DAX +0,74 % 26.319,45 Pkt 18:00:00 MDAX -0,06 % 32.407,20 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +0,33 % 6.523,86 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,57 % 54.036,93 Pkt 22:50:36 S&P 500 +0,44 % 7.757,64 Pkt 22:50:24 Nasdaq +1,24 % 26.690,62 Pkt 23:15:59 Nikkei -0,12 % 65.606,71 Pkt 08:45:02 Gold +1,36 % 4.399,70 USD 22:59:55 Silber +0,26 % 63,50 USD 22:59:56 Brent 0,00 % 83,55 USD 22:59:58 WTI 0,00 % 78,18 USD 22:59:59 Bitcoin -0,01 % 64.900,17 USD 12:15:47 EUR/USD +0,04 % 1,15620 USD 23:29:57 EUR/GBP -0,15 % 0,85670 GBP 23:29:57 EUR/CHF +0,13 % 0,93350 CHF 23:29:57 EUR/JPY +0,13 % 182,378 JPY 23:29:57

Vorgeschmack auf neue Normalität: Kann die Hitze zu mehr Klimaschutz bewegen?

Wissenschaft

Dauerhafte Temperaturen über 30 Grad und verheerende Waldbrände: Die Folgen des Klimawandels sind früher spürbar als erwartet. Kann das der lahmenden Klimabewegung neuen Aufschwung verleihen? Kaum jemand bleibt völlig verschont. Selbst wärmeaffine Mitmenschen stöhnen in diesen Wochen über die stickige Luft und Schlafzimmer, aus denen sich die tropischen Temperaturen nicht weglüften lassen. Hitze setzt früher im Jahr ein, hält länger an und ist intensiver, als wir es bislang kannten. Ab 30 Grad sinkt die Produktivität auch gesunder und fitter Menschen, für ältere oder chronisch kranke Menschen kann die Hitze schnell gefährlich werden. Die Langzeitdaten machen deutlich, dass die zuletzt so heißen Sommer keine Ausreißer waren, sondern den Anfang einer neuen Normalität markieren. Dass sich die Folgen des Klimawandels so schnell für alle spürbar bemerkbar machen würden, haben die wenigsten kommen sehen. Hitzewellen, Trockenheit und Waldbrände geben nun einen Vorgeschmack auf das, was in den nächsten Jahren und Jahrzehnten droht. Gleichzeitig ist es um die Klimabewegung erstaunlich ruhig geworden, das Thema Klimawandel konkurriert mit zu vielen anderen Krisen. Kann die am eigenen Leib erlebte Hitze daran etwas ändern und der Klimabewegung durch breiten gesellschaftlichen Zuspruch neuen Aufschwung verleihen? "Ich rechne nicht damit, dass diese Wetterereignisse eine grundlegende Änderung der Umwelteinstellungen oder der Zustimmung zu Klimaschutzmaßnahmen mit sich bringen", sagt Henning Best, Umweltsoziologe an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau, im Gespräch mit ntv.de. Forschungsergebnisse würden zwar zeigen, dass Extremwetterereignisse die Zustimmung zu Policy-Maßnahmen zum Klimaschutz erhöhten, dieser Effekt halte aber nicht lange an. "Wenn es demnächst regnet und kühl ist, vergessen viele, dass es vor wenigen Wochen zu heiß war." Trotz der unmittelbaren Betroffenheit von Hitze seien aktuell weder ein stärkeres Klimabewusstsein noch größere Handlungsbereitschaften erkennbar. Politik im klimapolitischen Rückwärtsgang Immerhin lassen Umfragen seit Jahren keinen Zweifel: Die deutliche Mehrheit erkennt an, dass es den menschengemachten Klimawandel gibt. In einer Studie der Universität Hamburg gaben 2013 nur sieben Prozent der Befragten an, am menschengemachten Klimawandel zu zweifeln oder ihn für völlig ausgeschlossen zu halten. Viele Umfragen bestätigten diese Werte in den Folgejahren. Allerdings sind selbst jene, die sich der Ursache Mensch bewusst sind, selten bereit, am eigenen Verhalten etwas zu verändern. Ob Tempolimit, Flugreisen oder Fleischgenuss - in Masse halten die Deutschen nicht so viel von Verzicht oder Einschränkungen. "Beim Klimaschutz handelt es sich um ein Kollektivgutproblem", sagt Best. Das Ziel, die Erderwärmung zu stoppen, müsse auf Gesellschaftsebene erreicht werden. Wenn das gelinge, würden alle profitieren - auch diejenigen, die nicht dazu beigetragen haben. "Damit gibt es einen Anreiz, nicht beizutragen und nur die anderen beitragen zu lassen." Dieses Kollektivgutproblem lasse sich durch institutionelles Handeln lösen, etwa mit ökonomischen Anreizen und der Streichung von Subventionen für fossile Energien. "Klimafreundliche Handlungsalternativen müssen günstiger und komfortabler sein als klimaschädliche Alternativen." Stattdessen legt die Politik eher den klimapolitischen Rückwärtsgang ein: Der Expertenrat für Klimafragen gab im Mai an, es werde nicht genug getan, um die gesteckten Klimaziele zu erreichen. Das neue Heizungsgesetz ermöglicht wieder langfristig den Einbau von Öl- und Gasheizungen, das Verbrenner-Aus wackelt, Kommunen setzen ihre CO2-Einsparziele aus - fast so, als würde die Zeit nicht drängen. Dabei sind die gegenwärtigen Entwicklungen bereits vor Jahrzehnten prognostiziert worden. Der deutsche Klimatologe Hermann Flohn skizzierte 1979 auf der ersten Weltklimakonferenz die Folgen der Erderwärmung: Das trockene Klima im Mittelmeerraum werde unübersehbare Folgen für Wasserversorgung und Ernte haben. 1995 warnte der wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung in einem Bericht vor einer Klimakatastrophe. "Die fossile Industrie kämpft seit 50 Jahren gegen eine Änderung der Energieversorgung zum Besseren", sagt Best. "Die großen Ölkonzerne wussten seit den 1970er Jahren genau, was passieren wird, sie hatten sehr genaue Vorhersagemodelle, haben darüber gelogen und Geld investiert in bezahlte, verzerrte Forschung, die Zweifel streuen soll." Das sei ein globales Problem, konkret in Deutschland habe zudem die AfD in den vergangenen 10, 15 Jahren "Unwahrheiten über einen nicht stattfindenden oder nicht menschengemachten Klimawandel gestreut". Entsprechend sei der Anteil von Menschen, die den Klimawandel tatsächlich leugnen, gestiegen. Best ist Co-Direktor der Langzeitstudie GLEN, an der verschiedene Universitäten und die Deutsche Forschungsgemeinschaft beteiligt sind. Die deutschlandweite Erhebung erforscht Verhalten und Einstellungen zu Umweltfragen sowie die Akzeptanz der Klimapolitik. In einer im Frühjahr vorgelegten Auswertung halten 16 Prozent der Befragten wissenschaftliche Daten, die den Klimawandel belegen, für unglaubwürdig - eine Verdoppelung der Leugner innerhalb weniger Jahre. "Die AfD hat es geschafft, die Diskussion um die Klimakatastrophe als Kulturkampf zu framen und damit Stimmen zu gewinnen. Bedauerlicherweise wird das auch von CDU/CSU und vor allem der FDP aufgenommen." Wasserknappheit ist kein Zukunftsszenario Währenddessen spitzt sich die Lage zu. Das RKI schätzt die Zahl der Hitzetoten in Deutschland in diesem Jahr bislang auf 11.900, davon gehen 9600 alleine auf die Hitzewelle vom 22. bis zum 28. Juni zurück. Durch die steigenden Wassertemperaturen stirbt die Artenvielfalt, an der Ostsee breiten sich Bakterien aus, die bei Menschen zu schweren Infektionen führen können. Ausgetrocknete Flüsse behindern Schiffsverkehr und Handel. In Südeuropa ist Wasserknappheit kein dystopisches Szenario fürs Ende des Jahrhunderts, sondern bereits heute Realität. In Spanien toben politische und gesellschaftliche Konflikte um die Wasserverteilung. Fast die Hälfte des Landes ist von Wüstenbildung bedroht. Der regenreichere Norden ist zunehmend selbst auf die Vorräte angewiesen und will mit der wertvollen Ressource nicht die Landwirtschaft oder gar Golfplätze im trockenen Süden versorgen. Vom afrikanischen Kontinent spricht ohnehin niemand, obwohl es das klimavulnerabelste Gebiet der Welt ist. Laut Unicef verpassten 2024 weltweit mindestens 242 Millionen Schülerinnen und Schüler Unterricht aufgrund von Extremwetter, die meisten von ihnen in Afrika südlich der Sahara. Die Extrembedingungen betreffen beliebte Urlaubsorte der Deutschen und Regionen, aus denen wir Obst beziehen. Warum sind uns die klimatischen Bedrohungen trotzdem nicht näher? "Wir Menschen denken linear und können uns exponentielle Verläufe, mit denen wir es beim Klimawandel leider zu tun haben, kaum vorstellen", sagt Best. Außerdem tendierten Menschen grundsätzlich dazu, bei Entscheidungen zwischen verschiedenen Handlungsalternativen zukünftige Kosten zu vernachlässigen. "Wer raucht, erhöht das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Lungenkrebs erheblich - die Folgen liegen aber in der Zukunft." Genauso seien die psychologischen Reaktionen auf den Klimawandel zu erklären. Leben nach dem Vogel-Strauß-Prinzip Mögliche Langzeitfolgen abseits der aktuellen Hitzewellen bleiben häufig immer noch abstrakt. Umfassender Klimaschutz kostet viel Geld, ohne dass man unmittelbar einen Ertrag sehen würde. "Ein weiteres Problem ist das Vogel-Strauß-Prinzip", sagt der Soziologe. "Niemand hat gerne Angst um die Zukunft, insbesondere nicht um die Zukunft der eigenen Kinder." Da liege es nahe, die Lage zu verharmlosen und sich einzureden, dass es vielleicht gar nicht so schlimm kommt, wie befürchtet. Das sei einfacher als ins konkrete Handeln zu kommen: "Menschen mögen typischerweise keine Veränderungen." Auch wenn die Deutschen ungern ihre Gewohnheiten ändern, die Notwendigkeit für Veränderungen erkennen sie durchaus. In der PACE-Studie, an der unter anderem die Uni Erfurt und das RKI beteiligt waren, gaben 2025 alle Befragten an, dass sie sich von der Partei, die sie wählen, mehr Engagement für Klimaschutz wünschen - auch die aus dem AfD- und FDP-Lager. "Es wäre jetzt wirklich wichtig, dass der Kanzler sich dazu äußert, dass wir in der Klimakatastrophe leben und dass die Regierung alles tun wird, um die Folgen für die Menschen abzumildern", sagt Best. Zustimmung für Klimapolitik müsse erarbeitet werden, es bedürfe einer klaren Kommunikation, dass die Maßnahmen im Interesse der Menschen lägen. Sobald kritische Kipppunkte gerissen würden, gebe es kein Zurück mehr. "Dann wandelt sich das Klima in ein neues Gleichgewicht, in dem wir Menschen nicht komfortabel leben können."

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