sich am Freitag dem Druck von US-Präsident Donald Trump gebeugt und die Freigabe zusätzlicher Treibstoffreserven angekündigt. Ist die Gefahr eines Exportverbots damit vom Tisch?
Antwort: Das Risiko ist sicherlich gesunken. Das ist positiv. Die Freigabe wird helfen, Angebot und Preise etwas zu entspannen. Aber strategische Reserven sind ein Puffer, keine Lösung. Das grundlegende Problem ist ein globaler Raffineriesektor mit sehr wenig freien Kapazitäten.
Frage: Monatelang schien es, als sei die weltweite Versorgung mit Rohöl das grösste Problem, das der Iran-Krieg geschaffen hat. Jetzt sind die Engpässe bei Ölprodukten wie Diesel und Benzin die grösste Sorge. Wie kommt das?
Antwort: Nach dem gleichzeitigen Ausfall von Raffinerien in der Golfregion und in Russland durch die ukrainischen Angriffe fehlt es an Kapazitäten. Die letzte neue Raffinerie in den USA wurde 1977 gebaut. Die letzte in Europa im Jahr 1975, und heute ist sie Teil von Varopreem. Seit der Jahrhundertwende wurden in Europa mehr als 30 Raffinerien geschlossen. Wenn es dann solche Engpässe wie rund um die Strasse von Hormuz oder in Russland gibt, entsteht ein perfekter Sturm.
Frage: Warum wurden die Raffinerien in Europa geschlossen? Weil der Betrieb der Anlagen in Asien und im Nahen Osten billiger war?
Antwort: Jede Schliessung war im Einzelfall ein wirtschaftlich gerechtfertigter Entscheid. Und man glaubte, dass es auf einem globalen Markt keine Einschränkungen des Angebots geben könne. Ich selbst habe meine Karriere in dieser Zeit der Globalisierung gemacht. Regierungen betrachteten Raffinerien auch nicht als kritische Infrastruktur, sondern als Relikte der Vergangenheit, die mit der Energiewende überflüssig würden. Sie unterstützten die Schliessungen.
Frage: Besteht denn kurzfristig die Gefahr, dass es in Europa physisch an Treibstoff fehlen wird? Oder ist es einfach eine Frage des Preises?
Antwort: Solche physischen Krisen gab es bereits in Asien. In Bangladesh musste wiederholt der Strom abgeschaltet werden. Dann wanderten die Probleme nach Afrika. Natürlich ist ein reiches Land wie die Schweiz in einer besseren Position als Länder in Asien oder Afrika, um hohe Preise zu bezahlen. Aber die Effekte auf die Konsumentenpreise oder die Industrie sind trotzdem gross. Kann es denn die richtige Antwort sein, einfach zu sagen, man zahle jeden Preis?
Frage: Sorgen die hohen Preise bereits dafür, dass in Europa die Nachfrage nach Diesel und Benzin und anderen Ölprodukten zurückgeht?
Antwort: Noch sehen wir nichts davon. Nach rund acht Monaten Iran-Krieg lässt sich kein Trend erkennen. Aber wenn die Preise auch 2027 hoch bleiben, wird die Nachfrage sinken.
Frage: Wie lange werden die Versorgungsprobleme am Weltmarkt anhalten?
Antwort: Dazu wage ich keine Prognose. Aber ich bin überzeugt, dass die Risikoaufschläge beim Rohöl bleiben werden, selbst wenn die Hormuz-Krise gelöst ist. Das bedeutet nicht, dass die Preise nicht sinken können oder immer absolut hoch bleiben. Aber es wird einen Aufschlag geben, weil die Marktteilnehmer das Risiko höher bewerten.
Frage: Als der Iran-Krieg im Frühjahr losbrach, produzierten viele Raffinerien weniger Diesel und stattdessen mehr Kerosin, weil dort der Bedarf unmittelbar dringender war. Warum geschieht das jetzt nicht umgekehrt und in noch grösserem Masse, um den Engpass beim Diesel zu beheben?
Antwort: Je nach ihrer Bauweise produziert eine Raffinerie aus dem Rohöl verschiedene Arten von Treibstoffen. Sie ist etwas flexibel, wie hoch der Anteil der jeweiligen Treibstoffe am Ergebnis ist. Aber sie kann nicht zwischen 0 und 100 Prozent wechseln. Ausserdem hängen die möglichen Produkte von den Rohölsorten ab, welche die Raffinerie zur Verfügung hat. Die Anlagen produzieren heute so viel Diesel, wie sie können.
Frage: Die Schweiz besass zwei Raffinerien: jene in Cressier und eine in Collombey im Wallis, die 2015 geschlossen wurde. Warum hat Cressier überlebt?
Antwort: Wir haben die Raffinerie im Jahr 2012 von der in Finanzprobleme geratenen Petroplus übernommen. Wenn es eine Nachfrage nach Treibstoffen gibt, soll man sie bedienen. Aber nicht irgendwie, sondern effizient und mit moderner Technologie. Wir haben seit der Übernahme 500 Millionen Franken in Cressier investiert und sind überzeugt, dass das der richtige Entscheid war.
Frage: Jetzt feiert Cressier das 60-Jahre-Jubiläum. Wird es die Raffinerie auch in 60 Jahren noch geben?
Antwort: Auch in 60 Jahren werden in Cressier Energieträger produziert werden, denn die Schweiz braucht Energie. Cressier kann auf guter Infrastruktur aufbauen, liegt günstig mitten in der Schweiz, ist gut angebunden. Nur welche Energie das in 60 Jahren sein wird, das wird sich zeigen. Als ich meine Karriere begann, wurde noch verbleites Benzin verkauft. Das gibt es heute gar nicht mehr. Die Branche wird sich auch weiterhin wandeln.
Frage: In welche Treibstoffe investieren Sie jetzt in Cressier?
Antwort: Wir bauen die Produktion von Biokraftstoffen aus. Mit einer neuen Anlage sollen dafür ab 2027 rund 40 000 Tonnen Abfallprodukte pro Jahr verwertet werden, zum Beispiel Speiseöl. Das stärkt die Versorgungssicherheit der Schweiz, und es ist umweltfreundlicher. Cressier kann insgesamt rund 70 000 Fass Erdölprodukte pro Tag herstellen, von Kerosin und Heizöl über Diesel und Benzin bis eben hin zu Biodiesel und Bioethanol.
Frage: Sind Biokraftstoffe nicht teurer als die herkömmlichen Varianten? Glauben Sie, die Schweizer werden das bereitwillig bezahlen, wenn sie gerade so unangenehme Erfahrungen an den Zapfsäulen machen?
Antwort: Die Beimischung der Biokraftstoffe ist staatlich geregelt. Für die Produktion gibt es Anreize, etwa über die CO2-Kompensation und Ausnahmen von der Schweizer Mineralölsteuer. Das erlaubt es uns, die Herstellung auszuweiten. Wir glauben, dass die Welt weiterhin Brennstoffe brauchen wird. Man muss in diese konventionellen Anlagen investieren, damit sie flexibel sind.
Frage: Haben Sie keine Sorge, dass die Nachfrage nach Treibstoffen infolge des Iran-Kriegs grundsätzlich abnimmt?
Antwort: Natürlich, die Elektrifizierung des Verkehrs schreitet voran. Aber dafür muss auch die Infrastruktur wachsen, das bedeutet mehr Ladestationen sowie stabile und ausgebaute Stromnetze. Die Elektrifizierung wird nicht so schnell vorangehen, wie manche Leute hoffen. Alle grossen Prognoseinstitute schieben regelmässig den Zeitpunkt hinaus, an dem sie den Höhepunkt der Nachfrage nach Treibstoffen erwarten.
Frage: Um die gegenwärtige Nachfrage zu bedienen, haben viele Länder seit Beginn der Krise strategische Reserven freigegeben oder Pflichtlager angezapft. Die Schweiz jedoch nicht – bis auf einige Tage im September, als die Produktion in Cressier stillstand. Was war da los?
Antwort: Während rund zweier Wochen mussten Wartungsarbeiten gemacht werden. Deshalb traf die Regierung den pragmatischen Entscheid, aus Vorsicht die Lager freizugeben. Das war eine ausserplanmässige Wartung, weil die Raffinerie seit längerer Zeit unter hoher Auslastung läuft – nahezu 100 Prozent, wie erwähnt.
Frage: Weltweit arbeiten die Raffinerien am Anschlag. Wächst die Gefahr, dass es dadurch zu Produktionsausfällen kommt und die Treibstoffversorgung noch angespannter wird?
Antwort: Wir planen langfristig. Aber allgemein gesagt, besteht diese Gefahr. Die USA produzieren derzeit rund 9 Prozent mehr Treibstoff als üblich. Wenn deswegen grössere Wartungen verschoben werden, kann das zu Problemen führen. Aber wir arbeiten in Cressier sorgfältig, um sicherzustellen, dass dies nicht geschieht.