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Vom "Spezi" in die Welt

Wissenschaft

Spezialgymnasium

Vom "Spezi" in die Welt

Stand: 26.09.2026 19:55 Uhr

In Thüringen gibt es drei MINT-Spezialgymnasien: in Ilmenau, Jena und in Erfurt. Der Erfurter Spezialschulteil des "Albert-Schweitzer-Gymnasiums" feiert seinen 40. Geburtstag. Dazu sind rund 720 Ehemalige aus aller Welt angereist. Mit ihrem Abschluss in den MINT-Fächern - Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik - haben sie den Grundstein für internationale Karrieren gelegt.

von Antje Kirsten, MDR THÜRINGEN

Milena ist in Partylaune. Am Freitag lag ihr Master-Zeugnis aus Lausanne im Briefkasten. Die 25-Jährige ist jetzt Master in molekularer und biologischer Chemie. In der Schweiz hat sie mit einem Voll-Stipendium studiert. Sie musste also nichts bezahlen: "Und das kam sicher auch nur deshalb zustande, weil ich damals in der Schule mit meinen Mitschülern den Bundeswettbewerb von Jugend forscht in Chemie gewonnen habe. Danach kamen dann die Stipendienangebote", erzählt sie.

Hier wurde niemand als Streber oder Streberin abgestempelt. Milena Wiegand

Eigentlich wollte sie einst gar nicht aufs "Spezi". Nur weil sich ihre beiden Freundinnen beworben hatten und sie sie nicht verlieren wollte, hatte sie sich mit beworben. Die Freundinnen wurden nicht zugelassen, sie aber schon. Die Schule war für sie offenbar das Beste, was ihr passieren konnte. Besonders habe sie geschätzt, dass es hier cool war Fragen zu stellen, interessiert und neugierig zu sein: "Hier wurde niemand als Streber oder Streberin abgestempelt."

Studium in der Schweiz

Nach dem Abi ging sie für ein freiwilliges soziales Jahr nach Frankreich. "Ich habe ein Jahr in Paris gelebt und Französisch gelernt. Danach bin ich zum Chemie-Studium nach Heidelberg gegangen, nach zwei Jahren mit dem Erasmus-Programm dann nach Straßburg. Dort habe ich ein Jahr Chemie auf Französisch studiert. Dann kam Lausanne. Ich wollte dort leben, wo man französisch spricht, aber ich wollte in Englisch studieren - und das noch in den Bergen".

Das Spezialgymnasium öffnet Türen. Auch weil sich die Absolventen weltweit vernetzen. Milena Wiegand ist Erfurterin, aber durchs Spezi längst Weltbürgerin. Sie spricht fließend Englisch und Französisch. Nun macht sie in München ihren Doktor. Zurück nach Thüringen werde es sie danach wohl nicht verschlagen: "Da gibt es viele Faktoren. Einerseits ist die Wirtschaft in den MINT-Berufen nicht so ausgeprägt und auch die akademische Karriere ist begrenzt. Das ist schade. Ich denke, das ist definitiv ein Punkt, den man angehen müsste."

Nur wenige kehren nach Thüringen zurück

Die Schule in Erfurt besuchen aktuell 142 Schüler und Schülerinnen. Aktuell sind noch 18 Plätze frei. "Talente sind immer gern gesehen. Es ist unser Ziel, sie zu fördern, ganz intensiv und möglichst frühzeitig", wirbt der Leiter des Schulteils, Johannes Süpke, für sein Haus. Hier werde der Grundstein für die Wissenschafts-, Forschungs- und Management-Elite der Zukunft gelegt: "Wenn man sich anguckt, unsere Absolventen brechen viel seltener ihr Studium ab. 44 Prozent haben promoviert, 39 Prozent sind in Führungspositionen, 56 Prozent arbeiten in der Wirtschaft und jeder Vierte in der Wissenschaft".

Zum 40. Geburstag ihres "Spezis" sind über 700 Ehemalige angereist - auch aus dem Ausland wie Schweden und den USA. Henry Weber, Abi-Jahrgang 1995, lebt inzwischen in Österreich. Dort hat er eine eigene Firma. "Ich bin in der 3-D-Computeranimation gelandet. Meine Firma macht Computergrafik. Ich bin spezialisiert auf Computertomografie für die Industrie, aber auch für die Archäologen." Auch er war nach dem Abi erstmal im Ausland, war dann über 20 Jahre in Stuttgart. Nach Thüringen kommen nur wenige zurück, weil die Berufs- und akademischen Chancen im Freistaat begrenzt seien, sagen sie.

Dort konnte ich sein so wie ich bin. In den Schulen davor, war ich eher so ein bißchen Sonderling. Am Spezi aber wird es geschätzt, wenn man neugierig ist, Fragen stellt. Das wird gefördert. Florian Römer

Auch Florian Römer war im Ausland, unter anderem ein Jahr in Kanada. Doch er hatte Glück und konnte an der Uni Ilmenau seine akademische Karriere starten und bleiben. Seit 26 Jahren ist er dort. Der 45-Jährige ist dort Professor für "Signalverarbeitung für intelligente Sensorsysteme". Das alles habe ihm das "Spezi" ermöglicht. "Dort konnte ich sein so wie ich bin. In den Schulen davor, war ich eher so ein bißchen Sonderling. Am Spezi aber wird es geschätzt, wenn man neugierig ist, Fragen stellt. Das wird gefördert."

Es war, sagen die Ehemaligen, ein "behütetes Lernen" - und das hat sie beflügelt, ihr Potential auszuschöpfen. Heute arbeiten sie in der Forschung, in Chefetagen großer Unternehmen oder haben eigene Firmen gegründet.

Wir müssen die Wissenschaft stärken und es braucht mehr Begeisterung dafür, was man mit den MINT-Fächern machen kann. Denn die großen Herausforderungen, die wir haben, sei es der Klimawandel, der gesellschaftliche Wandel, die Mobilität, das werden am Ende die Ingenieure lösen. Florian Römer

Heute sei der Ruf der Wissenschaft so ein bißchen in Verruf geraten, sagt Florian Römer. Menschen holten sich ihre Antworten auf anderen Kanälen und zweifelten wissenschaftliche Erkenntnisse an. "Ich sehe das mit großer Besorgnis. Wir müssen die Wissenschaft stärken und es braucht mehr Begeisterung dafür, was man mit den MINT-Fächern machen kann. Denn die großen Herausforderungen, die wir haben, sei es der Klimawandel, der gesellschaftliche Wandel, die Mobilität, das werden am Ende die Ingenieure lösen. Wer da wirklich einen Beitrag liefern will, der tut gut daran, einen technischen Beruf zu ergreifen."

MDR (caf)

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