VW, BMW und Mercedes: China-Absatzkrise entlarvt Verbrenner-Verzug
Startseite Wirtschaft VW, BMW und Mercedes: China-Absatzkrise entlarvt Verbrenner-Verzug Von: Martin Wald Uns auf Google folgen BMW, Mercedes und VW verlieren in China den Boden unter den Füßen. Die Zahlen zeigen: Wer beim Verbrenner-Ausstieg zögerte, sieht sich nun mit sinkenden Gewinnen konfrontiert. Wer beim Verbrenner-Ausstieg zögert, gilt Beobachtern zufolge als besonders anfällig für Verluste bei Marktanteilen und Marge. Genau das erleben BMW, Mercedes und VW gerade in China, dem einst verlässlichsten Wachstumsmarkt der deutschen Autoindustrie. Heimische E-Auto-Anbieter haben die Lücke besetzt, die deutsche Hersteller durch jahrelanges Festhalten am Verbrenner selbst geschaffen haben. Content-Partnerschaft Dieser Artikel entstand in einer Content-Partnerschaft mit Partner Business Punk Verschärft wird die Lage durch politische Rahmenbedingungen, die sich in Deutschland und der EU mehrfach änderten, ohne je Klarheit zu schaffen. Bis heute ist offen, wie es mit dem Verbrenner-Aus weitergeht. Dazu kommen US-Zölle und die Nachwirkungen der Nahost-Krise auf die globale Konjunktur. Das Ergebnis liest sich in den aktuellen Quartalsberichten wie eine Abrechnung und sie fällt bei allen drei großen deutschen Herstellern auffallend ähnlich aus: schrumpfende Gewinne im Kerngeschäft, wachsende Sparprogramme und der chinesische Markt als gemeinsamer Nenner der Krise. BMW: Musterschüler unter Druck BMW war lange der Vorzeigekonzern der Branche, das Unternehmen, das als erstes auf Elektromobilität setzte und trotzdem am Verbrenner festhielt, ohne dabei die Marge zu verlieren. Im zweiten Quartal fiel der Gewinn nach Steuern auf 1,2 Mrd. Euro, ein Rückgang von rund 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Umsatz sackte von 34 auf 31 Mrd. Euro. Am dramatischsten war der Einbruch in der Autosparte selbst: Das operative Ergebnis brach um über 60 Prozent auf 629 Mio. Euro ein. BMW verdiente im Quartal damit mehr Geld mit Finanzdienstleistungen als mit dem eigentlichen Autobau, ein Symbol dafür, wie sehr sich das Kerngeschäft von seiner eigentlichen Aufgabe entfernt hat. Der chinesische Markt bleibt der größte Belastungsfaktor: Der Absatz ging im ersten Halbjahr um 20,4 Prozent zurück, im zweiten Quartal sogar um 30,2 Prozent. Während BMW in Europa und den USA zulegen konnte, vor allem dank der Elektromodelle der Neuen Klasse, bricht in China gerade jenes Fundament weg, auf dem der Konzern jahrelang seine Wachstumsstrategie aufgebaut hatte. Im ersten Halbjahr 2026 blieben BMW nur noch 2,9 Mrd. Euro Gewinn, nach 4,0 Mrd. Euro im Vorjahr und die Abwärtsspirale reicht noch weiter zurück. Analysten von Deutscher Bank und Jefferies bewerteten die Prognosesenkung im Juni als deutlich stärker als erwartet, wie Spiegel berichtet. Berenberg verwies zudem darauf, dass es bereits die dritte überwiegend China-bedingte Korrektur binnen drei Jahren sei, was von Beobachtern als Hinweis auf ein strukturelles Muster gewertet wird. BMW reagiert mit einem weltweiten Abbau von rund 8.000 Stellen, größtenteils in Deutschland, samt Abfindungsprogramm. Im Vorjahr sparte der Konzern bereits 2,5 Mrd. Euro ein, nun sollen Effizienzmaßnahmen weiter intensiviert und beschleunigt werden. Eine schnelle Erholung ist dabei nicht in Sicht: Die Restrukturierungskosten werden das Ergebnis im zweiten Halbjahr zusätzlich belasten, während der Automarkt weltweit, allen voran in China, schwierig bleibt. Mercedes: Zahlen rauf, Belegschaft sauer Auf den ersten Blick sieht Mercedes-Benz besser aus als die Konkurrenz: Das Ebit stieg im zweiten Quartal um 21,5 Prozent auf 1,55 Mrd. Euro, der Umsatz gab nur leicht um 3,3 Prozent auf 32 Mrd. Euro nach. Getragen wurde die Verbesserung vor allem vom Van-Geschäft und den Finanzdienstleistungen, nicht vom Kerngeschäft. Ähnlich wie bei BMW zeigt sich also auch bei Mercedes, dass die eigentliche Substanz des Konzerns, der Verkauf von Pkw, gerade woanders kompensiert werden muss. Im Segment Mercedes-Benz Cars sank das bereinigte Betriebsergebnis um rund ein Viertel auf 909 Mio. Euro, der Absatz fiel um knapp acht Prozent auf 417.765 Fahrzeuge. Hinzu kommen ein ungünstiger Modellmix und zusätzliche Kosten für die Einführung neuer Modelle, die die Marge weiter drücken. Besonders schwer wiegt eine Wertminderung auf die China-Beteiligung, die das unbereinigte Ebit auf nur noch 49 Mio. Euro drückte, ein Rückgang um 704 Mio. Euro, der die eigentliche Dimension der China-Schwäche offenlegt. Medienberichten zufolge will Mercedes im Rahmen des Programms Next Level Performance mehr als 5.000 Stellen abbauen. Seit Juni läuft zusätzlich eine globale Produktivitätsoffensive an den deutschen Standorten. Konzernchef Ola Källenius fordert längere Arbeitszeiten bei gleichem Lohn, eine tarifliche Sonderzahlung wurde verschoben. Die Belegschaft reagierte mit Protesten für den Erhalt der 35-Stunden-Woche vor mehreren Werken, ein sichtbares Zeichen dafür, wie sehr der Sparkurs mittlerweile die Beziehung zwischen Konzernspitze und Belegschaft belastet. Källenius hält trotzdem an der Jahresprognose fest und setzt auf eine Belebung durch neue Modelle im zweiten Halbjahr. Die Konzernprognose für das Ergebnis vor Zinsen und Steuern sowie für die operative Marge im Pkw-Geschäft wurde bestätigt, trotz der aktuellen Belastungen aus China. VW: Größter Kahlschlag der Branche Volkswagen trifft es beim Nettogewinn am härtesten: minus rund ein Drittel auf 1,54 Mrd. Euro im zweiten Quartal, im Halbjahr ein Rückgang von gut 30 Prozent auf 3,1 Mrd. Euro. Neben Sondereffekten wie dem Produktionsende des ID.4 in den USA drückt vor allem China: Die Verkäufe brachen dort um mehr als ein Drittel auf 424.300 Fahrzeuge ein. Zwar zeigt sich der Absatz außerhalb Chinas etwas stabiler, doch Zölle, Kriege, geopolitische Spannungen, strenge Regulierung und härterer Wettbewerb setzen den Konzern insgesamt stark unter Druck. Der Konzern reagiert mit dem größten Stellenabbau der Branche: Bis 2030 sollen 50.000 Jobs in Deutschland wegfallen, 35.000 davon bei der Kernmarke VW, der Rest bei Audi, Porsche und anderen Töchtern. Mehr als 37.000 Beschäftigte haben bereits zugestimmt. Konzernchef Oliver Blume will das Programm noch in diesem Jahr erweitern, ein neues Sparpaket soll der Aufsichtsrat beschließen. Vier Werke haben laut Konzern aktuell keine belastbare Perspektive für die 2030er-Jahre. Schließungen schließt Blume nicht aus, nennt sie aber die letzte Option. Berichten zufolge könnten beim Personal zusätzlich bis zu 50.000 Jobs betroffen sein, zusätzlich zu den bereits beschlossenen Einsparungen. Für das Gesamtjahr rechnet VW nicht mehr mit Wachstum, sondern mit einem möglichen Umsatzrückgang von bis zu drei Prozent, während beim Gewinn nur noch ein Ergebnis auf Vorjahresniveau erwartet wird. Politisches Vakuum: Das Verbrenner-Dilemma Die Autoindustrie fordert von der Politik seit Jahren mehr Verlässlichkeit, etwa bei den CO₂-Flottengrenzwerten und beim Verbrenner-Aus. Die EU-Kommission ist inzwischen von ihrem ursprünglichen Ziel abgerückt, ab 2035 keine neuen Verbrenner mehr zuzulassen, auch auf Druck aus Deutschland. Hersteller bekommen mehr Flexibilität bei der CO₂-Reduktion, ohne dass dadurch die eigentlichen Probleme in China gelöst würden. Doch nicht alle halten die Debatte um eine Rückkehr zum Verbrenner für zielführend. Wirtschaftsweise Monika Schnitzer bezeichnet die Diskussion über eine Abkehr vom Verbrenner-Aus laut Spiegel als Symboldebatte, die weder die aktuellen Herstellerprobleme löse noch Arbeitsplätze in der deutschen Industrie sichere. Diese Einschätzung trifft den Kern des Problems: Die Krise der deutschen Autobauer liegt tiefer als in der Antriebstechnologie allein, sie liegt in verpassten Jahren der Transformation, während chinesische Konkurrenten längst die Führung übernommen haben. Solange diese Lücke bei Software, Batterietechnik und Entwicklungstempo bestehen bleibt, ändert auch eine politische Kurskorrektur beim Verbrenner-Aus wenig an der grundlegenden Wettbewerbslage von BMW, Mercedes und VW in China. Business Punk Check Die Ausrede „Verbrenner-Aus verunsichert die Industrie“ zieht nicht mehr. BMW, Mercedes und VW verlieren in China nicht wegen unklarer EU-Regeln, sondern weil lokale E-Auto-Hersteller technologisch und preislich überlegen sind. Das ist kein Politikversagen allein, das ist verschlafene Hausaufgaben-Politik der Konzerne selbst. Gleichzeitig zeigt der Vergleich der Sparprogramme: BMW, Mercedes und VW bauen zusammen weit über 60.000 Stellen ab, ohne dass eine schnelle China-Erholung absehbar ist. Wer jetzt auf eine politische Rettung durch ein aufgeweichtes Verbrenner-Aus hofft, verwechselt Symbolpolitik mit Strukturreform. Für Entscheider in Zulieferbetrieben heißt das: Wer weiterhin fast ausschließlich am deutschen Verbrenner-Ökosystem hängt, trägt das größere Risiko als jene, die früh in China-unabhängige Software- und Batterie-Kompetenz investiert haben.