Vive Church: Das steckt hinter dieser Frankfurter Freikirche
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"Ich glaube, es kommen viele junge Menschen, weil wir Pastoren auch jung sind", erklärt Henok Worku, der gemeinsam mit seiner Frau am Standort Frankfurt predigt. Und er glaubt: "Die Gen Z sehnt sich nach etwas Echtem. Deshalb hat sie auch einen Zugang zu Spiritualität und Kirche."
Großer Andrang bei Celebrations
Seit der Gründung der Vive Church Frankfurt 2024 ist die Gemeinde schnell gewachsen. Laut eigenen Angaben kommen sonntags etwa 500 Menschen zu den beiden Celebrations, was sich beim Besuch von hessenschau vor Ort bestätigt. An Ostern und Weihnachten kommen laut Henok Worku bis zu 1.000 Menschen.
Die Besucherinnen und Besucher an diesem Sonntag treffen sich nach der Celebration zum "Coffee and Connect" - zum Kaffeetrinken und Kennenlernen. Während aus einer großen, silbernen Siebträgermaschine der Kaffee in die Tassen fließt, tauschen sich die jungen Menschen in Kleingruppen aus.
Gemeindemitglieder loben Alltagsnähe und Freundschaften
Micha Ruppert ist 25, hat ein kleines Kreuz als Ohrring und begleitet ab und zu mit seiner E-Gitarre die Celebrations: "Die Predigten, die hier jeden Sonntag gepredigt werden, sind alltagsnah. Ich kann immer was mitnehmen." Und noch etwas hebt Ruppert hervor: "Hier sind unfassbar viele Freundschaften entstanden."
Die ebenfalls 25-jährige Shayana Meyer spürt ein Gemeinschaftsgefühl bei der Freikirche, wie sie sagt: "Ich wurde sehr herzlich empfangen. Dass man mit anderen jungen Leuten seinen Glauben teilen kann, hatte ich vorher nicht so oft." Um Interessierte direkt zu integrieren, gibt es extra ein Willkommens-Team.
Johannes Menge gefällt die Nahbarkeit von Henok Worku. "Es ist nicht so, dass unsere Pastoren mit dem gehobenen Zeigefinger auf der Bühne stehen", findet er. Der 24-Jährige engagiert sich seit der Gründung der Vive Church Frankfurt in der Gemeinde. Er berichtet: "Ich kenne wenige Kirchen, die so multikulturell sind wie hier. Du findest hier jegliche Gesellschaftsschicht."
Die Bibel funktioniert auf Instagram
Der Erfolg der Vive Church hängt auch stark mit einer cleveren Vermarktung zusammen. Die Homepage - schick, schlicht, übersichtlich. Pastor Henok Worku hat auf Instagram knapp 25.000 Followerinnen und Follower. Prägnante Schnipsel aus seinen Predigten wechseln sich mit Fotos aus dem Privatleben ab.
"Die Vive Church hat einen sehr starken Social-Media-Auftritt. Moderne Farben, moderne Schriftzüge, schnelle Bewegungen, niedrigschwellige Kommunikation", analysiert Paula Xue Paschke. Sie forscht an der Goethe-Universität Frankfurt zu religiöser Kommunikation auf Social Media.
Niedrigschwelliger Einstieg
Die Vive Church punkte vor allem mit einer sehr direkten Ansprache, sagt Paschke: "Das ist natürlich ein Angebot für junge Menschen, die vielleicht gerade auf der Suche sind nach Community, nach Gemeinschaft, nach Sinnstiftung." Der Einstieg sei sehr unkompliziert. Der erste Berührungspunkt mit der Gemeinde könne ein Kaffeetrinken sein, es müsse nicht direkt um den Glauben gehen.
Die Vive Church Frankfurt wirkt modern, urban, jung. Ihre Werte allerdings: teilweise sehr konservativ. Die Bibel steht im Zentrum. "Die Bibel ist unfehlbar, maßgebend und ewig", so steht es in einer Art Glaubensbekenntnis auf der Homepage der Freikirche.
Damit einher geht ein gespaltenes Verhältnis zu queeren Menschen. Diese seien ganz klar willkommen, betonen Mitglieder - und auch Pastor Henok Worku: "In unserer Kirche werden die Menschen nicht ausgeschlossen oder abgewertet, sondern geliebt." Allerdings bezeichnete er in einer Predigt Sex außerhalb der Ehe zwischen Mann und Frau als zerstörerisch.
Verpackung versus Inhalt
Der Religionssoziologe Gero Emmer Menzel hat zur Vive Church geforscht. Er erkenne das Muster, "dass man nach außen liberal wirkt und queere Menschen das Gefühl haben, dass sie dabei sein können. Aber Leitungspositionen zu übernehmen, geht dann nicht."
Ebenfalls kritisch sehen manche die Verbindung zur ICF, einer ursprünglich in Zürich gegründeten Freikirche mit knapp 70 Standorten in der ganzen Welt. Henok Worku predigt regelmäßig bei der ICF, auch am Standort in Frankfurt.
Dieser wird geleitet vom Frankfurter ICF-Pastor Björn Schäfer. Ein Mann, der in einem Youtube-Video 2022 die Aussage unterstützte, dass Frauen in der Ehe Sex über sich ergehen lassen sollten, damit die Beziehung funktioniert.
Auch mit Björn Schäfer hätte hessenschau gerne gesprochen. Er hat ein Interview aber kurzfristig abgesagt und sich auch auf eine schriftliche Nachfrage nicht geäußert. Henok Worku distanziert sich nicht von der ICF: "Das sind Freunde. Aber ich bin Pastor der Vive und kann nur für unsere Kirche sprechen. Es wäre nicht fair, über die ICF zu sprechen."
Freikirchen-Warnsignale
Wissenschaftlerin Paula Xue Paschke warnt davor, die vielen, teils sehr unterschiedlichen Freikirchen in einen Topf zu werfen: "Freikirchen sind per se nichts Schlimmes, das wird einfach auch medial teilweise so aufgebauscht." Oft handele es sich um durchaus gute Gemeinschaftsangebote für Jugendliche und junge Erwachsene.
Paschke benennt aber auch einige problematische Muster. Wenn solche auftreten, sollten die Alarmglocken schrillen. Als da wären: "Absolute Wahrheitsansprüche, ein Schwarz-Weiß-Weltbild, überhöhte Führungspersonen und die Abwertung sowieso schon marginalisierter Gruppen." Auch übertriebene finanzielle Forderungen seien ein Warnsignal.
Laut Religionssoziologe Gero Emmer Menzel ist die Vive Church zwar eine Kirche, die Gemeinschaft und ihren Glauben intensiv lebt. Aber sie kommuniziere ihre Werte und Anforderungen recht transparent nach außen. Sie unterscheidet sich in ihren Werten dahingehend nicht stark von vielen anderen evangelikalen Gruppen und Bewegungen.
Mission: Kirchen bauen
Am Ende der Celebration der Vive Church Frankfurt, nach dem Riesen-Applaus für Jesus, verlässt Pastor Henok bewegt die Bühne. Auf den Bildschirmen erscheint ein QR-Code. Zwei Teammitglieder weisen auf die so gegebene Möglichkeit zu Spenden hin.
Wie viele andere Freikirchen auch weist die Vive Church darauf hin, dass jeder und jede ein Zehntel des Einkommens der Kirche spenden soll. "Das ist natürlich keine Pflicht", betont Pastor Henok. Aber 20 bis 30 Prozent der Menschen in der Vive Church würden sich danach richten.
Wie viel da im Jahr zusammenkomme? "Schon einiges", sagt Henok lachend: "Damit kann man Kirchen bauen." Und tatsächlich: Gerade erst hat die Vive Church in München einen neuen Standort eröffnet. Henok war dabei. Es soll nicht die letzte Neueröffnung gewesen sein, wenn es nach ihm geht.