Verfassungsschutzchef: Wie Hape Kerkeling zum obersten Kämpfer gegen die AfD wurde
Zaghaftes Klatschen gegen 20:46 Uhr, dann lauter Applaus. Danach der Hinweis des Ausschussvorsitzenden im Thüringer Landtag: „Bekundungen von der Besuchertribüne sind hier nicht erlaubt.“
Es ist das erste Mal, dass im Plenarsaal in Erfurt von den rund 80 Gästen während der Anhörung auf Antrag der Linken zu einem Verbotsverfahren gegen die AfD eine Reaktion hörbar ist. Und es wird auch die einzige bis kurz vor Mitternacht bleiben, bis der letzte Experte gehört worden ist.
Manche Zuschauer hatten am Mittwoch seit Beginn um 14 Uhr ausgeharrt – vermutlich vor allem, um den Stargast an diesem Tag zu hören: den Entertainer, Schauspieler und Buchautor Hape Kerkeling.
Kerkelings letzter Satz in seinem Eingangsstatement hatte gelautet, dass er sich einen Tag vorstelle, „an dem alle Minderheiten gleichberechtigt sind“, niemand solle in Angst leben müssen, „nur weil man anders lebt, anders aussieht, anders glaubt“.
Das war in etwa auch die Begründung der Linken für ihren Antrag, die Thüringer Regierung aufzufordern, sich im Bund für ein AfD-Verbotsverfahren einzusetzen. Denn mehr kann eine Landesregierung nicht tun. Im Januar 2026 beschloss der Ausschuss, eine Anhörung anzusetzen. Am Mittwoch war es soweit.
Gleichzeitig war es wohl der bisherige Höhepunkt der Politisierung eines Entertainers.
Kerkeling und der ehemalige Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, waren die prominentesten „Experten“ unter vielen Verfassungsjuristen und anderen Fachleuten.
Als Kerkeling spricht, ist Maaßen schon mehr als zwei Stunden im Saal. Und wartet stoisch auf seinen Auftritt – der schließlich um 21:56 Uhr beginnen und um 23:03 Uhr enden sollte.
Während Kerkeling vor voll besetzter Tribüne und rund 80 Gästen redet, wird es bei Maaßen nur noch halb so voll sein. Maaßen macht sich Notizen, holt sich Kaffee, eine Hand in der Tasche, betont emotionslos. Später wird er sagen, es gehe nur um „Fakten, Fakten, Fakten“, politische Emotionen müssten rausbleiben.
Das wird der einzige Seitenhieb auf Hape Kerkeling bleiben.
Derweil hat Kerkeling das gesagt, was er schon als Hauptredner am 18. April zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald in Thüringen gesagt hatte: Dass er nicht als Verfassungsexperte spreche, sondern als Nachfahre eines Opfers des Nationalsozialismus – seines Großvaters, gefoltert in Buchenwald. Thüringen habe doch hier am eigenen Leib erfahren, wie eine Demokratie sich selbst abschaffe.
Niemals in Verantwortung
Und heute – und er meint die AfD – sei jede beschönigende, verharmlosende Haltung im Umgang mit der Geschichte „verfassungswidrig“. Und weiter: Wer verbrecherische Vergangenheit umdichte, verwirke jede politische Daseinsberechtigung in unserer Demokratie. Wer nicht verantwortungsvoll mit Geschichte umgehe, dürfe niemals Verantwortung für die Geschichte unseres Landes tragen.
Kerkeling wirkt im Thüringer Landtag bis in die Haarspitzen entschlossen, ja beinahe wütend. Alles, was er sagt, gipfelt in dem Satz: „Das Grundgesetz ist antifaschistisch.“
Und da jeder Interessierte den Kerkeling-Auftritt im Livestream verfolgen kann und auch die Tribüne der Medienvertreter voll ist, ist nun womöglich endgültig die Zeit vorbei, in der dessen politische Haltung als Entertainment missverstanden wird.
War Kerkeling nicht schon immer sehr viel mehr als jemand, der Menschen vor allem humoristisch unterhalten will?
In den vergangenen Jahren hat er die Anzahl seiner politischen Einmischungen stetig erhöht. Zur Lage des Humoristischen hat er bereits 2024 in einem Interview mit T-Online klargestellt: „Humor ist eine gute Waffe, aber bei den heillos Verblendeten kommt jedes Lachen zu spät.“
Hier im Saal ist er dann doch der Einzige, der Lacher provoziert. Als etwa Innenminister Georg Meier (SPD) ihn mutig nennt und sagt, er müsse sich das hier gar nicht antun, antwortet der trocken: „Nein.“
Der Opa im KZ
Warum er es aber tut, sich das Politische anzutun, das hat er schon vor drei Jahren sinngemäß damit erklärt, dass er Konsequenzen aus seiner eigenen Geschichte gezogen habe.
Da war nicht nur der Großvater, Kommunist, der 1933 wegen der Verbreitung von Flugblättern gegen die Nazis erst in Haft und später ins KZ Buchenwald kam und immer darüber schwieg; da war auch der Suizid der Mutter, der als eine Art Familiengeheimnis verhandelt worden ist; und dann die eigene Homosexualität und das ungewollte Outing im Dezember 1991 durch den Filmemacher Rosa von Praunheim sowie der Tod seines Partners an Aids.
Dieses „Nicht-mehr-Schweigen“ ist ihm zum Motiv erwachsen, daraus wiederum folgt eine Einstellung, die er „eine tiefe Verantwortung gegenüber Land und Verfassung“ nennt.
Und nun gibt es seit ein paar Monaten sogar eine Petition, in der die demokratischen Parteien im Bundestag dazu aufgerufen werden, ihn als Bundespräsidenten zu nominieren. Rund 146.500 Leute haben bis Mittwochabend unterschrieben.
Es ist dementsprechend kein Zufall, dass Kerkeling in Erfurt ausgerechnet auf einen Mann trifft, der sich in den vergangenen Jahren eher anders politisiert hat: Hans-Georg Maaßen, als Chef des Bundesverfassungsschutzes vorzeitig in den einstweiligen Ruhestand versetzt, hat sich Positionen der AfD immer weiter angenähert. Was er am Mittwochabend auch zugibt.
So empfahl Maaßen, ganz im Sinne der „wohltemperierten Grausamkeit“, die Thüringens AfD-Chef Björn Höcke für „ein groß angelegtes Remigrationsprojekt“ notwendig erachtet, in der „Weltwoche“: Die „ungesteuerte, millionenfache Ansiedlung von Ausländern aus kulturfremden Regionen“ müsse durch „schmerzhafte Operationen“ rückgängig gemacht werden. Dafür, führt Maaßen aus, müsse Deutschland sich aus der „humanitären Kuschelwelt und der vermeintlich rechtsstaatlichen Komfortzone in die harte Realität des Operationssaals begeben“. Nur so sei Deutschland wieder „zu heilen“.
Zuletzt hat er sich als Innenminister in Sachsen-Anhalt unter einem AfD-Ministerpräsidenten ins Spiel gebracht. Und nun also Erfurt – um gegen ein AfD-Verbot zu argumentieren.
Als er zu reden beginnt, ist Kerkeling fort. Und damit auch das Emotionale, das Gefühl, wofür Kerkeling in der Debatte plädiert hatte. Maaßen dagegen ist sehr ruhig im Ton, trotzdem knallhart in seinen Aussagen.
Er gehe davon aus, dass sich die AfD für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einsetze, sagt Maaßen. „Nach allen Unterlagen, die ich gesehen habe, liegen keine brauchbaren Beweise vor, die ein AfD-Verbot rechtfertigen.“
Stattdessen greift Maaßen, das macht auch die AfD, den Verfassungsschutz an, dem er einst angehörte. „In Deutschland untersteht der Verfassungsschutz direkt einem Minister, das birgt die Gefahr, dass der die Beobachtung organisiert und in Auftrag gibt. Das halte ich für hochproblematisch.“ Er selbst habe das schon immer so gesehen.
Nur einmal scheint es, als könne eine Abgeordnete der Linken ihn mit Nachfragen aus der Fassung bringen, als sich Maaßen an den Vorsitzenden wendet: „Ich bin hier nicht als Angeklagter geladen.“ Doch dann plaudert er ohne Probleme darüber, dass er mit dem rechtsextremen Höcke mittags noch in der Kantine gegessen habe, weil er dafür sei, dass „jeder mit jedem reden sollte“.
Kung Fu Panda gegen Gauland
Reden ist auch Kerkelings Waffe. Im September 2024, als die AfD in Thüringen mit 32,8 Prozent stärkste Partei wurde, hatte Kerkeling noch gesagt, er habe das Gefühl, sein Hals schnüre sich zu. Diesem Gefühl der Ohnmacht setzt Kerkeling seitdem scharfe politische Stellungnahmen entgegen, selbst wenn es in Interviews nur um einen neuen Film geht. Als T-Online ihn 2024 fragt, wen sich Kung Fu Panda, den Kerkeling in einem Film spricht, im wahren Leben zur Brust nehmen würde, antwortet der: „Herrn Gauland.“
In einem langen Gespräch mit dem „Zeit“-Podcast „Alles gesagt“ Ende 2025 fordert er, dass die „Zivilgesellschaft aufstehen und sich wehren muss“, weil die AfD den Willen habe, die Demokratie zu zerstören. „Und wir müssen uns fragen, haben wir den gleichen Willen, durchzusetzen, dass wir diese Demokratie schützen.“
Als Gastredner einer Klausur der SPD-Bundestagsfraktion im September erzählt er von der Zeit nach seinem Zwangsouting und wie man ihm als Homosexuellem gegenübertrat. Er sagt, es sei damals keine Ablehnung gewesen, sondern: „Es war eine besondere Form der Duldung.“
Das ist die Analogie, die ihn zu seiner Haltung gegen die AfD bewegt – der Schutz und die Würde von Menschen, die Minderheiten angehören, etwa: Menschen mit Beeinträchtigungen, queere Menschen, nicht-deutsche Menschen.
In der Anhörung vor dem Justizausschuss in Erfurt betonte der als Experte geladene Jurist Hendrik Cremer vom Institut für Menschenrechte und Autor des Buches „Je länger wir schweigen, desto mehr Mut brauchen wir“: „Die AfD verfolgt das Ziel, die Garantie der Menschenwürde und damit die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beseitigen.“
Ähnlich drückt es auch Kerkeling aus. Dann meldet sich Daniel Haseloff von der AfD und erläutert, warum sich die AfD nicht an der Befragung Kerkelings beteiligen wird – der sei schließlich kein Experte. Kerkeling lacht auf, fällt ihm ins Wort, bereit zur verbalen Schlägerei. Man sieht ihm seine Erregung an, er will sich hier nicht einschüchtern lassen.
Haseloff führt aus, dass er dankbar für Kerkelings Worte sei, weil sie den Verdacht bestätigen, dass es sich hier um ein politisches Verfahren handele.
Kerkeling kontert: „Schade, wieder nicht die Chance genutzt, sich von allen Vorwürfen zu distanzieren.“