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Von 60 auf 200 Euro: Ärger um satte Preiserhöhung für Kita-Essen in Bischofsheim

Nation

Für Boris Dötsch beginnt das neue Kita-Jahr mit einer deutlichen Mehrbelastung. Seine beiden Kinder gehen in eine kommunale Kita in Bischofsheim (Groß-Gerau) und essen dort auch zu Mittag. Bisher zahlte die Familie für die Verpflegung pro Kind 60 Euro, ab August sollen es über 200 Euro im Monat sein - mehr als das Dreifache. Zusammen mit den Betreuungskosten komme seine Familie zeitweise auf fast 900 Euro im Monat, sagt Dötsch. Seine Frau absolviere derzeit eine Ausbildung, er selbst arbeite Vollzeit. Den Ganztagsplatz für die Kinder werden sie sich vermutlich nicht mehr leisten können, befürchtet der Vater. "Man fühlt sich im Stich gelassen" Auch andere Eltern rechnen mit spürbaren Folgen. Astrid Weber sagt, ihre Familie müsse Ausgaben neu verteilen und an anderer Stelle sparen. Andere Familien könnten noch härter getroffen werden, warnt sie. Dann gehe es womöglich um Vereinsbeiträge, Schwimmkurse oder Freizeitangebote für die Kinder: "Man fühlt sich im Stich gelassen, weil man mit immer weniger Netto immer mehr Kosten auffangen soll". Eltern zahlen mehr als nur die Lebensmittel Der Grund für die Mehrkosten ist eine neue Satzung über die Kostenbeiträge für die Kinderbetreuung. Mit der Verpflegungspauschale von 206,70 Euro pro Kind und Monat sollen die Eltern künftig nahezu die vollständig kalkulierten Kosten der Verpflegung tragen. Erstmals wurden nicht nur die Lebensmittel verrechnet, sondern auch Kosten für Personal wie Küchenkräfte, außerdem Energie- und Gebäudekosten. Die Erhöhung kam kurzfristig: Die Bischofsheimer Gemeindevertretung hat sie in ihrer Sitzung Ende Juni beschlossen. Die CDU und die Bischofsheimer Freie Wählergemeinschaft (BFW) stimmten dem Gesamtpaket zu. Die SPD und die Grün-Alternative Liste Bischofsheim (GALB) wollten die Essenspauschale deutlich niedriger ansetzen. Elternbeirat forderte Pauschale von 90 Euro Der Gesamtelternbeirat hatte vorgeschlagen, die Verpflegungspauschale zunächst von 60 auf 90 Euro pro Kind und Monat anzuheben. Damit hätten nach der vorgelegten Kalkulation gut 40 Prozent der errechneten Verpflegungskosten gedeckt werden können. Den übrigen Anteil hätte weiterhin die Gemeinde übernehmen müssen. Der Elternbeirat betrachtete den Betrag deshalb als Kompromiss zwischen der angespannten Haushaltslage und der finanziellen Belastbarkeit der Familien. SPD und GALB brachten entsprechende Änderungsanträge ein, fanden dafür in der Gemeindevertretung jedoch keine Mehrheit, berichtete das Darmstädter Echo. Die Vorsitzende des Gesamtelternbeirats, Alexa Dittrich, sieht deshalb vor allem CDU und BFW in der Verantwortung. Beide bilden gemeinsam die politische Mehrheit und hatten der Satzung in der vorliegenden Form zugestimmt. "Keine Kantine kostet für ein Kind zwölf Euro" Dittrich hält die Höhe der neuen Pauschale nicht für gerechtfertigt. Zwar werde in den Bischofsheimer Kitas frisch sowie mit regionalen und saisonalen Zutaten gekocht. Umgerechnet koste die Verpflegung aber rund zwölf Euro pro Betreuungstag. "Selbst als Erwachsene essen wir in einer Kantine nicht für zwölf Euro", sagt Dittrich. Die Eltern könnten zudem nicht nachvollziehen, wie der Betrag genau zustande komme. Hinzu kommt: Verpflegungskosten in dieser Höhe sind in Hessen selten. Selbst in Rüsselsheim, Frankfurt oder Kassel zahlen Eltern deutlich weniger. CDU verweist auf leere Gemeindekasse CDU-Fraktionschef Simon Kanz kann den Ärger der Eltern nach eigenen Worten verstehen. Er sei selbst Vater von Zwillingen im Kindergarten und damit von der Erhöhung betroffen. Wäre die Essenspauschale auf 90 Euro begrenzt worden, hätte die Gemeinde den verbleibenden Anteil aus ihrem Haushalt finanzieren oder die gesamte Beitragskalkulation noch einmal verändern müssen. Eine solche Neuberechnung sei vor Beginn des neuen Kita-Jahres nicht mehr möglich gewesen. CDU und BFW hätten deshalb dem Gesamtpaket zugestimmt, obwohl auch sie die Verpflegungskosten für sehr hoch hielten. Gemeinde könnte 2027 zahlungsunfähig sein Kanz begründet die Entscheidung auch mit der angespannten finanziellen Lage Bischofsheims. Nach Angaben der Kommunalaufsicht könnte die Gemeinde Ende 2027 nicht mehr in der Lage sein, ihren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Dann könnten freiwillige Leistungen gestrichen werden und externe Stellen stärkeren Einfluss auf die Höhe kommunaler Gebühren nehmen. "Es ist kein Angriff auf Familien", sagt Kanz. Es gehe darum, die Handlungsfähigkeit der Gemeinde zu erhalten. Die Kita-Gebühren seien außerdem seit 2018 nicht grundsätzlich angepasst worden. Bürgermeisterin spricht von "Symbolpolitik" Bürgermeisterin Lisa Gößwein (SPD) kritisiert die Erhöhung. Die Maßnahme bringe dem kommunalen Haushalt kaum Entlastung, treffe aber die Familien stark. Sie spricht von "Symbolpolitik" an der Kita-Stellschraube und kündigt an, die beschlossene Kalkulation nicht unverändert bis 2030 laufen lassen zu wollen. Auch der Gesamtelternbeirat hofft auf eine erneute Beratung. Dittrich appelliert an die Gemeindevertretung, den Beschluss noch einmal zu überdenken: Es stelle sich die Frage, welchen Stellenwert Familien in Bischofsheim noch hätten. Kürzere Betreuung - oder sogar wegziehen? Auch Familie Dötsch hofft, dass die Erhöhung noch einmal überdacht wird. Aktuell überlegen sie, die Betreuungszeiten zu kürzen, um das Geld für das Essen zu sparen. Wenn sie die Kinder bis 12.30 Uhr abholen, entfällt die Verpflegungspauschale - die Betreuung am Nachmittag müssen sie dann allerdings selbst organisieren. Sogar ein Wegzug aus Bischofsheim sei inzwischen ein Thema. Die Familie hat laut Dötsch zwar vor sechs Jahren ein Haus gekauft, viel investiert und sei im Ort gut vernetzt. "Aber wenn das nicht mehr finanzierbar ist, dann muss man auch so einen Schritt in Erwägung ziehen."

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