Viel Sorge in norddeutscher Politik nach AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt
Stand: 07.09.2026 16:11 Uhr
Die AfD gewinnt in Sachsen-Anhalt erstmals eine Landtagswahl und erreicht laut vorläufigem Ergebnis 43,8 Prozent der Stimmen. Die CDU verliert deutlich. Linke, Grüne, SPD und BSW ziehen in den neuen Landtag ein. Die AfD in Sachsen-Anhalt wird seit 2023 vom Landesamt für Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft.
Schwesig: "Gefährlich für Deutschland insgesamt"
Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) hat sich besorgt nach dem Sieg der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gezeigt. "Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik haben Rechtsextremisten sehr deutlich eine Landtagswahl gewonnen", sagte Schwesig. Das sei gefährlich für Sachsen-Anhalt und Deutschland insgesamt, so Schwesig.
Am Montag stellte sie dann in Schwerin ein neues Motiv für SPD-Wahlplakate vor. Darauf ist die Ministerpräsidentin zu sehen - mit dem Slogan "Die Frau gegen blau". Es gelte zu verhindern, dass die AfD stärkste Kraft wie in Sachsen-Anhalt werde, sagte sie.
Umfragen sehen die AfD aktuell auch in MV vorn, allerdings ist die Partei weit von einer absoluten Mehrheit entfernt. Zuletzt konnte die SPD in Umfragen den Abstand verringern. In Mecklenburg-Vorpommern wird am 20. September ein neuer Landtag gewählt.
Leif-Erik Holm, AfD-Spitzenkandidat im Nordosten, sprach mit Blick auf die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt von einer Zeitenwende: "Uns in Mecklenburg-Vorpommern gibt dieser grandiose Erfolg richtig Rückenwind für die letzten zwei Wahlkampf-Wochen", sagte Holm, der zum Wahltag nach Magdeburg gefahren war.
Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsministerin Simone Oldenburg (Linke) sagte im NDR Interview: "Die Demokratie, die die AfD antasten will, hat dieses Ergebnis ermöglicht." Das Ergebnis in Sachsen-Anhalt habe aus ihrer Sicht weniger mit Politikverdrossenheit als mit Parteien-Unzufriedenheit zu tun. In Mecklenburg-Vorpommern habe man zwar andere Verhältnisse. "Nichtsdestotrotz ist hier auch noch Luft nach oben im Ernstnehmen der Sorgen der Menschen in mehr direkter Demokratie, mehr Mitbestimmung, mehr Beteiligung", so Oldenburg.
Die Spitzenkandidatin der Grünen in MV, Claudia Müller, sagte, neben der Freude über den sicheren Einzug der Grünen in den Landtag von Sachsen-Anhalt sehe man das AfD-Ergebnis, was alle extrem besorge. "Wir müssen natürlich befürchten, dass das der AfD in Mecklenburg-Vorpommern noch mal Rückenwind gibt."
Der Spitzenkandidat der CDU in MV, Daniel Peters, bezeichnete den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt als Konsequenz einer Polarisierung. Diese stärke die AfD und müsse ein Ende haben. "Das Ergebnis muss wachrütteln", sagte Peters.
Der CDU-Politiker Philipp Amthor grenzte seine Partei scharf von der AfD ab. "Diese Stärke der AfD führt nicht dazu, dass wir unser Verhältnis zur AfD zu relativieren haben, sondern es muss dazu führen, dass wir umso klarer dieser Politik entgegentreten", sagte der Staatsminister für die Beziehungen zu den Ländern und gebürtige Ueckermünder in der ARD. Zur künftigen Zusammenarbeit mit Sachsen-Anhalt sagte Amthor: "Wir haben keine Staatskrise, sondern haben ein Grundgesetz, das auch mit solchen komplizierten Wahlergebnissen gut umgehen kann."
Günther: "Erschütternder Moment für unser Land"
Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) sagte: "Das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ist eine Zäsur für Deutschland und unsere Demokratie. Erstmals seit Ende des Zweiten Weltkrieges liegt mit der AfD eine Partei, deren Landesverband als gesichert rechtsextrem gilt, nahe an der absoluten Mehrheit. Das ist ein erschütternder Moment für unser Land."
Die Verluste für die CDU in Sachsen-Anhalt seien dramatisch, so Günther. "Die Gründe hierfür wird die gesamte CDU zu analysieren und aufzuarbeiten haben. Darüber hinaus verlangt dieses Ergebnis von allen demokratischen Parteien eine grundlegende und schonungslose Auseinandersetzung mit der Frage, warum ihnen so viel Misstrauen entgegengebracht wird - und was sich ändern muss, um das Vertrauen wieder zurückzugewinnen." Kleine Korrekturen würden dafür nicht ausreichen, meint der Ministerpräsident.
Der Landesvorsitzende der SPD Schleswig-Holstein, Ulf Kämpfer, sagte, Bestürzung sei seine erste Reaktion auf das Ergebnis in Sachsen-Anhalt gewesen. "Ehrlich gesagt ist das so oder so eine Zäsur, denn wenn eine Partei wie die AfD als gesichert rechtsextreme Partei so ein Ergebnis einfährt und womöglich an die Macht kommt, dann ist das für die Bundesrepublik mit unserer Geschichte und unserer Verantwortung einfach ein historisch schlimmer Tag."
Der Landesvorsitzende der AfD in Schleswig-Holstein, Kurt Kleinschmidt, sagte: "Ich habe mich wahnsinnig gefreut für diesen historischen Sieg für Ulrich Siegmund und die Alternative für Deutschland in Sachsen-Anhalt." Dies sei auch ein Sieg für die Demokratie, wenn man auf die Wahlbeteiligung von 80 Prozent blicke.
Lies: Müssen uns Extremisten gemeinsam entgegenstellen
Niedersachsens Regierungschef Olaf Lies (SPD) nannte das Wahlergebnis dramatisch: "Lange schien es undenkbar, dass eine rechtsextreme Partei in Deutschland jemals wieder so stark werden könnte." Die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten hätten "in diesem Sturm mit vollem Einsatz gekämpft und ihr Ergebnis gehalten".
Lies fügte hinzu: "Zusammenhalt ist unser höchstes Gut. Spätestens jetzt müssen alle verstanden haben, dass Deutschland sich in einer Zäsur befindet, Extremisten rücken vor. Dem müssen wir uns alle entgegenstellen, in Gesellschaft, Politik, Kultur und Wirtschaft. Die Politik in Bund und Ländern muss nicht nur spürbare Erfolge schaffen, sondern auch einen neuen, vorbildlichen politischen Stil etablieren."
Der Landesvorsitzende der AfD Niedersachsen, Ansgar Schledde, freut sich über das "historisch gute Ergebnis" seiner Partei. Er hofft in Sachsen-Anhalt auf einen "Wechsel einzelner CDU-Abgeordneter zur AfD". Die Brandmauer sei keine Lösung für die Zukunft, so Schledde.
Tschentscher: "Schwerer Schlag für politische Stabilität"
Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) schrieb bei Instagram: "Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik steht eine gesichert rechtsextreme Partei bei einer Landtagswahl kurz vor einer absoluten Mehrheit." Das Wahlergebnis sei "ein schwerer Schlag für die politische Stabilität in Deutschland." Es müsse als Ausdruck des Protests und größter Unzufriedenheit vieler Bürgerinnen und Bürger in Sachsen-Anhalt mit der Politik ernst genommen werden, so Tschentscher.
Der Hamburger SPD-Landesvorsitzende Niels Weiland sagte im Hamburg Journal des NDR Fernsehens, die SPD habe sich auf einem "schlimmen, niedrigen Niveau" stabilisiert. Die Parteien der demokratischen Mitte seien die Verlierer. Die Menschen in Sachsen-Anhalt müssten in der kommenden Zeit mit höchst instabilen Verhältnissen zurechtkommen.
Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) schrieb: "Ich wünschte, ich könnte mich richtig über das tolle Grünen-Ergebnis freuen." Bei ihr würden stattdessen die "Sorgen über die Demokratie überwiegen". Das Ergebnis sei erschreckend - für Sachsen-Halt und für Deutschland insgesamt.
Der Hamburger CDU-Chef Dennis Thering sagte, im Wahlergebnis spiegelten sich natürlich auch die Zustimmungswerte zur Bundesregierung sowie der wachsende Unmut der Bürgerinnen und Bürger wider. Für die Union sei es ein "rabenschwarzer Tag", der deutlich mache, wie tief die Verunsicherung und Unzufriedenheit im Land inzwischen reichten.
Der Landessprecher der Linken in Hamburg, Thomas Iwan, sagte, in Sachsen-Anhalt habe es für die Linke ein "sehr ordentliches Ergebnis" gegeben. Davon abgesehen sei es ein "Scheißtag".
Zufrieden zeigte sich Hamburgs AfD-Chef Dirk Nockemann, der seinen Parteikollegen in Sachsen-Anhalt gratulierte. 44 Prozent für seine Partei seien ein "fulminanter Wahlsieg".
Innensenator Grote: Sicherheitsbehörden vor AfD schützen
Nach dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt hat Hamburgs Innensenator Andy Grote (SPD) seine Kollegen in Bund und Ländern aufgerufen, die Sicherheitsbehörden gegen eine extremistische Einflussnahme zu schützen. In Sachsen-Anhalt stehe eine gesichert rechtsextreme Partei an der Schwelle zur Regierungsmacht. "Staatsgewalt und damit Kontrolle über Sicherheitsbehörden in den Händen einer verfassungsfeindlichen Partei mit engen Kontakten nach Russland ist ein gravierendes Sicherheitsrisiko", teilte der Vorsitzende der Innenministerkonferenz am Montag mit.