Von 1,4 bis 3,2: Kasseler Promis verraten ihre Abiturnote
Startseite
Kassel
Von 1,4 bis 3,2: Kasseler Promis verraten ihre Abiturnote
Von: Florian Hagemann, Matthias Lohr, Daniel Seeger, Svenja Heckerott, Mareike Heihoff, Valerie Schaub
Uns auf Google folgen
Ob Minister, Rekordtorschütze oder Mrs. World – Kasseler Persönlichkeiten sprechen offen über ihren Abischnitt. Eine von ihnen ärgert sich bis heute über einen abgezogenen Punkt in Deutsch.
Kassel – Zuletzt gab es mal wieder Schlagzeilen rund um die Abiturnote von Kanzler Friedrich Merz. Er hält sie unter Verschluss. Es kann nur spekuliert werden. Die heißeste Wette: 3,8. Als das einst mal zur Sprache kam, antwortete Merz: „Gehen Sie mal davon aus, dass es in dieser Bandbreite war.“ Sei es drum: Wir haben heimische Persönlichkeiten gefragt, ob sie konkreter antworten. Also: „Verraten Sie uns Ihre Abinote?“ Viele waren sehr offen. Und über jene, die nicht geantwortet haben, schweigen wir diskret.
Kai Füldner (Leiter der Städtischen Museen Kassel): „Ich hatte eine 1,9“, sagt Füldner. Damit war er auch ganz zufrieden, denn erstens war das Abi in Schleswig-Holstein im Ländervergleich gut bewertet, und zweitens habe es damals noch wenige Einser-Schnitte gegeben. Es gab aber ein ärgerliches Detail: „Ausgerechnet mit der Matheklausur habe ich mir den Schnitt vergeigt.“ Kai Füdner war damals an einem Gymnasium in Flensburg im Mathe-Leistungskurs und bis zum Abi in drei Bundesländern zur Schule gegangen. „Ich hatte vorher immer 12 oder 13 Punkte.“ In der Abi-Prüfung seien es dann nur 5 gewesen. Der Endgegner war die letzte von drei Aufgaben: ein Integral, das er lösen musste. Daran sei er verzweifelt. „Für mein Studium der Forstwissenschaften in Göttingen hat es aber gereicht.“
Silke Engler (stellvertretende Kasseler Landrätin): Die SPD-Politikerin machte ihr Abi kurz nach der Wende in Rostock. Es sei eine sehr spannende Zeit gewesen. Belastet hat Engler damals, dass noch nicht klar war, ob das Abitur auch in Westdeutschland anerkannt wird. Die Entscheidung erreichte sie erst kurz vor Ende der 11. Klasse. Dank ihrer guten Abinote von 1,6 konnte sich Engler ihre Wunschuni in Rechtswissenschaften aussuchen. So studierte sie in Rostock, der ältesten Universität im Ostseeraum.
Lena Schaumann (Unternehmerin): Lena Schaumann hätte im Abitur besser abschneiden können. Doch Bestnoten waren ihr damals nicht so wichtig. „Ich wollte immer mindestens eine 2,5 im Abi haben“, erinnert sie sich. Zwischenzeitlich lag ihr Schnitt bei 1,8. Ihr Ziel hatte sie damit praktisch erreicht. „Dann bin ich da leider nach dem Motto herangegangen: Ein gutes Pferd springt nicht höher, als es muss.“ Am Ende stand eine 2,3 auf dem Zeugnis. Wie sie ihre Prioritäten setzte? Schaumann wählte eine Abiprüfung in Tennis – obwohl sie den Sport gar nicht beherrschte. Das sei ihr lieber gewesen, als etwa für Geschichte zu pauken. Drei Punkte gab es im praktischen Teil. „Aber im theoretischen Teil waren es 14“, erzählt sie. Wirklich gern lernte sie für ein Fach: Mathe. Und das passte zu ihren Plänen. „Ich wusste damals schon, dass ich BWL studieren wollte. Mathe und Englisch waren wichtig. Der Rest – na ja.“
Thorsten Bauer (Rekordtorschütze des KSV Hessen Kassel): „Meine Abinote war 3,0“, sagt Thorsten Bauer. „Dadurch hätte ich viele Wartesemester in meinem Traumberuf Sportjournalist gehabt und habe das Studium Sport und Journalismus in Göttingen nach eineinhalb Semestern beendet.“ Er wird aber eher mit einer anderen Zahl in Verbindung gebracht. 161 Tore hat er für den heimischen Fußball-Regionalligisten KSV Hessen Kassel geschossen, damit ist er Rekordtorschütze des Vereins. Seit 2016 ist er in der Kasseler Niederlassung der Barmer GEK Regionalgeschäftsführer. „Für die berufliche Laufbahn bei der Barmer hatte die Abinote auf jeden Fall keine negativen Auswirkungen“, sagt der 49-Jährige, der an der Albert-Schweitzer-Schule sein Abitur ablegte.
Timon Gremmels (Hessischer Kunstminister): Gremmels hat 1995 Abitur an der Herderschule gemacht, Leistungskurse: Geschichte und Biologie. „Mein Abischnitt war 2,1“, erzählt er. „Ich war einfach nur froh, es geschafft zu haben.“ Gremmels studierte Fächer ohne Numerus Clausus: Politik sowie Friedens- und Konfliktforschung. „Daher war der Schnitt ohne Bedeutung.“ Er hat es bis zum Minister geschafft. Vor ein paar Jahren habe er sich seine alten Arbeiten anschauen können – Anlass war das Jubiläum 25 Jahre Abitur. „Ich musste mehrmals schmunzeln, als ich las, was mein jüngeres Ich damals so fabriziert hat.“
Leila Mohtadi (Vorsitzende des Kasseler Ausländerbeirats): Nach ihrem Abitur an der Albert-Schweitzer-Schule ärgerte sich Mohtadi zunächst. Sie verpasste die Abschlussnote von 2,9 nur ganz knapp, weil ihr in Deutsch wegen der Rechtschreibung ein Punkt abgezogen wurde. Aber auch mit der 3,0 im Zeugnis hatte sie keine Nachteile, wie Mohtadi heute sagt. Ein Studiengang mit Numerus Clausus kam nicht infrage. Später stellte sie fest: „Jede Klausur im Studium war genauso aufwendig wie das gesamte Abi.“ Heute fragt sie sich: „Wen interessiert die Abinote noch außer der HNA?“
Hans Eichel (ehemaliger Bundesfinanzminister, hessischer Ministerpräsident und Kasseler Oberbürgermeister): Der SPD-Politiker machte sein Abitur am Wilhelmsgymnasium und verrät lediglich, dass es im Einserbereich war. Für seinen beruflichen Werdegang sei die Note nicht wichtig gewesen, sagt der ehemalige Lehrer: „Mich hat nie wieder einer danach gefragt.“ Seine Note sei später jedoch einmal Thema bei einer Abientlassungsfeier gewesen. Der damalige Schulleiter habe über prominente WG-Schüler gewitzelt und gesagt, würde man die Durchschnittsnote von Eichel, dem Journalisten Peter Scholl-Latour, dem hessischen Innenminister Herbert Günther und dem Sportfunktionär Max Danz bilden, hätte keiner von ihnen Medizin studieren können.
Romana Reiff (Sängerin und Musikerin): Die Kasselerin machte ihr Abi an der Jacob-Grimm-Schule mit 2,1. Ihre Leistungskurse waren Mathematik und Kunst. Später studierte sie Musik und Germanistik, die Abinote war dafür nicht relevant. Auch ihre Examensnote von 1,8 war nicht ausschlaggebend, wie es danach weiterging. Reiff machte sich als Musikerin, Sängerin und Darstellerin selbstständig und steht ab dem 23. November mit der Show „Simply The Best“, einer Hommage an Tina Turner, auf der Bühne der Bar Seibert. Übrigens: Von Tina Turner ist bei ihrem High-School-Abschluss keine Note dokumentiert. Als Berufswunsch gab Anna Mae Bullock, wie die Sängerin eigentlich hieß, im Jahrgangsbuch Entertainerin an.
Simone Fedderke (Kasseler Stadtklimarätin): Die für Bau und Verkehr zuständige Dezernentin hat ihr Abitur mit 3,2 gemacht. In diesem Jahr freut sie sich auf das Abitreffen 30 Jahre nach dem Abschluss an der Jacob-Grimm-Schule. Es sei auch ein Anlass, zu sehen, „was aus denen geworden ist, die damals nicht zu den Besten gehörten“. Fedderke wollte Psychologie studieren, der Numerus clausus versperrte ihr den Weg. Heute sieht sie es so: „Hinter der verschlossenen Tür lag meine Chance.“ Ihr Ingenieurdiplom schloss sie mit einem Einser-Schnitt ab. Sie war als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität tätig und arbeitete in Luzern, Frankfurt und im Ministerium in Stuttgart. „Hätte ich damals den Studienplatz bekommen, wären diese Wege nie passiert“, sagt Fedderke, die für alle, die nicht so ein gutes Abi haben, diesen Rat hat: „Ein Zeugnis misst, wo jemand steht – nicht, wohin er oder sie gehen kann. Meine 3,2 steht am Anfang meiner Geschichte, nicht an ihrem Ende.“
Julia Schnelle (Ärztin aus Niestetal, die 2024 Mrs. World wurde): „Mein Abitur habe ich mit 1,4 abgeschlossen, parallel eine Berufsausbildung mit 1,0 – und schließlich über die ZVS einen Medizinstudienplatz erhalten“, erzählt Julia Schnelle, die heute als Ärztin arbeitet und 2024 Schlagzeilen machte, als sie die Wahl zur Mrs. World gewann. Sie sagt: „Ich habe also durchaus von diesem System profitiert. Doch die Zeiten haben sich verändert. Für die Generation unserer Eltern galt häufig noch: gutes Abitur, Studium, sicherer Beruf. Heute werden Teenager mit Start-ups oder als Influencer zu Millionären, während selbst etablierte akademische Laufbahnen zunehmend an Planungssicherheit verlieren.“ Was ist eine Abiturnote heute also noch wert? Schnelles Antwort: „Aus entwicklungspsychologischer Sicht liegt der eigentliche Wert der Schulzeit für mich weniger in der Note als im Prozess: Ein noch reifendes Gehirn bekommt Zeit, analytisches Denken zu trainieren, Zusammenhänge zu verstehen, Fehler zu machen und sich durch Mathematik, Sprachen, Geschichte oder Ethik die Welt zu erschließen. Ein Schulabschluss dokumentiert schulische Leistungen zu einem bestimmten Zeitpunkt – nicht die Intelligenz, das Potenzial oder gar den Wert eines Menschen.“
Annette Knieling (Schulamtsleiterin, Stadtverordnete): „Als fleißiger Streber und angepasste, zugleich vielfältig engagierte Schülerin bin ich gut durch die Schulzeit gekommen“, sagt Annette Knieling, die ihr Abitur 1993 an der Christopherusschule in Oberurff im Schwalm-Eder-Kreis gemacht hat. Sorge hatte sie, dass sie wegen null Punkten im Geräteturnen und einem fehlenden Sportkurs durchfallen würde, doch sie hatte Glück: Es wurden sechs Punkte, und sie hatte eine 1,5 im Abitur. Sie sagt heute: „Gebraucht habe ich sie eigentlich nie, auch wenn das Zeugnis schon gut aussieht.“ Für das anschließende Studium des Gymnasiallehramts in den Fächern Englisch und Deutsch in Marburg habe es keinen NC gegeben. Die größte Hürde sei aber das Nachholen des Latinums im Schnelldurchlauf gewesen: „Hier bin ich im ersten Anlauf schon krachend durch die schriftliche Prüfung gefallen, ein Jahr später habe ich es geschafft.“