Waffe: Die ukrainische Abwehr ist überfordert – was jetzt?
Etwas hat sich verändert: Russlands Drohnenattacken auf die ukrainische Zivilbevölkerung werden „allmählich immer terroristischer“, schrieb der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Freitag nach einem weiteren tödlichen russischen Luftangriff. Hintergrund ist eine neue Antriebstechnik in den seit Jahren eingesetzten Kamikaze-Drohnen, die täglich in Scharen von bis zu mehreren Hundert angeflogen kommen.
Früher setzte Russland auf ein Modell namens Geran‑2. Gebaut nach iranischem Vorbild flog es mit seinem Propellerantrieb ungefähr 200 Kilometer pro Stunde. Das war langsam genug für viele der ukrainischen Abfangdrohnen, die laut US-Magazin „Politico“ ungefähr 300 km/h schnell sind. Aber dann stattete Russland die Kamikaze-Drohnen mit einem Jetantrieb aus. Nun ist die ukrainische Abwehr plötzlich zu langsam.
Geran-3-Drohnen sind knapp 330 Kilometer pro Stunde schnell, Geran-4 schaffen knapp 500 und Geran-5 sogar fast 600 km/h, wie das „Wall Street Journal“ berichtet. Diesen russischen Geschwindigkeitsvorteil kann man auch in der ukrainischen Abwehrstatistik sehen. Sie hat sich verschlechtert.
Abfangquote sinkt deutlich
Laut US-Institut für Kriegsstudien (ISW) intensiviert Russland den Einsatz der Jet-Drohnen seit April. Das führt offenbar zu einer geringeren Abfangrate von nur noch 60 Prozent, statt wie bisher mehr als 90 Prozent. Diese Zahlen gaben die ukrainischen Luftstreitkräfte für den August bekannt.
Die Abwehr wird teurer
Was kann die Ukraine jetzt tun? Bis sie den nächsten Schritt im Rüstungswettlauf mit Russland gemacht und die eigenen Abwehrdrohnen verbessert hat, bleibt ihr offenbar nur eine teure Notlösung übrig.
Ein Experte sagte „Politico“:
Wie lange die Ukraine tatsächlich bis zur Anpassung brauchen wird, bleibt abzuwarten.
China liefert entscheidende Bauteile
Das Problem besteht auch darin, dass Russland aus China weiterhin mit den benötigten Bauteilen für die Drohnen beliefert wird. Jetantrieb, Navigationscomputer, Kommunikationselektronik – all das bezieht die russische Rüstungsindustrie aus Peking, wie die Analysefirma „DroneSec“ dem „Wall Street Journal“ sagte. Und das relativ günstig. Der schnelle Antrieb, der den Ukrainern derzeit so große Kopfschmerzen bereitet, kostet einer Schätzung nach nur 45.000 Dollar. Der Preis einer ganzen Geran-5-Drohne wird auf 100.000 Dollar geschätzt. Im Vergleich zu Raketen mit Stückpreisen von mehreren Millionen Dollar ist das nicht viel.
Gefahr für die Heizsaison in der Ukraine
Nach einem Sommer, der von den Erfolgsmeldungen ukrainischer Luftschläge tief in Russland geprägt war, dürfte die Ukraine nun mit wachsender Sorge auf die bevorstehende kalte Zeit blicken. Es wird erwartet, dass der russische Präsident Wladimir Putin wieder die Wärmeversorgung bombardieren lässt. Jede Lücke in der Luftverteidigung – die auch mit den schwierig abzufangenden ballistischen Raketen zu tun hat – wird die Zahl der zivilen Opfer weiter erhöhen.
Kurz nach der Berichterstattung gab Selenskyj am Dienstagabend den erfolgreichen Test einer neuen, selbst entwickelten Waffe zur Abwehr von Drohnen bekannt. Bei einem Einsatz in der Nacht sei ein Treffer erzielt und eine Drohne vom Typ „Shahed“ zerstört worden, sagte Selenskyj am Dienstag in seiner abendlichen Videoansprache. „Shahed“ ist der Name der iranischen Drohne, auf der die russischen Modelle basieren.
„Einige technische Details müssen jedoch noch verfeinert werden“, erklärte Selenskyj weiter. „Wir brauchen noch etwas mehr Zeit.“ Demnach wurden in der Nacht 93 Prozent aller russischen Drohnen abgefangen. „Das ist beachtlich. Aber natürlich wird mehr gebraucht“, sagte er. (mit Reuters)