Verhindert taktisches Wählen die absolute AfD-Mehrheit?
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620.000 Euro gegen die AfD: Großoffensive soll absolute Mehrheit verhindern – „Absolut legitim“
Von: Jens Kiffmeier
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Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt formiert sich Widerstand: Mit Kampagnen soll eine absolute Mehrheit der AfD verhindert werden. Kann das funktionieren?
Magdeburg – Sie klingeln an tausenden Haustüren, werfen Postkarten in die Briefkästen und kleben 13.000 Plakate an Laternenmasten: Wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2026 mobilisieren die Helfer der Kampagnenorganisation Campact noch mal alle Kräfte und rufen zum taktischen Wählen auf. Ihr Ziel: eine absolute Mehrheit der rechtspopulistischen AfD zu verhindern.
Während die Unterstützer von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund darin eine Verzerrung der Wahlergebnisse beklagen, halten Politikwissenschaftler das Vorgehen für demokratisch gerechtfertigt. „Das ist absolut legitim“, sagte Professor Thorsten Faas von der Universität Berlin auf Anfrage der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Politik sei immer eine Mischung aus inhaltlichen Überlegungen und den dazugehörigen Spielregeln. Neben inhaltlichen Wünschen könne die Entscheidung auch davon abhängig gemacht werden, welche Koalitionen möglich seien oder welche Partei es ins Parlament schaffe – oder eben nicht.
Wahl in Sachsen-Anhalt 2026: Steuert die AfD auf absolute Mehrheit zu?
Doch wer regiert bald in Sachsen-Anhalt? Am kommenden Sonntag (6. September 2026) sind 1,7 Millionen Menschen zur Wahl aufgerufen. Doch für welches Wahlergebnis sie sorgen – das ist gänzlich offen. Laut allen aktuellen Umfragen steuert die AfD auf einen Wahlsieg zu, weit vor der CDU von Ministerpräsident Sven Schulze. Unklar ist nur, ob es für die in Sachsen-Anhalt vom Verfassungsschutz teilweise als rechtsextrem eingestufte AfD am Ende sogar für eine absolute Mehrheit reicht. Das hängt vor allem davon ab, ob die SPD und die Grünen an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern. In diesem Fall würden zehntausende Stimmen wegfallen – und die AfD könnte eine Alleinregierung stellen.
Vor diesem Hintergrund haben mehrere Initiativen, darunter auch Campact, in den vergangenen Wochen und Tagen zum taktischen Wählen aufgerufen. Campact investiert für die aktuelle Kampagne rund 620.000 Euro, die vorwiegend aus einem durch Kleinspenden finanzierten Fonds stammen, wie die Nachrichtenagentur AFP berichtete. Da SPD und Grüne die Unterstützung offiziell angenommen haben, soll dies parteienrechtlich als Spende im Wert von jeweils 310.000 Euro an die Bundestagsverwaltung gemeldet worden sein.
Flankiert wird die Aktion von der unabhängigen Initiative „Taktisch Wählen“, die ebenfalls zur Wahl von SPD oder Grünen aufruft. Auf eine Wahlempfehlung für das BSW, das bei vier Prozent liegt, verzichtet Campact hingegen. Die Begründung: Die Partei von Gründerin Sahra Wagenknecht könnte selbst im Falle eines Einzugs eine AfD-Regierung stützen oder durch Enthaltung ermöglichen.
Auch wenn taktisches Wählen aus Sicht von Experten für Wählerinnen und Wähler durchaus legitim ist, stören sich aber einige Wissenschaftler an der konkreten Verflechtung von Initiativen und den begünstigten Parteien. Politikwissenschaftlerin Julia Rakers etwa kritisierte laut Deutschlandfunk das Online-Tool der Initiativen wegen mangelnder Transparenz. Erst auf den zweiten Blick werde deutlich, dass hinter dem Angebot die Kampagnen-Agentur „The Goodforces GmbH“ stehe, sagte sie. Diese habe Ende Juli 2026 jeweils 38.150 Euro an SPD und Grüne gespendet.
Funktioniert taktisches Wählen bei Landtagswahl in Sachsen-Anhalt? Das sagt Experte Faas
Der Erfolg taktischer Wahlaufrufe bleibt jedoch ungewiss. Da strategische Entscheidungen auf Umfragen basieren, die mit mathematischen Unsicherheiten behaftet sind, besteht stets das Risiko von Fehlannahmen. Scheitert eine unterstützte Kleinpartei dennoch an der Fünf-Prozent-Hürde, gehen die Stimmen verloren – was den Vorsprung der stärksten Kraft ungewollt vergrößert. Faas weist gegenüber der Frankfurter Rundschau zudem auf das Risiko des Überschießens hin: „Am Ende könnten trotzdem zu wenige Wählerinnen und Wähler sich entsprechend verhalten und so das Ziel verfehlen.“ Oder es wählen zu viele taktisch, wodurch die eigentlich bevorzugte Stammpartei geschwächt wird. Dies sei zum Beispiel zuletzt der CDU bei der Niedersachsen-Wahl zugunsten der FDP passiert.
Dennoch zeigt sich die Initiative „Taktisch wählen“ mit dem bislang Erreichten zufrieden. Man habe an 30.000 Haustüren geklingelt, 200.000 Menschen über die Homepage erreicht und auf den sozialen Plattformen ein Massenpublikum erreicht, teilte die Initiative mit. Das sei ein „riesiger Etappenerfolg“, jubelten die Organisatoren. Noch vor wenigen Wochen sei völlig offen gewesen, ob es SPD und Grüne bei der Landtagswahl 2026 ins Parlament schaffen könnten.
Aktuelle Umfragen zur Sachsen-Anhalt-Wahl sagt Sieg der AfD voraus
Hoffnung ziehen die AfD-Gegner aus den aktuellen Umfragen zur Sachsen-Anhalt-Wahl. Laut der Erhebung der Forschungsgruppe Wahlen (28. August) kommt die SPD mittlerweile auf neun Prozent, die Grünen auf sechs. Zwar liegt die AfD mit 40 Prozent unangefochten an der Spitze, vor der CDU mit 23 Prozent. Aber sollten sich die Umfrageergebnisse am Ende in Wahlergebnisse umschlagen, dann wäre zumindest eine AfD-Alleinregierung unmöglich.
Dennoch bleibt die anschließende Regierungsbildung kompliziert. Wird die Brandmauer der CDU halten? Oder gibt es dann doch eine blau-schwarze Koalition? Lässt sich Schulze auf eine CDU-SPD-Grüne-Regierung ein, die von der Linkspartei toleriert wird? Und was würde das Bündnis am Ende bringen? Antworten fallen nicht leicht. Und damit ist das einzige, was vor der Wahl in Sachsen-Anhalt feststeht: Es bleibt für die Wählerinnen und Wähler weiterhin vieles unsicher – auch über den Wahlsonntag hinaus. (Quellen: eigene Recherche, dpa, AFP, Deutschlandfunk) (jenko)