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Vom Labor in die Wohnung: Wie Versuchstiere ein neues Zuhause erhalten

Wissenschaft

Fast zwei Millionen Tiere wurden 2024 für wissenschaftliche Versuche eingesetzt. Was viele nicht wissen: Gesunde Laborratten oder Beagles bekommen oft eine zweite Chance – und finden über sogenannte Rehoming-Programme ein neues Zuhause.

2024 kamen nach Angaben des Deutschen Zentrums zum Schutz von Versuchstieren fast zwei Millionen Tiere bei wissenschaftlichen Versuchen in Deutschland zum Einsatz. Wenn die Tiere nach ihrer Zeit im Labor gesund sind, besteht die Möglichkeit, sie an Privatpersonen zur Haltung in ihrem Haushalt zu vermitteln. Dieses sogenannte "Rehoming" verläuft jedoch anders als der Kauf eines Tiers in einer Zoohandlung.

Bei Privatleuten beginnt für Ratten aus Versuchslaboren ein neues Leben

Viele Tiere, die Wissenschaftler in Tierversuchen einsetzen, werden speziell dafür gezüchtet. Wenn beispielsweise für einen Versuch nur männliche Tiere benötigt werden, dann sind weibliche Tiere "übrig". Aber auch Tiere, die an Versuchen teilgenommen haben, sind anschließend oft noch so gesund, dass sie an Privatpersonen gegeben werden können. Nicht vermittelt für ein Rehoming werden gentechnisch veränderte oder kranke Tiere.

"Die Ratten waren neugierig und waren offenbar Menschenkontakt gewöhnt", sagt Jana Wilken im Gespräch mit unserer Redaktion. Wilken hatte 2025 vier Ratten über das Rehoming-Programm der Universitätsmedizin Mainz übernommen. Anfangs wollten die Tiere nicht auf Wilkens Hand kommen. Sie vermutet, dass die Ratten wegen der Laborhygiene nur Hände in Handschuhen kannten. "Aber sie haben nur ein paar Stunden gebraucht, um sich an die bloße Hand zu gewöhnen", berichtete Wilken.

Hintergrund: Tierschutz bei Tierversuchen

In der EU sind Tierversuche in der entsprechenden Richtlinie 2010/63/EU geregelt. In Deutschland ist diese Richtlinie vor allem in der Tierschutz-Versuchstierverordnung (TierSchVersV) umgesetzt worden. § 10 TierSchVersV regelte 2013 erstmals die anderweitige Unterbringung oder Verwendung von Versuchstieren, sodass die Vermittlung an Privatpersonen rechtssicher vorgenommen werden konnte.

Die Abgabe an Privatpersonen ist unter folgenden Voraussetzungen möglich:

Der Gesundheitszustand der Tiere lässt dies zu.

Von den Tieren gehen keine Gefahren für die Gesundheit von Menschen oder anderen Tieren oder für die Umwelt aus.

Es sind geeignete Maßnahmen ergriffen worden, um das Wohlergehen der Tiere sicherzustellen (§ 10 Absatz 1 TierSchVersV).

Die europäische und die deutsche Tierschutzgesetzgebung richten sich nach dem 3R-Prinzip der britischen Wissenschaftler William Russel und Rex Burch von 1959. Die drei R stehen für:

Replacement: Tierversuche sollten möglichst durch andere Versuche ersetzt werden.

Reduction: Die Anzahl der Versuchstiere sollte auf ein Mindestmaß verringert werden.

Refinement: Die Versuche und die Haltung sollten den Tieren möglichst wenig Schmerzen, Leid und Schaden zufügen.

Ablauf des Rehomings

Die Zucht und die Nutzung von Versuchstieren sind genehmigungspflichtig. Deshalb muss vor dem Rehoming erst einmal der Status als Versuchstier aufgehoben werden. Es folgen die tierärztliche Untersuchung und die Dokumentation, dass das Tier zur Weitervermittlung geeignet ist. Wenn sich Interessierte für ein Tier oder eine Gruppe von Tieren finden, führen die abgebenden Einrichtungen eingehende Gespräche mit ihnen.

In den Gesprächen geht es unter anderem um die Motivation und Erfahrung der Interessierten. "Es ist nicht in unserem Sinne, dass die Mäuse oder Ratten als Tierfutter für Schlangen dienen", betont Sarah Kimmina, Tierschutzbeauftragte am Max-Planck-Institut für Multidisziplinäre Naturwissenschaften. Weil nach dem Gesetz das Wohlergehen der Tiere sichergestellt werden muss, werden bei den potenziellen Übernehmern auch die räumlichen, zeitlichen und finanziellen Möglichkeiten, die Tiere unterzubringen und zu betreuen, ausgelotet.

"Die übergebende Tierpflegerin von der Universitätsmedizin Mainz hat im Gespräch mein Wissen über Ratten abgeklopft", bestätigt Jana Wilken. Nachdem sie das Heim für die Ratten gebaut hatte, schickte Wilken der Pflegerin Fotos davon und blieb auch weiter mit ihr im Austausch. Wilken hat sich zudem einen Tierarzt gesucht, der sich mit Nagetieren auskennt – das gebe es "auch nicht so häufig".

Besonderheiten bei Tieren aus dem Versuchslabor

Wilken ist nicht nur eine Privatperson, die Versuchstiere übernommen hat. Als Referentin der Informationsinitiative "Tierversuche verstehen" der Wissenschaft hat sie auch beruflich mit Versuchstieren zu tun, wenn auch indirekt. Aber sie ist im Austausch mit vielen, die in Deutschland mit Rehoming zu tun haben: wissenschaftliche Einrichtungen, Tierheime und Tierschutzinitiativen, beispielsweise die Laborbeaglehilfe.

"Der Erlebnishorizont der Labortiere war meistens recht eingeschränkt, deshalb sollte man als neuer Tierhalter in den ersten Tagen und Wochen darauf achten, das Tier nicht zu überfordern", betonte Wilken. Sie weiß von Hunden zu berichten, die noch nie an der Leine gegangen sind oder die es erst lernen mussten, Treppen zu steigen. Manchmal fraßen sie auch nicht, weil sie anderes Futter gewöhnt waren.

"Unsere Tierpflegekräfte geben potenziellen Übernehmern Trainings bei der Handhabung der Tiere, wecken Verständnis für die Tiere und ihre Bedürfnisse", erklärte Sarah Kimmina. Abgegeben werde jeweils nur eine kleine Anzahl von Ratten und Mäusen und auch nur von einem Geschlecht, in der Regel Weibchen. Die Tiere sollten nicht am Ende ihres Lebens stehen, sodass die Besitzer eine möglichst lange gemeinsame Zeit mit ihnen haben.

Weitere Entwicklungen

Bereits 2012 untersuchte die Tierärztin Ophelia Nick in ihrer Dissertation die "Vermittlung von Laborhunden in Privathand". Eines der Ergebnisse war, dass nach zwölf Wochen in der neuen Umgebung nur 60 Prozent von 127 Beagles stubenrein waren. Trotzdem bejahten 91,7 Prozent der neuen Besitzer die Frage, ob sie sich noch einmal für einen Laborhund entscheiden würden.

Auch Wilken und Kimmina haben in ihrem beruflichen Umfeld die Erfahrung gemacht, dass die allermeisten Versuchstiere in privater Hand problemlos den Übergang zum Haustier bewältigen. Zwar gibt es gelegentlich Berichte, nach denen einzelne Tiere apathisch oder aggressiv sind, aber diese stellen Wilken zufolge die Ausnahme dar.

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"Nicht immer wohnen Leute, die gerne Labortiere übernehmen würden, dort, wo Tiere abzugeben sind", berichtete Kimmina. Abhilfe schaffen soll eine neue, bundesweite Online-Plattform für Rehoming, die ein Verbund aus verschiedenen Forschungseinrichtungen in Deutschland zurzeit aufbaut. Die Initiatoren hoffen, dass darüber noch mehr Labortiere eine neue Heimat nach ihrer Nutzung im Dienst der Wissenschaft finden.

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