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Verbotene "Artgemeinschaft": Razzia bei AfD-Landtagskandidaten wegen völkischer "Artgemeinschaft"

Nation

Wegen des Verdachts der Fortführung der 2023 verbotenen rechtsextremen Vereinigung »Artgemeinschaft« hat die Polizei Objekte in fünf Bundesländern durchsucht. Grundlage sei ein Verfahren gegen insgesamt 15 Beschuldigte, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Halle. Ihnen werde vorgeworfen, die »Artgemeinschaft« zu unterstützen.

Die Staatsanwaltschaft Halle bestätigt der ZEIT, dass Durchsuchungen seit dem frühen Donnerstagmorgen im Gange seien. Schwerpunkt sei Sachsen-Anhalt, zudem liefen den Angaben zufolge Einsätze in Berlin, Brandenburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Unter den Verdächtigen sind auch zwei Landtagskandidaten der AfD für die Wahl in Sachsen-Anhalt am 6. September. Ein Anwalt der Betroffenen bestätigte der ZEIT einen entsprechenden Spiegel-Bericht.

Einer davon ist Sebastian Koch, Vorsitzender des AfD-Kreisverbandes Altmark-West. Der Verfassungsschutz hat Koch seit Jahren auf dem Schirm. Er sei »in neonazistischen Zusammenhängen in Erscheinung getreten«, heißt es in einem behördeninternen Gutachten von 2019. Ein späteres Gutachten der Behörde zitiert Koch mit der rassistischen Äußerung, Kriminalitätsneigung sei vererbbar. »Eine Geburt lässt den kulturellen Erbstrang nicht beschneiden«, schrieb er demnach 2024 auf Facebook. Das zeige sich »bei den ganzen Talahons [abwertender Begriff für Migranten], die schwerst frauenfeindlich und rassistisch gegen Deutsche handeln, obwohl sie in der 3. Generation hier leben«. Damit reduziere Koch Migranten auf ihre ethnisch-kulturelle Herkunft und spreche ihnen eine individuelle Entwicklung ab.

In einem Interview mit einer Regionalzeitung zur nahenden Landtagswahl gab sich Koch gemäßigter: Fachkräfte aus dem Ausland seien willkommen, sagte er im Hinblick auf den im Land verbreiteten Fachkräftemangel. Koch trat 2014 in die AfD ein, ein Jahr nach Gründung. Er ist in der Altmark geboren und steht für die Wahl auf dem Kandidatenlistenplatz 8.

Sonnwendfeier in Gardelegen

Weiterhin verdächtigt wird Simon Lansmann, Oberhaupt einer ländlichen Wohn- und Lebensgemeinschaft im Altmark-Ort Gardelegen. Er will im Altmarkkreis Salzwedel das Direktmandat erringen. Lansmanns Anwalt bestätigte der ZEIT, dass Räume seines Mandanten von der Durchsuchung betroffen sind.

Hintergrund der Razzia sei eine Sonnenwendfeier mit geladenen Gästen auf dem Hof von Lansmann am 20. Juni, teilte der Anwaltmit. Diese Veranstaltung habe er bereits auch in den Vorjahren ausgerichtet. »Eine Fortführung der seit 2023 verbotenen Vereinigung hat auf seinem Grundstück nicht stattgefunden«, heißt es in dem Schreiben. Lansmann sei nicht Mitglied der »Artgemeinschaft« und distanziere sich von deren Ideologie. Ähnliches formuliert der Anwalt in einem weiteren Schreiben über Koch, den er ebenfalls vertritt. Auch Koch habe sich »bereits mehrfach« von der Ideologie der »Artgemeinschaft« distanziert und sei »nie Mitglied« gewesen.

Ein Sprecher des AfD-Landesverbandes wollte die Durchsuchungen bei den beiden Kandidaten nicht näher kommentieren. »Zu laufenden Ermittlungen können wir nichts sagen, zumal mit den Betroffenen noch nicht gesprochen werden konnte«, sagte er.

Bei den Durchsuchungen sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft unter anderem Kräfte der Landeskriminalämter im Einsatz. In Nordrhein-Westfalen durchsuchte die Polizei Objekte in Lippstadt sowie an zwei weiteren Orten im Kreis Lippe und im Kreis Höxter, wie die Nachrichtenagentur dpa aus Sicherheitskreisen erfuhr. In Brandenburg betrafen die Durchsuchungen demnach jeweils ein Objekt in Potsdam und in Zossen südlich von Berlin.

»Sektenartig, zutiefst rassistisch und antisemitisch«

Die »Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung«, wie ihr vollständiger Name lautet, wurde 2023 vom Bundesinnenministerium verboten. Die damalige Innenministerin Nancy Faeser (SPD) bezeichnete sie als »sektenartige, zutiefst rassistische und antisemitische Vereinigung«. Die Gruppierung klagte gegen das Verbot, das aber im April vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt wurde.

Die »Artgemeinschaft« hatte zuletzt nach Schätzungen rund 150 Mitglieder. Sie war laut der Bundeszentrale für politische Bildung bundesweit mit vielen rechtsextremen und neurechten Gruppierungen vernetzt und unterhielt gute Kontakte zur gewaltbereiten Neonazi-Szene. Die Gruppe feierte vor allem im geschlossenen Rahmen germanisch-heidnische Feste und veranstaltete sogenannte Gemeinschaftstage mit bis zu 250 Teilnehmern.

»Härte und Hass gegen Feinde«

Wie die Rechtsextremismus-Experten Andrea Röpke und Andreas Speit in ihrem 2019 erschienenen Buch Völkische Landnahme schreiben, betrachtete sich die »Artgemeinschaft« als völkischer Kampfverband, in dem Rassismus und Germanenkult zur Religion erhoben würden. Das »Sittengesetz« der Organisation gebiete »Zuneigung und Liebe gegenüber Verwandten, Freunden und Gefährten«, »Wachsamkeit und Vorsicht gegenüber Fremden« sowie »Härte und Hass gegen Feinde«.

Gegründet wurde die »Artgemeinschaft« 1951 von Wilhelm Kusserow (1901-1985), der bereits in den 1920er-Jahren das sogenannte deutschgläubige neugermanische Heidentum propagierte. Neben der Artgemeinschaft gibt es zahlreiche weitere Initiativen, Vereine und Organisationen, die im gesamten Bundesgebiet am äußersten rechten Rand aktiv sind, teils Jugendlager organisieren oder als Ökolandwirte tätig sind.

Transparenzhinweis: Andrea Röpke und Andreas Speit schrieben in der Vergangenheit auch als Autoren für die ZEIT.

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