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Vor Referendum: Kanadas EU-Kurs wird zur Waffe der Separatisten in Alberta

Welt

Die EU habe den Menschen nur eines zu bieten, sagt Mike Holmes: Krieg. Denn darum gehe es, die Leute sollten Russland als Feind akzeptieren, damit Brüssel sie in den Krieg schicken könne, auch Kanadier. „Ich weiß, dass Carney versuchen wird, uns als Nation an den Rand zu drängen, damit er unsere Energie und unsere Männer in den Krieg schicken kann, um auf dem Schlachtfeld gegen eine sehr kampferprobte russische Armee zu sterben“, sagt Mike mit weiten Augen. Wer wolle schon damit etwas zu tun haben?

Tatsächlich ist der kanadische Ministerpräsident gerade damit beschäftigt, die Folgen des von den Vereinigten Staaten begonnenen Wirtschaftskriegs abzumildern, und sucht die Nähe zur Europäischen Union. Doch Mark Carney mögen Mike und seine beiden Töchter MayCee und Madison überhaupt nicht.

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„Wir haben aufgepasst, was in der EU passiert“

Er sei ein bisschen internationaler, ein bisschen cleverer als sein Vorgänger Justin Trudeau, aber nicht besser, sagt MayCee. Erst recht nicht mit seinem Hintergrund in der Finanzindustrie und als Mitglied der Bilderberg-Gruppe – einem exklusiven Kreis von einflussreichen Persönlichkeiten, die sich jährlich trifft und wegen ihrer Geheimhaltung von Verschwörungstheoretikern als „Weltregierung“ angesehen wird. Und dann wolle Carney Kanada auch noch zu einem assoziierten Mitglied der Europäischen Union machen.

„Wir haben aufgepasst, was in der EU passiert“, verfolgt Madison den Gedanken weiter. „Der ökonomische Niedergang ist sehr traurig.“ Hier springt Mike ein: „Guck dir Volkswagen an, die Werke schließen müssen. Die stellen ihre Produktion nicht um, um Dinge für die Menschen herzustellen, sondern für den Krieg.“

Wer Calgary Richtung Süden verlässt, sieht an der Straße Ranches und Farmen. Hier und da stehen Rinder und Pferde auf den Weiden. Auf den Dächern der Häuser liegen Reste des ersten Schnees, und im Westen leuchten die weißen Gipfel der Rocky Mountains so nah, dass man fast meint, sie berühren zu können. Nach weniger als einer Stunde kommt Okotoks, ein kleines verschlafenes Nest im Speckgürtel von Calgary.

Das Motto der Provinz lautet: „Strong and free“

Hier sitzen Mike, MayCee und Madison in einem Café und erzählen, was sie über die Annäherung an Europa und über ihr Land denken. Kanada habe Alberta immer zurückgehalten sagt Mike. Die Provinz sei 1905 nicht als ebenbürtig in die Konföderation aufgenommen worden, sondern als Kolonie. Es sei nur darum gegangen, den Rest des Landes mit Nahrung zu versorgen. Auch als klar war, dass Alberta viel Öl hat, sei es in der Hauptstadt Ottawa nicht ernst genommen worden. Es ist, sagt Mike, als habe Alberta ein Rennen laufen müssen, „mit einem an der Hüfte festgebundenen Bus“.

Alberta ist die westlichste der drei kanadischen Prärieprovinzen. Rund fünf Millionen Kanadier leben hier, wo die endlose Weite der Prärie auf die Rocky Mountains trifft. Ihr Motto lautet: „Strong and free“. Mehr als die Hälfte der Einwohner lebt in und um Calgary und die Hauptstadt Edmonton. Tatsächlich ist Alberta die reichste der zehn Provinzen Kanadas, hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen. Alberta gibt auch das meiste Geld in den Topf für die sogenannte Equalization, eine Art Länderfinanzausgleich auf kanadisch.

Allerdings erhält Alberta wegen seiner wirtschaftlichen Stärke nichts zurück, was seit Generationen zu Animositäten den einwohnerstärkeren Provinzen Quebec und Ontario gegenüber führt. Warum, so die Frage, hat die wirtschaftliche Macht im Westen des Landes nicht mehr zu sagen in Ottawa?

Der 50 Jahre alte Mike hat 17 Jahre lang in der Ölförderung gearbeitet. Jetzt hat er mit seiner Familie ein Reinigungsgeschäft in Calgary. Die 23 Jahre alte Madison und die ein Jahr jüngere MayCee arbeiten dort auch mit. Sie bezeichnen sich als „blue collar workers“, einfache Arbeiter. Nebenbei betreiben sie einen Podcast: „At Home with Holmes“. Der Fokus liegt auf konservativen Werten. Es geht um Familie, Religion und persönliche Freiheit.

Für sie hat Alberta eine bestimmte Kultur, die anders ist als im Rest von Kanada. Die Einwohner seien konservativer, sie wollten nichts geschenkt bekommen, sondern die Dinge lieber selbst machen. Alberta habe eine Unternehmerkultur, es gehe um Lösungen und um den Aufbau von etwas Neuem. Albertaner arbeiteten hart, sie rollten ihre Ärmel hoch, ein Handschlag gelte als Abmachung. Und Albertaner seien gastfreundlich und hilfsbereit.

Auch für Corona-Lockdowns hatten sie nichts übrig

Messbar ist davon zumindest der strukturelle Konservatismus der Provinz. In den vergangenen mehr als 90 Jahren regierte lediglich vier Jahre lang eine liberale Regierung Alberta. Zusammen mit Saskatchewan ist Alberta die konservativste kanadische Provinz. Aber diese besondere Kultur gehe gerade den Bach runter, die moralische Struktur zerfalle, die Familie werde zerstört, sagen die Holmes.

Deswegen engagieren sich Madison und MayCee politisch, sind Mitglieder der konservativen Regierungspartei UCP und im vergangenen Jahr auf dem Parteitag als aufstrebende Stars ihrer Partei ausgezeichnet worden. Sie sind bei Weitem nicht das, was man sich in Europa oft unter dem Stichwort Kanada vorstellt. Dabei geht es ja meist nur um Ottawa und den jeweiligen Ministerpräsidenten, denn wer kennt schon mehr Namen aus der kanadischen Politik?

Augenfällig war das während der ersten Amtszeit Donald Trumps in den Vereinigten Staaten. Kanada wurde als das bessere Amerika wahrgenommen, erst recht mit dem liberalen Sonnyboy Justin Trudeau als Regierungschef. Für den haben die Holmes aber überhaupt nichts übrig. Für sie steht er vor allem für die Politik der Corona-Pandemie, als auch in Kanada Lockdowns und Ausgangsbeschränkungen verhängt wurden. Diese Erfahrungen bezeichnen sie denn auch als „Weckruf“.

So viele kommen nicht zur Separatisten-Versammlung

Vorher seien sie nicht politisch gewesen, eher apathisch. Die Pandemie aber habe ihnen klargemacht, dass „die Regierung nicht unbedingt unser Wohlergehen im Sinn hat“, so MayCee. Mike sei daraufhin abgetaucht, habe viel gelesen, Tausende Stunden recherchiert, wie er selbst sagt. Erst jetzt, sechs Jahre später, komme er wieder zu etwas anderem, gehe mal spazieren. Und das, was sie als Familie gelernt haben, wollen sie über den Podcast weitergeben, sagen sie.

Die Sorge vor dem Krieg ist bei Madison und MayCee verbunden mit einer um die Zukunft. Ihrem Land gehe es nicht gut, erzählen sie. Die Jugend könne es sich nicht mehr leisten, mit Mitte 20 eine Familie zu gründen und ein Haus zu kaufen. Das liege vor allem an den wirtschaftlichen Restriktionen, die aus Ottawa kommen. Für sie ist die Sache klar: Alberta muss raus aus Kanada. Deswegen engagieren sie sich für die Unabhängigkeitsbewegung. Denn wenn man erst einmal selbst bestimme, was mit dem Ölreichtum geschehe, dann werde es in Alberta aufwärtsgehen. Und dann könne man schauen, wie dem Rest Kanadas geholfen werde.

Am Abend desselben Tages stehen Madison und MayCee hinter einem Tisch in der Astoria Banquet Hall in Calgary. Sie sind auf einem Treffen der Separatisten und verkaufen Alberta-Fanartikel. Beide tragen blau-gelbe Eishockey-Trikots. Vorne ist das Wappen von Alberta, hinten steht über der Trikotnummer 00 „Albertan“. In den Saal, der sonst für Hochzeiten und andere Festivitäten genutzt wird, sind weniger als 100 Anhänger der Unabhängigkeit gekommen. Die aufgestellten weißen Stühle hätten locker für die doppelte Zahl gereicht. Auch hier wird das konservative Selbstverständnis der Gruppe zur Schau gestellt. Cowboyhüte sind zu sehen, darunter Flanellhemd, eine breite Gürtelschnalle, Jeans und Cowboystiefel.

Was passiert nach dem Unabhängigkeitsreferendum?

Auf der Bühne singt Countrysänger Ben Crane, warum sich etwas ändern müsse. Zwischendurch erzählt er, dass das Land in eine „diabolische Richtung“ gehe. Er habe etwas gegen die Weltregierung und auch gegen Carneys Plan, Kanada in die EU zu führen, „diktatorisch, ohne Abstimmung“. Dann werde die EU sagen, was man in Kanada zu tun und zu lassen habe. Am Ende bekommt er zustimmenden Applaus.

Für Duane Bratt ist diese Wut auf die EU kaum nachvollziehbar. Der Professor für Politikwissenschaft an der Mount Royal University in Calgary sitzt in seinem kleinen Büro und sagt, niemand wisse doch, wie die neue Partnerschaft überhaupt aussehen solle. Seiner Meinung nach habe die Separatistenbewegung das Thema vor dem an diesem Montag stattfindenden Referendum so hoch gehängt, um ihre Anhänger zu mobilisieren. Das werde aber nichts bringen.

„Die Separatisten werden das Referendum verlieren“, gibt er sich sicher. Die Zustimmung zur Unabhängigkeit habe sich in den vergangenen anderthalb Jahren immer zwischen 20 und 30 Prozent befunden. Nur wenn es eine niedrige Wahlbeteiligung gebe, habe die Unabhängigkeitsbewegung eine Chance. Aber das scheine unwahrscheinlich. Mehr als 600.000 Wähler hätten Briefwahlzettel beantragt, das sei rund ein Viertel der Wahlberechtigten.

Interessanter sei die Frage, was mit den Separatisten nach dem Referendum geschehe. Sie würden ja nicht einfach verschwinden. Ein Großteil komme aus der Anti-Corona-Maßnahmen-Bewegung, sagt Bratt. Es stehe also zu erwarten, dass sie auch dieses Mal weitermachen würden. Entweder sie suchen sich ein anderes Ziel, oder sie arbeiten weiter auf die Unabhängigkeit hin. Dass die Bewegung aber schon Folgen habe, sehe man in kleineren Ortschaften. Dort wehten so viele Flaggen wie nie zuvor. Früher sei es egal gewesen, welche Fahne man aufhängt, heute zeige man damit seine politische Haltung. Blau-Gelb für Alberta und Rot-Weiß für Kanada.

Eine Rancherin sagt: „Wir sind immer noch Kanadier“

Weit im Osten, kurz bevor das „Wild Rose Country“ an Saskatchewan grenzt, hat Elizabeth Hargrave ihre Ranch. Sie sitzt in der Bibliothek von Irvine, einer kleinen Ansammlung von Häusern direkt neben dem Highway. Die Rancherin ist mit Blick auf die Europäische Union wesentlich emotionsloser als die Holmes. Sie wolle erst einmal sehen, was die Pläne für die Partnerschaft seien, sagt sie.

Die 41 Jahre alte Mutter von vier Kindern führt die Ranch ihres verstorbenen Mannes. Dort zieht sie Kühe auf, um sie als Mutter-Kalb-Paar zu verkaufen. Die EU spielt für sie dabei keine Rolle. Den allergrößten Teil ihrer Rinder verkauft sie in die nur wenige Kilometer südlich gelegenen Vereinigten Staaten. Auch sonst seien die USA und Asien für die westlichen Provinzen wesentlich wichtigere Handelspartner als Europa, sagt sie.

Eine dezidierte Meinung hat sie aber zu dem Referendum. Auch wenn es nur darum gehe, mit dem Referendum eine weitere, dann rechtlich bindende, Abstimmung einzuleiten, werde sie dagegenstimmen. Ihre Ranch sei im Jahr 1888 gegründet worden, bevor es die Provinzen Alberta und Saskatchewan überhaupt gab, weshalb sie auch Land in beiden Provinzen habe. Die Separatisten hätten noch keinen belastbaren Plan vorgelegt, wie solche Probleme geregelt werden sollten. Manche sagten, es würde sich nichts ändern, „aber was soll das Ganze dann?“, fragt sie. Die Ranch sei die Vergangenheit ihrer Familie und die Zukunft ihrer Kinder. Daran müsse sie denken, sagt sie.

Auf dem Weg nach Irvine schneidet sich der Transcanada Highway 1 durch die braun-beige Prärie, kilometerlang schnurgerade. Links und rechts ist die Quelle von Albertas Reichtum zu sehen: Rinder grasen und Ölfördertürme nicken dem Vorbeifahrenden zu. Auf den ersten Blick könnte man Alberta mit Texas verwechseln: Öl und Rinder, Polizisten in Calgary tragen Cowboyhüte, die Region ist konservativ geprägt, und die beliebteste Großveranstaltung ist ein Rodeo: die jährlich stattfindende Calgary Stampede.

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