"Vaterland": Berührendes Roadmovie über Heimat und Identität
Stand: 11.09.2026 12:37 Uhr
Für seinen neuen Film "Vaterland" ist Paweł Pawlikowski in Cannes mit der Silbernen Palme für die beste Regie ausgezeichnet worden. Ein berührendes Roadmovie, inspiriert von einer Reise eines großen Schriftstellers, die es - zumindest so ähnlich - tatsächlich gegeben hat.
von Lars Meyer, MDR
1949 reist Thomas Mann nach langen Jahren im Exil erstmals wieder nach Deutschland. Die Reise führt ihn von Frankfurt nach Weimar über die Zonengrenze. In beiden Städten soll er einen Goethe-Preis bekommen und eine Goethe-Rede halten. Klarer lässt sich der Rahmen für eine Filmhandlung nicht setzen.
Zwischen historischer Wahrheit und filmischer Fiktion
Vorab, als Prolog, teilen die Geschwister Klaus und Erika Mann per Telefon ihre Skepsis - dennoch begleitet Erika ihren Vater als Managerin und Dolmetscherin ins verlorene Vaterland. Und hier beginnt sich die historisch verbürgte Reise zu fiktionalisieren. Denn in Wirklichkeit war es Ehefrau Katia, die mitkam.
Regisseur Paweł Pawlikowski hat die Reise außerdem auf wenige Tage und zwei Orte reduziert. Und mittendrin erhalten Vater und Tochter die Nachricht von Klaus' Selbstmord. Historisch korrekt ist das nicht, aber clever. "Wenn der Film funktioniert, echte Emotionen und eine intellektuelle Relevanz hat, dann riskiere ich das", erklärt der Regisseur. Durch seine dramatische Verdichtung schärft er den historischen Kontext, die Konfrontation zweier Systeme, und gewinnt ein intimes Familiendrama dazu.
Sandra Hüller und Hanns Zischler glänzen durch Zurückhaltung
Sandra Hüller und Hanns Zischler glänzen beide durch ihr zurückhaltendes Spiel. Das erste Mal sieht man sie zusammen in einem schwarzen Buick durch eine ruinöse Straße in Frankfurt rollen. Das Bild schwarzweiß, Erika am Steuer, Thomas angespannt auf dem Rücksitz. Eine lange, stumme Einstellung, die auch den Zuschauer ganz unmittelbar ins zerstörte Deutschland bringt. Dann die Pressekonferenz zum Goethe-Preis:
"Herr Professor Mann, Sie haben Deutschland im Jahr 1933 verlassen. Was antworten Sie denjenigen, die Sie des Verrats oder mangelnder Solidarität beschuldigen?"
"Wäre ich hier geblieben, könnten wir heute nicht miteinander reden." Dialog aus dem Film "Vaterland"
Die neue Gesellschaft und ihr Nobelpreisträger
Die neue Gesellschaft versucht, den Nobelpreisträger meist zu vereinnahmen. Pawlikowski flicht Begegnungen mit Gustaf Gründgens und den Wagner-Enkeln Wieland und Wolfgang ein. Immer wieder richtet sich Erikas Blick auf die Gesichter und Smokings im Parkett der Paulskirche.
Später folgt die DDR-Variante. Kinderchöre grüßen "unseren" Thomas Mann, sowjetische Offiziere dinieren vor Goethes Gartenhaus und der angehende Kulturminister Johannes R. Becher will Thomas Mann eine dekorative Funktion antragen. So war es nicht, so könnte es gewesen sein.
Pawlikowski beeindruckt mit präzisen Bildern
Die Kultur gegen die Politik verteidigen und zum Leitbild der Gesellschaft machen - Thomas Mann scheitert im Film mit seinem moralischen Anspruch und entfremdet sich zudem von Erika. Das eigentliche Drama spielt sich aber im Kleinen ab, oft im Oldtimer auf der Landstraße.
Und darin ist Pawlikowski ein absoluter Meister. In "Ida" und "Cold War" hat er es bereits bewiesen, aber "Vaterland" ist noch präziser in seinen Bildern. Pawlikowski vergleicht es mit Bildhauerei: "Ich versuche, eine große Geschichte ganz einfach zu erzählen, auch mithilfe der Schwarz-Weiß-Bilder, nicht abzulenken mit zu vielen Informationen und Nuancen."
"Vaterland" ist aktueller denn je
Die polnische Produktion, gedreht mit deutschen Schauspielern aus Ost- und Westdeutschland, versteht Pawlikowski als einen europäischen Film. Für ihn geht es auch nicht in erster Linie um Thomas Mann. Es geht in einem viel weiteren Sinn um Heimatlosigkeit und Identitätsverlust. Und damit trifft "Vaterland" auch thematisch gerade jetzt einen Nerv.