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Verfallspornos: Auch Elon Musk teilt den angeblichen Untergang

Technologie

Videos über angeblich untergehende Städte boomen im Netz. Selbst der reichste Mensch der Welt lässt sich nur allzu gerne davon manipulieren. Warum sogenannter "Decline Porn" unser Weltbild verzerrt und Ängste verstärkt. Eine Kolumne von Bob Blume Diese Kolumne stellt die Sicht von Bob Blume dar. Informiere dich, wie unsere Redaktion mit Meinungen in Texten umgeht. Mittlerweile gibt es zu jedem erdenklichen Thema ein Genre für Kurzvideos. Der heiße Scheiß bei Untergangsenthusiasten ist der "Decline Porn", zu Deutsch "Verfallsporno". Zu sehen: Städte, die angeblich untergehen. Müll, Elend, Verfall, manchmal echt gefilmt, immer öfter komplett von der KI erfunden. Das läuft so gut, dass diese Ausschnitte Menschen glauben lassen, dass die Welt am Ende ist. Wohin das führt, hat gerade der reichste Mann der Welt, Elon Musk, vorgeführt. Der Blick aus dem Dachfenster Wenn ich irgendwann im ersten Halbjahr des Jahres 2007 aus dem Dachfenster meiner kleinen Kemenate in Sheffield, England, schaute, lag die Stadt wie eine Landschaft aus Widersprüchen vor mir. Hinter den typischen englischen Kleingärten mit Fußballtoren und Wäscheleinen stiegen die dicht aneinandergedrängten Backsteinhäuser den Hang hinauf. Dazwischen zogen sich Baumkronen, Parks und verwilderte Grünflächen durch das Häusermeer, als hätten sie sich ihren Platz einfach zurückgeholt. In der Ferne ragten Schornsteine und Fabrikgebäude auf, dazwischen Dächer mit verwitterten Ziegeln in unterschiedlichen Farben. Nichts wirkte geschniegelt. Aber auch nichts ließ sich auf einen einzigen Eindruck reduzieren. Viele meiner Freiburger Kommilitonen, die auch ein Auslandsjahr in dieser Industriestadt verbrachten, hatten einen anderen, düsteren Eindruck. Für sie war Sheffield, die Partnerstadt von Bochum, vor allem grau. Sie hatten offenbar erwartet, dass jede Stadt aussieht wie eine alternative Altstadt – mit Bächle, Fachwerk und mittelalterlichen Prunkbauten. Wer wie ich aus Bochum kam, empfand das anders. Man wusste: Städte bestehen nie nur aus ihren Postkartenmotiven und nie nur aus ihren Problemvierteln. Man muss nur genau hinschauen. Eigentlich ist das keine besonders originelle Erkenntnis. Neu ist, dass sich inzwischen ein Geschäftsmodell daraus entwickelt hat, genau diese Ambivalenz zu beseitigen. Im Netz florieren Bilder und Videos, die Städte, Länder oder ganze Gesellschaften ausschließlich als Niedergang erzählen. Schönheit wird ausgeblendet, Komplexität ebenso. Übrig bleibt das, was sich am besten klickt: Decline Porn. Der Niedergang als Quotengarant Ich habe in einer anderen Kolumne den Decline Porn als den "Niedergang als Quotengarant" beschrieben. Mittlerweile ist es ein einzelnes Genre, global ausgeschlachtet: Leute gehen in gefährliche oder von Armut betroffene Ecken von Städten, filmen das Elend und kommentieren es als "Beweis" dafür, dass es mit der Stadt oder gleich dem ganzen Land zu Ende geht. Nicht aus Sorge, versteht sich, sondern weil es sich gut klickt. Die Macher verstecken sich hinter einer angeblichen Sorge vor dem Niedergang, den sie in Wirklichkeit herbei filmen. Dass dabei bestimmten Bevölkerungsgruppen die Schuld zugewiesen werden kann, versteht sich von selbst. Inzwischen ist das Genre sogar noch eine Stufe weiter. Man muss gar nicht mehr rausgehen. Die KI erledigt das. Ein Beispiel, das kürzlich für Aufsehen sorgte: ein angeblich "steuerfinanzierter Wasserpark" in einem Londoner Stadtteil, vermüllte Becken inklusive. Sah aus wie eine Handyaufnahme. War komplett am Computer erzeugt. Der Ersteller war, das kam später heraus, noch nie in dem Stadtteil, den er da untergehen ließ. Musste er auch nicht. Es reichte, dass das Video echt genug aussah, damit niemand weiterscrollt. Und genau darum geht es: nicht um Wahrheit, sondern um Verweildauer. "Wann waren Sie zuletzt dort?" Wie sehr diese Bilder inzwischen Weltbilder prägen, konnte man vor ein paar Tagen in einem Interview erfahren. Elon Musk, seit geraumer Zeit besessen von der Idee, Großbritannien stehe vor dem Bürgerkrieg, saß der Chefredakteurin des "Economist" gegenüber. Die stellte ihm eine Frage, die so simpel ist, dass sie fast unhöflich wirkt: Wann er denn zuletzt im Land gewesen sei. Antwort: vor ein paar Jahren. Die Journalistin, die dort lebt, konnte da nur noch trocken bleiben. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Ein Mann erklärt einem Land, in dem er seit Jahren nicht war, seinen bevorstehenden Zusammenbruch – vor einer Frau, die jeden Morgen dort aufwacht. Woher hat er sein Bild? Vermutlich aus derselben Quelle wie wir alle: aus dem Feed. Nur dass sein Feed 230 Millionen Menschen erreicht, wenn er ihn weiterreicht. Die Bestätigungsmaschine Was hier greift, hat einen Namen: Confirmation Bias, zu Deutsch Bestätigungsfehler. Gemeint ist die menschliche Neigung, vor allem das für glaubwürdig zu halten, was man ohnehin schon glaubt. Wer überzeugt ist, dass Einwanderung Städte unsicher macht, braucht keine Statistik. Ein einziges Video reicht. Und dann noch eins. Und noch eins. Das ist nicht neu, neu ist der Turbo: Früher musste man sich seine Bestätigung mühsam zusammensuchen. Heute liefert der Algorithmus sie frei Haus, in Serie, rund um die Uhr, bis die Ausnahme aussieht wie die Regel. Genau das ist der Unterschied zwischen "es gibt hässliche Ecken" und "alles geht unter". Der Ausschnitt wird zum Weltbild. Und irgendwann sehen Menschen wirklich nur noch schwarz – auch dort, wo sie nie waren. Nein, es ist nicht überall schön Damit das nicht falsch ankommt: Die Pointe soll nicht sein, dass in Wahrheit überall die Sonne scheint. Es gibt reale Probleme, in britischen Städten wie in deutschen. Wachsende Armut. Eine Schere zwischen Arm und Reich, die immer weiter aufgeht. Viertel, die man tatsächlich hat verkommen lassen. Und gerade das macht Musks Auftritt so entlarvend: Der reichste Mann der Welt beklagt den Verfall von Städten – und verliert dabei kein einziges Wort über die ökonomische Ungleichheit, die zu realem Verfall beiträgt. Stattdessen: Migration, Kriminalität, Untergang. Wer die Armut ausblendet und die Angst bewirtschaftet, betreibt keine Gesellschaftsanalyse. Er betreibt Verfallsporno mit anderen Mitteln. Nur eben ohne Kamera. Und wieder die Plattformlogik Bleibt die Frage nach der Verantwortung. Und ja, wer solche Videos produziert – ob echt gefilmt, zugespitzt oder frei erfunden – trägt sie. Keine Ausreden. Aber seien wir ehrlich: Ohne die algorithmische Verstärkung der großen Plattformen wäre das alles ein Nischenphänomen für Untergangs-Nerds. Es sind nicht einzelne Videos, die Menschen in die Arme von Radikalen treiben. Es ist eine Infrastruktur, die aus Ausschnitten Scheinrealitäten bastelt und aus Scheinrealitäten Rendite. Empfehlungen der Redaktion So können Sie sich gegen Deepfakes im Netz wehren Wenn die Flammen am Urlaubsort lodern Nicolas-Cage-Film gestohlen: Netflix soll 105 Millionen Dollar zahlen Ich denke dann an den Blick aus meinem Dachfenster in Sheffield. An die Backsteinhäuser am Hang, die verwilderten Grünflächen, die Schornsteine in der Ferne, den Nebel am Morgen. Eine Landschaft aus Widersprüchen, die sich nicht auf einen einzigen Eindruck reduzieren ließ. Genau diese Reduktion ist das Geschäftsmodell des Verfallspornos. Der Algorithmus will nicht, dass wir aus dem Fenster schauen und uns aus den Widersprüchen eine Meinung bilden. Er will, dass wir scrollen – und dabei ganz sicher wissen, wie es da draußen aussieht. Da draußen, wo wir seit Jahren nicht waren.

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