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Von der Wohnung in der Platte und der russischen Taiga: Sahra Wagenknecht schürt in Berlin

Nation

Die Taiga, also die weitläufige Waldregion im Norden Sibiriens, ist für den Sänger auf der BSW-Bühne offenbar ein Sehnsuchtsort: „Hin zum Nebel und den Düften der Taiga“ soll es gehen, singt der Mann an der Gitarre erst auf Deutsch, dann auf Russisch.

Und dann kommt Sahra Wagenknecht.

Schätzungsweise tausend Menschen sind am Donnerstagabend zum Prerower Platz in Berlin-Lichtenberg gekommen, um die Gründerin der ursprünglich nach ihr benannten Partei zu sehen und ihr dabei zuzuhören, wie sie schimpft – über „die wachsende Kriegsgefahr, die Explosion der Energiepreise, die unendliche Arroganz der Berliner Politik“, wie Wagenknecht auf der Bühne sagt, begleitet von lautem Applaus ihrer Anhänger.

Friedenstauben und Warnwesten

Das Publikum an diesem Tag ist überwiegend älter, aber es sind auch Familien da. Manche Teilnehmer schwenken Fahnen der Partei, andere haben sich Stoff mit einer Friedenstaube darauf umgelegt. Ein Mann trägt eine gelbe Warnweste mit der Aufschrift „Frieden mit Russland“. Ein Mann trägt aber auch ein Shirt mit der Aufschrift: „Rassisten sind keine Alternative “ – eine Anspielung auf die AfD.

Ebenfalls angereist, um das Berliner BSW beim Wahlkampf zu unterstützen: Claudia Wittig und Thomas Schulze, die Spitzenkandidaten des BSW in Sachsen-Anhalt, die die Partei über die Fünfprozent-Hürde und damit knapp in den Landtag gebracht haben. Wittig und Schulze sprechen als bislang einzige Vertreter anderer Parteien mit dem gesichert rechtsextremen Landesverband der AfD über eine mögliche künftige Regierung.

Berlins Landesvorsitzender plant keine Zusammenarbeit mit der AfD

„Wir spüren den Rückenwind“, sagte Berlins BSW-Landesvorsitzender Alexander King dem Tagesspiegel. Aktuell ist unklar, ob das BSW bei der Berlin-Wahl über die Fünfprozent-Hürde kommt. Doch King ist optimistisch. Eine Annäherung seiner Partei an die Berliner AfD hält er allerdings nicht für erstrebenswert: „Auf Landesebene sind die politischen Gemeinsamkeiten in Berlin relativ gering, ich sehe da keine Grundlage für Zusammenarbeit“, so King.

In Sachsen-Anhalt sieht man das etwas anders: Einen Ministerpräsidenten Ulrich Siegmund werde es mit ihr nicht geben, sagte Wittig dem Tagesspiegel: „Wir wählen weder Sven Schulze noch Ulrich Siegmund und das bleibt auch so.“ Das BSW fordere jedoch weiter einen überparteilichen Ministerpräsidenten. Wie Wittig ihren Gesprächspartnern beim rechtsextremen Compact-Magazin sagte, dürfe so ein Ministerpräsident „kein Wessi“ und kein Anhänger eines „zionistischen Gebildes“ sein. Darauf vom Tagesspiegel angesprochen, sagte Wittig, das Zitat sei „aus dem Kontext gerissen“. Tatsächlich kann man ihre Aussage wortgenau online nachlesen.

Nach der Landesverfassung von Sachsen-Anhalt könnte Siegmund im dritten Wahlgang mit einfacher Mehrheit, also durch Enthaltung des BSW, Ministerpräsident werden. Kritiker werfen dem BSW vor, sich mit seiner Anti-Brandmauer-Haltung zum Steigbügelhalter der Rechtsextremen zu machen. Doch Parteichefin Wagenknecht hat natürlich auch darauf einen Konter: „Steigbügelhalter, das sind die Parteien, die mit ihrer hundsmiserablen Politik den Menschen in diesem Land immer wieder ins Gesicht schlagen“, sagte sie auf der Bühne unter lautem Applaus.

In den Stimmbezirken rund um den Prerower Platz im Ortsteil Hohenschönhausen hat das BSW bei der vorgezogenen Bundestagswahl 2025 überdurchschnittlich gute Ergebnisse von über zehn Prozent erzielt. Berlinweit kam die Wagenknecht-Partei damals nur auf 6,7 Prozent der Zweitstimmen. Deutlich stärker hier im Berliner Nordosten sind jedoch CDU und AfD.

Hier war eine Wohnung in der Platte mal Statussymbol

Der Platz war als Zentrum des zu DDR-Zeiten am Reißbrett entworfenen Stadtviertels gedacht. Zu sozialistischen Zeiten stand hier ein Versorgungszentrum, heute ein großes Einkaufszentrum. In den umliegenden mehrstöckigen Wohnhäusern leben vor allem einkommensschwache Familien, wie aus Sozialdaten hervorgeht. Zu DDR-Zeiten hingegen war eine Wohnung in der Platte, anders als heute, ein Statussymbol.

Das BSW bewirtschaftet diese Nostalgie: So sagte der Gitarrenspieler auf der Bühne, man dürfe auch ruhig mal „an die alte Zeit erinnern“ – was er selbst ja durch das Vortragen sowjetischen Liedguts tat.

Passend dazu stellte Wagenknecht Russland als Opfer ukrainischer Aggression dar, da ukrainische Gegenangriffe nun auch das russische Inland treffen würden. Wenn Merz weiter Waffen liefere, würden „die Leute in Russland“ irgendwann die Geduld verlieren und sagen: „Dann tragen wir den Krieg nach Deutschland.“ Und dabei beließ sie es nicht: Falls Deutschland so weitermache, sei es bald „nicht mehr bewohnbar“, wenn die mächtige Atommacht Russland reagiere, sagte Wagenknecht. Das klingt zwar nicht erquicklich – doch Applaus gab es trotzdem.

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