„Verzerrt die Realität“: Politologe zerlegt Putins Aussagen zur Ukraine-Front
Startseite Politik „Verzerrt die Realität“: Politologe zerlegt Putins Aussagen zur Ukraine-Front Von: Lukas Richter Uns auf Google folgen Putin prahlt mit Geländegewinnen, doch ein ukrainischer Politologe entlarvt die Aussagen als Ablenkung von Russlands Benzinkrise. Moskau – Ein ukrainischer Politikwissenschaftler wirft Wladimir Putin vor, mit seinen jüngsten Aussagen zur Frontlage von Problemen im eigenen Land abzulenken. Der russische Präsident spreche über angebliche militärische Erfolge, während Russland zugleich Engpässe auf dem Kraftstoffmarkt einräumen müsse. Content-Partnerschaft Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsinfive.de. Oleh Lisnyi sagte, Putin habe den Kontakt zur Realität verloren. Seine Aussagen über russische Vorstöße und neue Gebietsgewinne sollten vor allem ein Bild des Erfolgs erzeugen, sagte der Experte in einem Interview mit der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrainian National News. Lisnyi tritt immer wieder in Medien mit Analysen zum Krieg gegen die Ukraine auf. Er verwies besonders auf Putins Angaben, russische Truppen seien angeblich nur noch zehn Kilometer von Sumy entfernt. Solche Zahlen und Ortsnamen seien Teil einer Informationskampagne, sagte er UNN. Putin wolle beim russischen Publikum den Eindruck eines stetigen Vormarschs erzeugen. Politikwissenschaftler: Putins Aussagen richten sich vor allem ans Inland „Wenn ein Politiker anfängt, mit Zahlen, Kilometern und Namen von Städten um sich zu werfen, versucht er, ein bestimmtes Bild zu formen“, sagte Lisnyi. Prüfe man die Fakten, ergebe sich ein anderes Bild. Die Aussage über zehn Kilometer bis Sumy entspreche nicht der Realität. Russland habe dort seit Langem nicht über Positionen hinaus vorrücken können, die es bereits im Vorjahr gehalten habe. Putin hatte zuletzt auch erklärt, Russland werde die gesamte Region Donezk sowie die Regionen Cherson und Saporischschja einnehmen. Nach Lisnyis Einschätzung richtet sich diese Botschaft vor allem an Menschen in Russland, die solche Aussagen nicht öffentlich infrage stellen können oder wollen. „Putin versucht, die Realität zu verzerren und sie durch ein schönes Bild von ‚Erfolgen‘ an der Front zu ersetzen“, so der Politologe zu UNN. Putin muss Benzinprobleme in Russland eingestehen Der Hintergrund ist auch innenpolitisch. Putin sprach am Sonntag bei einem Treffen zur Versorgung des russischen Inlandsmarkts mit Treibstoff über Probleme für Autofahrer und Unternehmen, wie die staatliche russische Nachrichtenagentur TASS meldete. Zwar lägen die Benzinvorräte nach seinen Angaben bei 1,7 Millionen Tonnen und damit nur vier Prozent unter dem Vorjahresniveau. Gleichzeitig räumte er ein, dass es Schwierigkeiten gebe. Putin sagte laut TASS, die Behörden müssten systemische Maßnahmen ergreifen, um den Kraftstoffmarkt zu stabilisieren. Die großen Raffinerien würden bereits maximal genutzt, auch kleinere Anlagen seien einbezogen. Für Benzin und Flugzeugtreibstoff sei ein Exportverbot eingeführt worden. Ein vollständiges Ausfuhrverbot für Diesel werde geprüft. In einem weiteren Gespräch mit dem russischen Reporter Pawel Sarubin sagte Putin laut TASS, ukrainische Angriffe auf russische Energieanlagen verursachten „gewisse Probleme“. Es gebe eine Knappheit, sie sei aber nicht kritisch. Zugleich behauptete er, diese Angriffe hätten keinen Einfluss auf die Lage an der Front. Berichte zeichnen anderes Bild Putins Darstellung steht in krassem Gegensatz zu Berichten unabhängiger Medien, die ein deutlich angespannteres Bild zeichnen. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete Ende Juni, dass sich Treibstoffengpässe in Russland ausbreiteten: Betroffen seien neben der von Russland annektierten Krim auch südliche Regionen, Sibirien und teils Moskau. Zudem hatten ukrainische Drohnenangriffe mehrere Raffinerien zum Stillstand gebracht oder ihre Produktion stark reduziert. Bereits im Mai waren laut zahlreichen Medienberichten und Beiträgen von Augenzeugen auf Social Media unter anderem Anlagen in Moskau, Rjasan, Jaroslawl, Kirischi und Nischni Nowgorod betroffen; zusammen standen sie für einen erheblichen Teil der russischen Benzin- und Dieselproduktion. Auch der US-Thinktank ISW kommt zu dem Ergebnis, dass die ukrainischen Langstreckenangriffe zur Benzinknappheit beitragen. Die Ukraine setzt ihre Offensive gegen die russische Energieinfrastruktur fort, darunter Ölraffinerien, Exportterminals und Pumpstationen, was die Raffineriekapazität Russlands deutlich verringere. Warnung vor Wirkung im Westen Lisnyi sieht in Putins Äußerungen daher den Versuch, zwei Botschaften gleichzeitig zu setzen: Nach innen soll Russland stark wirken, nach außen soll der Druck auf die Ukraine steigen. Ihn beunruhige, sagte er UNN, dass manche westliche Politiker solche Signale ernst nehmen könnten. Dann könne der Ruf lauter werden, Putin entgegenzukommen oder Druck auf Kiew auszuüben.