Viel Forschung, wenig Geld: Mitteldeutschland im neuen KI-Atlas
Stand: 01.10.2026 16:35 Uhr
Deutschland forscht bei künstlicher Intelligenz auf Weltniveau, macht daraus aber kaum Unternehmen. Das ist der Kernbefund eines neuen Atlas des Leibniz-Instituts für Raumbezogene Sozialforschung. Besonders gut lässt sich dieses Auseinanderfallen in Mitteldeutschland beobachten: Nach unserer eigenen Auswertung stehen Dresden und Leipzig bei den KI-Veröffentlichungen auf Rang acht und zehn aller deutschen Städte. Aber beim sogenannten Wagniskapital ist Mitteldeutschland abgeschlagen.
von MDR Wissen / RR
Andreas Kuebart vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner hat zusammengetragen, wo in Deutschland künstliche Intelligenz entsteht: Forschung, Firmengründungen, Geld, Rechenzentren. Sein KI-Atlas enthält zwei Landkarten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Die Forschung verteilt sich über das ganze Land. Beim Wagniskapital aber gibt es praktisch nur zwei wichtige Orte: München zog zwischen 2021 und 2025 rund 5,8 Milliarden Euro an, Berlin 2,9 Milliarden. Zusammen sind das zwei Drittel aller Investitionen in deutsche KI-Firmen.
Kuebart nennt das Auseinanderfallen das "Wissenschafts-Paradoxon". Deutschland agiere "zu oft als reiner Wissens-Exporteur", schreibt er, die Erkenntnisse würden andernorts zu Geld gemacht. Für Mitteldeutschland nennt der Atlas allerdings kaum Zahlen: In seiner Rangliste der Regionen taucht außer Berlin keine ostdeutsche Stadt auf. Wir haben deshalb die Literaturdatenbank OpenAlex, auf der auch der Atlas beruht, selbst abgefragt.
KI-Forschung: Rang acht und Rang zehn
Das Ergebnis: Zwischen 2010 und 2025 entstanden in Dresden 2.855 Veröffentlichungen mit künstlicher Intelligenz als Hauptthema, in Leipzig 2.746. Damit liegen beide Städte auf den Rängen acht und zehn, vor Hamburg, Köln und Tübingen. Die TU Dresden allein kommt auf 2.164 Arbeiten und gehört damit zu den zehn stärksten Einrichtungen Deutschlands. Es folgen Magdeburg mit 1.196 und Jena mit 1.070, dahinter Weimar, Ilmenau, Freiberg, Chemnitz, Halle und Erfurt.
Zusammengenommen stehen die mitteldeutschen Standorte für rund ein Zehntel aller deutschen KI-Veröffentlichungen. Das ist mehr als Berlin. Eine Einschränkung gehört dazu: Unsere Rechnung ordnet jede Arbeit der Stadt der beteiligten Einrichtung zu, nicht einer größeren Stadtregion. Umlandstandorte wie Garching bei München zählen deshalb nicht mit, die Spitzenwerte fallen bei uns etwas niedriger aus als im Atlas.
Beim Geld taucht nur Dresden im Atlas auf
Stellt man beides nebeneinander, wird der Abstand deutlich. Mitteldeutschland steht für etwa 9 Prozent der Forschung und 0,8 Prozent des Wagniskapitals. München kehrt das Verhältnis um: knapp 12 Prozent der Forschung, gut 40 Prozent des Geldes. Aus Mitteldeutschland schafft es nur Dresden überhaupt in die Rangliste des Atlas, mit 114 Millionen Euro. Für Leipzig, Jena, Magdeburg, Halle und Chemnitz weist der Atlas keine Investitionen aus.
Kuebart hält die Lücken für überwindbar, warnt aber vor Aktionismus. "Nicht möglichst viel KI ist das Ziel, sondern zielgerichteter Einsatz", sagt er. Deutschland könne mit spezialisierten Entwicklungen an bestehende Stärken bei Robotik und Dienstleistungen für andere Unternehmen anknüpfen. Ein zweites Problem benennt der Atlas unabhängig von der Region: Nur 23 Prozent der kleinen und 36 Prozent der mittleren Unternehmen nutzen überhaupt eine KI-Technologie.