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Vor 30 Jahren völlig normal: Millennials verlieren wichtige Fähigkeit im Alltag

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Vor 30 Jahren völlig normal: Millennials verlieren wichtige Fähigkeit im Alltag

Von: Andreas Apetz

Uns auf Google folgen

Wir treffen im Alltag etliche Entscheidungen. Gelegentlich lassen wir uns von unserem Bauchgefühl leiten, während wir in anderen Fällen auf Nummer sicher gehen und abwägen. Das kann Folgen haben.

Frankfurt – Wann haben Sie das letzte Mal ein Restaurant besucht, ohne sich vorher die Bewertung anzuschauen? Wenn Sie es regelmäßig darauf ankommen lassen: Herzlichen Glückwunsch, Sie gehören zu den drei Prozent der Menschen, die auch mal völlig ins Blaue hinein ein Lokal betreten. Der Rest geht auf Nummer sicher, liest Rezensionen und sortiert aus, was nicht genügend Sterne gesammelt hat.

Die repräsentative Verbraucherstudie mit 1002 US-Amerikanern von BrightLocal verdeutlicht jedes Jahr aufs Neue: Die digitalen Möglichkeiten haben aus vielen Alltagsentscheidungen kleine Rechercheprojekte gemacht. Das schafft Sicherheit, weckt aber zugleich den Anspruch, nicht nur eine gute, sondern die bestmögliche Entscheidung zu treffen. Der günstigste Kaffee, das leckerste Restaurant und die kürzeste Route optimieren scheinbar unseren Alltag. Sie nehmen uns aber auch eine Sache, die früher unumgänglich war: den Zufall.

Entscheidungen im Alltag: „Wer verlernt, das Nicht-Optimale auszuhalten, verliert seine Resilienz“

Blicken wir zurück, wie ein Kinobesuch vor den 2000er Jahren aussah, als die digitale Welt noch in den Kinderschuhen steckte im Vergleich zu heute. Nicht selten ging man in einen Film, von dem man kaum mehr als das Plakat kannte, stand in der Warteschlange an und erfuhr erst an der Kasse, welche Sitzplätze überhaupt noch frei waren. Heute schauen wir Trailer, lesen Kritiken, bevor wir einen Kinobesuch überhaupt in Erwägung ziehen. Sitzplätze werden vorab gebucht, nicht am Rand und bitte hinten im Saal. Die Tonspur darf nur in Originalsprache sein. Früher hoffte man auf einen guten Film, heute bangt man um die perfekten Bedingungen.

Das wachsende Bedürfnis nach der Kontrolle im Alltag beobachtet auch Carina Remmers. Sie arbeitet als Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der HMU Health and Medical University in Potsdam. Der Trend passt in das Bild der sich immer weiter selbstoptimierenden Gesellschaft, aber: „Hinter dem Wunsch nach ständiger Optimierung steht eine Kehrseite: die Angst, etwas falsch zu machen“, sagt Remmers der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Eine Studie der Carnegie-Mellon-University in Pittsburgh untersuchte im Jahr 2007 die Zusammenhänge zwischen persönlichen Entscheidungsstilen, der Entscheidungskompetenz und dem erlebten Lebensgefühl. Personen, die sich immer vornahmen, nach der absolut besten Wahl zu suchen, trafen keineswegs bessere Entscheidungen, sondern berichteten häufiger von Reue, Unsicherheit und negativen Lebenserfahrungen. Wer sich hingegen mit einer Option zufrieden gab, sobald sie als „gut genug“ empfunden wurde, entschied sich in der Regel nicht nur kompetenter, sondern blickte auch zufriedener auf die Entscheidung zurück.

Der Psychologin kommt genau dieser Gedanke mittlerweile zu kurz: „Uns fehlt heute oft die Haltung zu sagen: Es reicht vollkommen aus, wenn etwas gut genug ist.“ Der Kinofilm und der Restaurantbesuch sollten sich gut anfühlen und müssen nicht objektiv gut sein – weil sie das oft auch nicht sein können. „Viele Menschen leben unter dem Trugschluss, es gäbe immer eine absolut richtige oder falsche Entscheidung.“ Daraus entstehe das Bedürfnis und der Glaube, alles wissen zu müssen, um unser Leben perfekt zu steuern.

Mittlerweile ist der Weg zur vermeintlich perfekten Wahl so kurz wie nie. In Form von Chatbots stehen uns unerschöpfliche Gesprächspartner zur Verfügung, die auf Knopfdruck auch bei komplexen Problemen einen fertigen Lösungsweg ausspucken. Jeder zweite Deutsche nutzt laut dem Umfrageinstitut Ipsos KI-Chatbots als Ratgeber im Alltag, unter anderem als Hilfsmittel bei der „Entscheidungsfindung“. Die Gen Z und Millennials nutzen sie besonders häufig: Bei den 18- bis 34-Jährigen lag der Wert bei 84 Prozent.

Es ist verführerisch, die eigene Entscheidung an eine logisch klingende KI-Antwort abzugeben, erklärt Remmers: „Dabei machen wir es uns im Kopf gerne leicht. Wir stimmen Dingen viel schneller zu, wenn sie unkompliziert zu verarbeiten sind“, sagt sie der FR. Seine alltäglichen Entscheidungen vor allem nach externen Kriterien und Bewertungen zu optimieren, mache jedoch unfrei und abhängig. „Wer verlernt, das Nicht-Optimale auszuhalten, verliert auch seine Resilienz. Schwere, unvorhergesehene Ereignisse können dann schnell überfordernd wirken.“ Dazu zählen globale sowie persönliche Krisen.

Das Stichwort hier ist, die sogenannte Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, Unsicherheit, Mehrdeutigkeiten und Widersprüche auszuhalten und damit konstruktiv umzugehen. Fehlt sie, verfallen wir langfristig in starres Schwarz-Weiß-Denken. Umgekehrt hilft sie dabei, uns in suboptimalen Situationen zurechtzufinden: „Glück entsteht nicht durch die Abwesenheit von Leid, sondern auch in der Anwesenheit negativer Gefühle, die aus Unsicherheit und Ungewissheit entstehen können“, sagt Remmers.

Die Psychologin hat das in einer eigenen Studie untersucht. 2024 erforschte sie mit ihrem Team, wie sich verschiedene Entscheidungsstile auf die Stimmung auswirken. Das Ergebnis zeigte, dass sich Personen nach Bauchentscheidungen in der Regel besser fühlten als nach Kopfentscheidungen und diese auch häufiger umsetzten.

Intuition bedeutet nicht, Entscheidungen leichtfertig zu treffen. Das Bauchgefühl ist keine Beliebigkeit, sondern beruht auf Erfahrungen: „Unser Gehirn nutzt dazu unseren gesamten Erfahrungsschatz. Aus diesen vergangenen Erfahrungen entstehen unbewusst Entscheidungen, die sich für uns persönlich stimmig anfühlen“, erklärt Remmers. Es geht also nicht darum, weniger nachzudenken, sondern darum, nicht jede Unsicherheit restlos beseitigen zu wollen. (Quelle: eigene Recherche, Ipsos, Carnegie-Mellon-University, BrightLocal)

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