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VW-Werk Osnabrück: Verkauf an Aurelius und Rüstungskonzern Rafael

Wirtschaft

Ab 2027 sollen in Osnabrück statt Cabrios Raketenabwehr-Komponenten entstehen – mitten im IGH-Verfahren gegen Deutschland.

Welch eine Ironie. Wer auf die Startseite des VW-Werks Osnabrück klickt, landet mitten in der Stadtgeschichte: ein kurzer Absatz über das Rathaus, in dem 1648 nach fünf Jahren zäher Verhandlungen der Westfälische Friede geschlossen wurde – und mit ihm der Dreißigjährige Krieg endete.

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Ausgerechnet hier soll nun, keine zwei Kilometer vom historischen Rathaus entfernt, Rüstungstechnik für ein Land vom Band laufen, dessen Kriegsführung im Gazastreifen international heftig umstritten ist: Israel.

Geschichte verpflichtet

Es ist nicht die erste Begegnung des Konzerns mit der Kriegswirtschaft. Volkswagen beschreibt die NS-Zeit in der eigenen Firmengeschichte selbst mit den Worten: "1937 bis 1945 – Unternehmensgründung und Einbindung in die Kriegswirtschaft".

Ab 1940/41 stützte sich das Werk zunehmend auf Zwangsarbeit. 1944 stellten Zwangsarbeiter aus besetzten Gebieten fast zwei Drittel der Belegschaft, ergänzt durch politische Häftlinge im werkseigenen Lager "Arbeitsdorf".

Ein Konzern mit dieser Geschichte, so ließe sich erwarten, geht mit dem Thema Kriegswirtschaft besonders sensibel um.

Das Alte und das Neue

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Volkswagen, das Land Niedersachsen und der israelische Investor Aurelius Capital haben Anfang September Eckpunkte für einen Verkauf vereinbart.

Vorgesehen ist, dass Aurelius Mehrheitseigentümer der Volkswagen Osnabrück GmbH wird, während sich das Land Niedersachsen ebenfalls an der neuen Gesellschaft beteiligt.

Die bisherige Autoproduktion, zuletzt vor allem das T-Roc Cabriolet, soll planmäßig 2027 auslaufen. Danach, so die Sprachregelung von VW-Betriebsrat und Management, werde der Standort "zu einem Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungslösungen" umgebaut.

"Industrielle Ankerpartner"

Als erster vereinbarter, industrieller Geschäftspartner ist der israelische Rüstungskonzern Rafael Advanced Defense Systems vorgesehen, es geht um Systeme und Komponenten für Raketenabwehrsysteme, mutmaßlich auch für das israelische Iron-Dome-System.

Rafael ist kein x-beliebiger Zulieferer: Die EU-Kommission prüfte im Juli letzten Jahres ein Werbevideo, das der staatliche Konzern auf der Plattform X veröffentlicht hatte und in dem die Tötung eines Unbewaffneten zu sehen war.

Zudem sind seine Drohnensysteme bei einem israelischen Angriff im April 2024 zum Einsatz gekommen, bei dem sieben Mitarbeitende der US-Hilfsorganisation World Central Kitchen getötet wurden, obwohl deren Konvoi zuvor angemeldet und klar erkennbar gewesen war.

Die israelische Armee wertete den Angriff nach einer internen Untersuchung als schweren Fehler.

Katar intervenierte

Nicht ohne Grund also ist die schon länger diskutierte direkte Zusammenarbeit mit Rafael zuvor an einem der größten VW-Aktionäre gescheitert: Katar.

Der katarische Staatsfonds hält rund 17 Prozent der Stimmrechte an Volkswagen und ist damit nach den Familien Porsche und Piëch sowie dem Land Niedersachsen der drittgrößte Anteilseigner des Konzerns und offenbar wenig begeistert davon, ein Rüstungsgeschäft mit Israel einzugehen.

Das Verhältnis Katars zu Israel ist seit Jahren angespannt. Über lange Zeit unterhielt die Hamas ein politisches Büro in Doha, mit Wissen der katarischen Führung.

Im September 2025 eskalierte diese Spannung auf bislang beispiellose Weise: Erstmals griff das israelische Militär gemeinsam mit dem Inlandsgeheimdienst Schin Bet direkt Gebäude in der katarischen Hauptstadt an – Ziel war nach israelischen Angaben die Führung der Hamas.

Zustimmung aus der Belegschaft

Während die geopolitischen Dimensionen riesig sind, ist das Werk für seine Belegschaft recht überschaubar: Osnabrück zählt zu den kleineren VW-Standorten in Niedersachsen.

Von den rund 1.800 Beschäftigten sollen etwa 600 über Renteneintritt und Altersteilzeit aus dem Unternehmen ausscheiden, die übrigen 1.200 dürfen mit der neuen Lösung bis mindestens 2029 weiterarbeiten.

Betriebsrat und IG Metall haben dem Vorschlag offenbar zugestimmt, ebenso sollen sämtliche Tarifbindungen der Metall- und Elektroindustrie, bestehende Betriebsvereinbarungen, Arbeitsverträge und die Struktur des Betriebsrats unverändert bleiben.

IG Metall gespalten

Wo es um die Sicherung von Arbeitsplätzen geht, treten gewerkschaftliche Ansprüche auf Frieden und Abrüstung erst einmal zurück: Wider Erwarten spricht die Pressemitteilung der zuständigen IG Metall nur davon, dass ein Industriestandort gesichert wurde.

Dabei hatte sich bereits im März ein Teil der Gewerkschaft öffentlich gegen die Rüstungspläne gewandt.

In einer Erklärung, unterzeichnet unter anderem vom Linke-Abgeordneten Cem Ince und Mark Seeger vom VW-Betriebsrat Braunschweig, hieß es sinngemäß, wer mit der Umstellung auf Rüstungsproduktion Arbeitsplätze verspreche, nutze die Existenzängste der Beschäftigten aus.

Aufrüstung und Kriegswirtschaft widersprächen den Interessen der Belegschaften und gewerkschaftlichen Zielen.

Dabei sollte es nicht darum gehen, Belegschaft gegen Friedensaktivisten auszuspielen: Die Beschäftigten wollen schlicht ihre Arbeit behalten und ihre Existenz nicht gefährdet sehen, möglichst unter menschenwürdigen Bedingungen.

Darunter zählt allerdings auch, wofür ihre Arbeit eingesetzt wurde. Wie es weiter gelingt, diesen Widerspruch auszufechten, bleibt eine offene Frage.

Industrie im Untergang

Osnabrück steht dabei keineswegs für sich allein, sondern für einen Konzern, der insgesamt tief in der Krise steckt. Das Sparpaket des Konzernvorstands, das der Aufsichtsrat einstimmig abgesegnet hat, sieht vor, in den kommenden Jahren weitere rund 50.000 Arbeitsplätze abzubauen, weitere deutsche Werke stehen dabei akut auf der Kippe.

Während also klassische Fertigungsjobs verschwinden, boomt anderswo die Rüstungsbranche.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche lässt dabei kaum eine Gelegenheit aus, die Verteidigungsindustrie als Zukunftsbranche und Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft zu preisen.

Ein anderes Beispiel liefert der Kölner Motorenbauer Deutz: Für rund 1,6 Milliarden Euro übernimmt das Unternehmen den Rüstungskonzern Flensburger Fahrzeugbau, Hersteller von Schützenpanzern und Mannschaftstransportern.

Wenn ganze Standorte wie Osnabrück nur noch eine Zukunft haben, wenn sie Waffen produzieren, drängt sich die Frage auf, ob dies tatsächlich der Weg einer sich durchziehenden Militarisierung der Industrie sein soll.

Deutschland muss sich verantworten

Der Zeitpunkt könnte dazu noch kaum absurder sein.

Ausgerechnet in einer Zeit, in der sich Deutschland vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag im Verfahren Nicaragua gegen Deutschland gegen den von Nicaragua erhobenen Vorwurf verteidigen muss, mit seinen Waffenlieferungen an Israel Beihilfe zu einem Völkermord an den Palästinensern zu leisten, vertieft ausgerechnet der niedersächsische Autobauer schlechthin seine Verflechtung mit der israelischen Rüstungsindustrie.

Doch die Frage nach der Verantwortung endet nicht bei den staatlichen Waffenlieferungen. Sie stellt sich auch dort, wo die dafür notwendige Rüstungsproduktion organisiert, ausgeweitet und mitgetragen wird.

Ob das israelische Vorgehen den Tatbestand des Völkermords erfüllt, müssen die Gerichte klären. Doch schon der im Raum stehende Vorwurf verpflichtet zur Vorsicht: Wer Rüstungsgüter produziert oder liefert, die in diesem Krieg zum Einsatz kommen können, trägt dafür eine Mitverantwortung.

Solche Entscheidungen fallen an vielen Stellen, und jede von ihnen bedeutet auch eine Entscheidung darüber, ob man diese Rüstungsproduktion akzeptiert.

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