Waffenproduktion: Die Rüstungsbranche stellt sich neu auf
Audioplayer wird geladen Anzeige Bei Vincorion in Wedel wird ausgebaut, neu organisiert, umgezogen und expandiert, alles zugleich und bei vollem Betrieb. Wo früher ein einzelner Montageplatz stand, reihen sich nun mehrere aneinander, versehen mit Bildschirmen, neuen Regalsystemen und ergonomischen Arbeitsumgebungen. Mechaniker montieren mit digital gesteuerten Werkzeugen Komponenten für die Bordelektronik des Kampfpanzers Leopard. In der Station nebenan arbeiten ihre Kollegen an Getrieben, die den Turm des Schützenpanzers Puma drehen und sein Geschütz in stabiler Position halten. „Wir stellen die bislang punktuelle Produktion einzelner Aufträge auf eine Linienfertigung um“, sagt Dennis Wulff, 36, Head of Production Competence Center Energy & Stabilization. „Bei der Leistungselektronik für gepanzerte Landfahrzeuge entsteht daraus eine Kleinserienfertigung. Trotzdem bleibt das hier spezialisierte Handarbeit.“ Der Wirtschaftsingenieur Wulff kam im Frühjahr vom Braunschweiger Rüstungsunternehmen SMAG zu Vincorion, um in Wedel mit an der Modernisierung der Produktion zu arbeiten. Fertigungslinien werden neu ausgerichtet und verstärkt, zusätzlich angemietete Hallenflächen belegt. Und auch an ein in Deutschland besonders sensibles Thema geht Vincorion dabei heran, an die punktuelle Verlängerung von Arbeitszeiten: „Vom Einschichtbetrieb gehen wir in den Zwei- und teilweise auch in den Dreischichtbetrieb über“, sagt Wulff. „Mein Interesse ist es, an sinnvollen Stellen mit 40 Wochenstunden zu arbeiten. Das erfordert allerdings eine genaue Abstimmung mit der IG Metall und den Betriebsräten.“ Zumeist gilt in der Metall- und Elektroindustrie die 35-Stunden-Woche. Ausnahmen in bestimmten Grenzen sind aber möglich – zum Beispiel beim Hochlauf von Produktionen in der Rüstungsindustrie. Anzeige Lesen Sie auch Vincorion stellt an seinen Standorten in Wedel, Essen und im bayerischen Altenstadt Komponenten für Panzer und Panzerhaubitzen her oder auch Ausrüstungen wie Seilwinden für Hubschrauber. In Bayern fertigt Vincorion Energieversorgungssysteme für Feldlager und auch für das Luftabwehrsystem Patriot. Rund 600 der insgesamt 1000 Beschäftigten von Vincorion arbeiten am Stammsitz in Wedel. Der Auftragsbestand des Unternehmens („Fixed Order Book“) liegt aktuell bei rund 500 Millionen Euro. Ende 2022, im ersten Jahr des Ukrainekrieges, waren es etwa 187 Millionen Euro. Die deutsche Rüstungsindustrie steckt in einem Hochlauf, der viel Kreativität verlangt. Russlands Krieg gegen die Ukraine, aber auch die politische Abwendung der USA von Europa erzwingen eine schnelle und effektive Aufrüstung der europäischen Nato-Mitgliedstaaten. Die Unternehmen stellt das vor viele Herausforderungen zugleich: Sie müssen ihre lange Zeit eher gleichförmigen Produktionen schnell ausdehnen. Und sie müssen herausfinden, in welche Art von Waffen und Logistik sie für die kommenden Jahre überhaupt investieren sollen. Denn die Entwicklung und Automatisierung des Kriegsgeräts verläuft rasant. Treiber dafür ist vor allem der Ukrainekrieg. Anzeige Für die Industrie ist es entscheidend, dass die Politik Planungssicherheit und Perspektiven für längerfristig belastbare Aufträge schafft: „Teilweise ist dies schon passiert, teilweise ist es in Arbeit, teilweise steht es aber noch aus“, sagt Hans-Christoph Atzpodien, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie in Berlin. „Mit Blick auf das kurzfristige Ausrüstungsziel bis zum Jahr 2029 besteht die Hauptherausforderung derzeit darin, den zusätzlichen Schub an Kapazitätserweiterungen im Jahr 2026 in schneller und strukturierter Form organisatorisch umgesetzt zu bekommen, damit in den Jahren 2027 und 2028 der erwartete und notwendige Output geliefert werden kann.“ Lesen Sie auch Das Thema Aufrüstung und die damit verbundenen Unternehmen waren in Deutschlands öffentlicher Debatte jahrzehntelang eher verpönt. Nun strömen Kapital, Menschen und politische Hoffnungen in die Rüstungsindustrie. Deren Arbeit verlief allerdings lange Zeit so diskret, dass nicht einmal der Fachverband die genaue Größe seiner eigenen Branche kennt. Viele Unternehmen, gerade im Mittelstand, haben früher nicht kommuniziert, dass sie auch zur Rüstung der Bundeswehr und anderer Armeen beitragen. Derzeit hat der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie rund 600 Mitgliedsunternehmen, davon etwa 80 Prozent Mittelständler. Im Jahr 2024 waren es noch etwas mehr als 200 Unternehmen. „Die Zeitenwende in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie seit 2022 hat dazu geführt, dass sich das Ökosystem rund um Verteidigung und Sicherheit weiter verbreitert hat“, sagt Atzpodien. „Neben klassischen Rüstungsunternehmen und zahllosen mittelständischen Zulieferunternehmen haben sich zum Beispiel seither noch einmal deutlich mehr Akteure aus den Bereichen IT, Software und Cybersecurity in die Lieferketten eingebracht.“ Um alle Beteiligten besser zu vernetzen, hat der Verband die Plattform „SVI-Connect“ aufgebaut, gemeinsam mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf, Logistik und dem Bundeswirtschaftsministerium. Bisher haben sich mehr als 2000 Unternehmen registriert, sagt Atzpodien: „,SVI-Connect‘ soll in erster Linie kleine und mittlere Unternehmen dabei unterstützen, ihre Fähigkeiten und Ressourcen und ihr Know-how mit der gestiegenen Nachfrage von Unternehmen in den Lieferketten der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie in Einklang zu bringen.“ Vincorion ist Teil dieser Expansion. Die Zeit rund um den Börsengang vom März sei herausfordernd gewesen, sagt der Vorstandsvorsitzende Kajetan von Mentzingen, 52, in seinem Büro in Wedel. Der frühere Mehrheitseigner, der britische Investmentfonds Star Capital Partnership, senkte seinen Anteil von 88 auf 47,5 Prozent, die Mehrheit liegt nun im Streubesitz. Vom Kapitalmarkt wird das Unternehmen genau beobachtet. Dafür wächst auch der wirtschaftliche Spielraum: „Der Börsengang diente hauptsächlich dazu, unsere Unabhängigkeit abzusichern. Wir wachsen organisch und sind in der Lage, dieses Wachstum ohne externe Mittel zu gestalten.“ Umsatz, Gewinn, die Zahl der Beschäftigten und der Auftragsbestand bei Vincorion steigen stetig. Im ersten Halbjahr 2026, für das noch keine vollständige Mitteilung vorliegt, erhöhte Vincorion den Umsatz im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 44,5 Prozent auf rund 150 Millionen Euro. Die Aktie pendelt bislang noch um die erste Notierung vom 20. März herum, die bei 19,30 Euro lag. Schon im Juni allerdings war Vincorion in den Börsenindex S-Dax aufgenommen worden. Lesen Sie auch Rüstungskonzerne wie Rheinmetall, TKMS oder Diehl kaufen kleinere Unternehmen bei Bedarf einfach zu und damit die für sie nötigen Fähigkeiten und Spezialisierungen. Rheinmetall etwa übernahm im März die Marinesparte NVL vom Bremer Familienunternehmen Lürssen. So gehört nun unter anderem auch die Werft Blohm+Voss in Hamburg zu Rheinmetall in Düsseldorf. Vincorion hingegen will weiterhin eigenständig agieren. Lange Zeit gehörte das Unternehmen zum Jenaer Hochtechnologie-Konzern Jenoptik, bevor Star Capital Partnership die Mehrheit übernahm. „Wir sind finanziell unabhängig. Wir könnten theoretisch Geld einsammeln, wenn wir es benötigen. Allerdings haben wir dafür aktuell keine Pläne“, sagt von Mentzingen zu den neuen Perspektiven. Neben langjährigen Kunden wie etwa dem Panzerhersteller KNDS oder Rheinmetall sucht Vincorion auch die Verbindung zu jüngeren deutschen Rüstungsunternehmen wie Quantum Systems oder Helsing. Auch Unternehmen, die bislang in der Verteidigungsindustrie noch gar nicht etabliert sind, werden für Vincorion wichtig, auf verschiedenen Ebenen: „Wir bauen unser Netzwerk auch mit unterschiedlichen Startups aus, sei es auf technologischer Basis oder auf der Kundenseite. Aber es ist zu früh, dazu jetzt Namen oder Details zu nennen“, sagt von Mentzingen. „Außerdem arbeiten wir ständig daran, unsere Lieferkette zu stärken, um den Hochlauf unserer Produktion besser abzusichern.“ Vor allem Netzwerke kleiner, agiler Unternehmen werden in der Lage sein, erwartet von Mentzingen, das Tempo bei der Entwicklung künftiger Waffen zu halten. Immer mehr Unternehmen, gerade auch kleinere, liefern der Ukraine Waffen und Bauteile – und lassen die Erfahrungen daraus direkt wieder in ihre Produktion einfließen. „Ferngesteuerte und künftig vielleicht auch autonom agierende Landfahrzeuge – seien es Kampf-, Transport- oder Aufklärungsgeräte – werden sicher auch Teil unseres künftigen Marktes sein“, sagt er. „Das ist Teil unserer Strategie. Wir haben allerdings keine Ambitionen, ganze Fahrzeuge herzustellen. Wir liefern die Komponenten dafür, wie bislang auch.“ Lesen Sie auch Auch die komplexen Bedarfe der militärischen Energieversorgung will der Manager künftig stärker bedienen, vor allem mit hybriden Aggregaten, die Strom aus erneuerbaren Energien mit Verbrennungsmotoren oder auch Wasserstoff-Brennstoffzellen kombinieren. „Wir müssen künftig sehr viel genauer schauen, wo gehen wir rein, wo gehen wir nicht rein“, sagt von Mentzingen: „Und wir versuchen, das über das gesamte Thema der Infrastruktur zu lösen. Wir bieten Ladeinfrastruktur für vielerlei Plattformen.“ An gut qualifizierten Männern und Frauen mangelt es dem Wedeler Unternehmen bei seinem schnellen Wachstum nicht. Allein im ersten Halbjahr habe man fast so viele Menschen eingestellt wie im kompletten Jahr 2025. Mehr als 10.000 Bewerbungen erwarte man auch für dieses Jahr wieder, so viele wie im Vorjahr, sagt von Mentzingen. Der Altersdurchschnitt der Belegschaft liegt bei rund 45 Jahren. Bedingt durch die rasche Expansion von Vincorion und den Renteneintritt der geburtenstarken Jahrgänge sinkt der Durchschnitt weiter. Er erwarte ein jährliches Wachstum bei der Personalzahl im mittleren einstelligen Prozentbereich. In vielen anderen Industrieunternehmen in Deutschland hat man das schon lange nicht mehr gesehen. „Wir können gut rekrutieren“, stellt der Vincorion-Chef fest, „und profitieren dabei von der schwächelnden Wirtschaft allgemein.“ Olaf Preuß ist Wirtschaftsreporter von WELT und WELT AM SONNTAG für Hamburg und Norddeutschland. Er berichtet seit vielen Jahren auch über die regionale Rüstungswirtschaft.