Volle Auftragsbücher reichen nicht: Was Unternehmen in MV ausbremst
Stand: 30.06.2026 07:07 Uhr Die Stimmung bei Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern ist so schlecht wie lange nicht. Nur noch jeder vierte Betrieb bezeichnet die Geschäftslage als gut. Bei den Mecklenburger Backstuben und der Mecklenburger Metallguss in Waren an der Müritz zeigt sich, womit die Wirtschaft zu kämpfen hat. von Heiko Kreft Von Usedom bis zur Elbe: Mit 51 Filialen sind die Mecklenburger Backstuben eine der großen Bäckereiketten Mecklenburg-Vorpommerns. Doch Ende 2025 musste das Familienunternehmen Insolvenz anmelden. Aufgeben, abwickeln, verkaufen? Das kam für Co-Geschäftsführerin Kathrin Rossa nicht infrage. "Jemand sagte uns: 'Ihr gehört doch zu Waren wie die Müritz!'" Das Insolvenzverfahren wird von Beginn an in Eigenregie durchgeführt. "Weil wir kämpfen wollen und weil wir so tolle Kolleginnen und Kollegen haben, die alles geben und an unserer Seite stehen." Ziel sei es, die Firma als Familienbetrieb zu erhalten. Zudem geht es um 400 Arbeitsplätze. Günther Neumann: Ostdeutscher kauft Großbäckerei von der Treuhand Schon seit 45 Jahren wird in Waren im großen Maßstab gebacken. Im April 1981 nahm der Vorläufer der Mecklenburger Backstuben die Produktion auf. Im Volkseigenen Betrieb Großbäckerei Waren fing der heutige Senior-Chef Günther Neumann Mitte der 1980er-Jahre an. Nach der Wende übernahm er zusammen mit Kollegen die Großbäckerei von der Treuhand. Es war einer der wenigen Verkäufe eines ostdeutschen Betriebs an Ostdeutsche. Heute führt Günther Neumann die Bäckerei zusammen mit seinen beiden Töchtern Kathrin Rossa und Christina Kohn. Gemeinsam wollen sie die wirtschaftlichen Schwierigkeiten meistern. "Du darfst nicht sagen: 'Das haben wir immer so gemacht. Die anderen haben schuld.' Nein! Du musst Dich ändern!", betont Günther Neumann. Preissprünge in allen Bereichen Die Ursachen für die Schieflage des Unternehmens sind vielfältig. Enorme Preissprünge bei den Zutaten, immer höhere Energiekosten, gestiegene Index-Mieten für Filialen. "Wir sehen die ganze Weltwirtschaft und auch die deutsche Wirtschaft bei uns in den Zahlen wiedergespiegelt", sagt Kathrin Rossa. Das zeige sich auch beim Konsumverhalten der Kundschaft. Die müsse vermehrt aufs Geld achten. "In unseren Cafés merken wir, dass sich Kunden auch mal ein Stückchen Kuchen teilen oder eher den kleinen Kaffee statt den mittleren oder den großen nehmen", berichtet Christina Kohn. Lkw-Maut wegen Kaffee-Mitnahme Auch bürokratische Vorschriften kosten das Unternehmen schnell sechsstellige Summen - und beeinflussen die finanzielle Situation enorm. Ein Beispiel ist die Lkw-Maut für die unternehmenseigene Flotte. Mit der fahren die Backstuben Brote, Brötchen und Kuchen von der Warener Zentrale in die im ganzen Land verteilten Filialen. Eigentlich sind Bäckereien als Handwerksbetriebe von der Lkw-Maut befreit. Weil die Transporter aus Effizienzgründen aber auch Kaffee für die firmeneigenen Cafés mitnehmen, wird die Mautgebühr fällig. Weil die teilweise enorm gestiegenen Kosten nicht 1:1 an Kunden weitergegeben werden können, kam es zu Verlusten. Preiskampf mit dem Lebensmittelhandel Im Rahmen der Insolvenz schlossen die Mecklenburger Backstuben nun sechs unrentable Filialen und gaben das Geschäft mit Tiefkühl-Produkten auf. Letzteres auch wegen des unerbittlichen Preiskampfes. "Wir haben mit den großen Lebensmittelhändlern verhandelt. Da ging es um die zweite, dritte Nachkommastelle. Da konnten wir nicht mehr mithalten", bedauert Christina Kohn. Stattdessen konzentriert sich die Firma nun wieder vermehrt auf klassisches Backhandwerk. Gemeinsam wurde am Sortiment geschraubt. Ganz neu ist beispielsweise ein Dinkelkrustenbrot mit 48 Stunden Teigruhe. Das kann preislich nicht mit Backautomaten in Discountern wie Aldi oder Lidl konkurrieren. Geschmacklich sei es aber auch eine andere Welt. Stabilisierte Zahlen vor wichtigem Banktermin Die vielen kleinen und großen Veränderungen, die in den letzten Monaten im Unternehmen umgesetzt wurden, zeigen Wirkung, sagt Kathrin Rossa. "Die Zahlen haben sich hervorragend stabilisiert und wir brauchen keinen externen Partner." In dieser Woche wird es einen wichtigen Termin mit der Bank geben. Der Weg, die Insolvenz in Eigenregie zu meistern, sei der richtige gewesen. "Ich bin tief in den Zahlen, meine Schwester tief in der Produktentwicklung und im Filialbereich. Und unser Vater kennt jeden in der Produktion und Logistik." Warener Schiffspropeller für die ganze Welt Optimistisch blickt auch ein anderes Warener Unternehmen in die Zukunft. Nur 350 Meter Luftlinie vom Hauptsitz der Mecklenburger Backstuben entfernt hat die Firma Mecklenburger Metallguss ihren Sitz. Sie stellt riesige Schiffspropeller her, die zu den größten der Welt gehören und bis zu 160 Tonnen schwer sind. "Gerade haben wir einen Propeller mit einem Durchmesser von 10,80 Meter für einen Großtanker in Südkorea ausgeliefert", sagt Geschäftsführer Lars Greitsch. Die wirtschaftliche Lage und die Stimmung seien gut. Die Auftragsbücher für die nächsten zwei Jahre sind voll. "Wir kommen gerade aus einer Phase, wo der Schiffsneubau weltweit schwächelte. Das konnten wir aber durch das Umrüsten von Bestandsschiffen gut überbrücken." Mecklenburger trotzen China Die Warener gehören zu den weltweiten Topfirmen im Propellerbau. Trotz des in 75 Jahren angesammelten Know-hows ist der internationale Wettbewerb um Aufträge hart. "Wir haben vier große Konkurrenten in China, die sich über die letzten Jahre natürlich auch technologisch entwickelt haben", so Greitsch. Hinzu kämen noch zwei bis drei Konkurrenten in Japan und Südkorea. Die Produktion am Standort in Waren sei - verglichen mit der asiatischen Konkurrenz - teuer. Die Vorteile, die die Firma Kunden bieten kann: effiziente Produkte, effiziente Produktion und das Eingehen auf teils sehr spezielle Wünsche. "Da liegt genau unsere Expertise", sagt Lars Greitsch. "Wir adaptieren neue Projekte und neue Schiffstypen schneller." Kein Industriestrompreis für Giga-Verbraucher Was das Unternehmen hingegen nicht selbst in der Hand hat, sind die enorm gestiegenen Energiekosten. Sie machen zwar nur etwa vier Prozent vom Umsatzvolumen aus, summieren sich aber. "Da müssen wir immer sehr gut einkaufen, weil die Menge natürlich bedeutsam ist." Allein der jährliche Stromverbrauch der Gießerei beträgt mehr als 13 Gigawattstunden. Vom Industriestrompreis profitiert sie nicht. "Kupfer und Bronze, wie wir es gießen, ist auf der Liste einfach nicht drauf und damit werden wir bei diesen Subventionen nicht berücksichtigt", erklärt Greitsch. Kaputte Hamburger Brücke verteuert Export Noch problematischer ist die marode öffentliche Infrastruktur. Das zeigt sich beispielsweise beim Transport der Schiffspropeller. "Traditionell fuhren wir die direkt per Lkw in den Hamburger Hafen. Das ist schwierig bis unmöglich geworden", sagt Greitsch. Engpässe wie die in die Jahre gekommene Norderelbbrücke in Hamburg hätten Auswirkungen auf den Standort Waren. "Wir müssten uns mit unseren zwei bis drei Propellern jede Woche da einfädeln." Die Nebenkosten für den Transport wie Spursperrungen und Polizeibegleitungen seien stark angewachsen. Deshalb fahren sie nun zum Rostocker Hafen. "Dann ist der Landweg kürzer und unkomplizierter." Dafür kommt aber eine zusätzliche Umladung im Hamburger oder einem anderen Seehafen mit Asien-Verbindung hinzu. Gießerei sucht dringend Fachkräfte Etwa 230 Menschen arbeiten in dem Unternehmen, das es bereits seit mehr als 150 Jahren gibt. "Wir wollen den Standort unbedingt halten", betont Geschäftsführer Greitsch. Das Traditionsunternehmen sei ein fester Bestandteil der Müritzstadt und der Region. Der Standort mitten in der Stadt habe aber Herausforderungen. Zum Beispiel bei Schallemissionen. "Wenn man Technik in den Hallen installieren und investieren will, dann möchte man natürlich auch, dass da die Bürokratie mitmacht." In der aktuellen Lage seien die Jobs aber sicher. Man suche gerade händeringend nach Zerspanungsmechanikern. Die Mecklenburger überlegen, ob sie Experten aus der darbenden Automobilbranche im Südwesten Deutschlands an die Müritz holen.