Wahlkampf: Grünen-Chef Banaszak tourt als Taxifahrer durch den Osten
Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Im Osten droht den Grünen das politische Aus. Grünen-Chef Felix Banaszak will der Partei vor den Landtagswahlen neuen Schwung verleihen – und als Taxifahrer durch Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern touren. Als Felix Banaszak beim Parteitag vergangenen November auf der Bühne stand, erzählte er von einem "roten Flitzer". "Ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der es kein Auto gab", rief der Grünen-Chef damals in den Saal. "Was glaubt ihr denn, was ich gemacht habe als Erstes, als ich siebzehneinhalb war? Natürlich einen Führerschein!" Dann habe er sich von dem Geld, das Oma und Opa aufs Sparbuch gelegt hätten, ein "kleines Auto" gekauft. "Ein kleiner roter Flitzer: Hallo, hier ist Taxi Banaszak", berichtete er weiter von früher. "Freiheit" sei das gewesen. Die Geschichte vom Grünen-Parteichef, der das Auto preist – sie ist ungewöhnlich. Und sie bekommt eine Fortsetzung. Vor den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September will der Grünen-Chef mit dem "Taxi Banaszak" durch die beiden ostdeutschen Bundesländer touren, wie aus einem Konzeptpapier hervorgeht, das t-online vorliegt. Aus dem roten Flitzer wird nun ein gelb-grüner Kleinbus. Wer Lust hat, kostenlos mitzufahren, kann sich ab diesem Montag online anmelden. Die Grünen haben dazu folgende Adresse eingerichtet: www.taxi-banaszak.de. Vom 12. August bis zum 20. September will Banaszak Interessierte von A nach B fahren, "zum Job, in den Kleingarten, den Club oder zu Deinen Eltern". Die Idee: "Wer Taxi fährt, kommt ins Gespräch." Die ungewöhnliche Wahlkampfaktion ist der Versuch der Partei, im Osten nicht völlig in der Versenkung zu verschwinden. Die Grünen sind in Ostdeutschland traditionell schwach. Umfragen sehen die Partei in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern bei fünf Prozent. Sie müssen also fürchten, bei den Abstimmungen im September aus den Landtagen auszuscheiden. Vor zwei Jahren sind sie bereits in Thüringen und Brandenburg an der Fünfprozenthürde gescheitert. In Sachsen hat es damals gerade so gereicht. Das Fiasko von 2024 soll sich nicht wiederholen. Banaszak: Gespräche auf Augenhöhe führen An kreativen Ideen mangelt es der Partei, allen voran Banaszak, nicht. Der Duisburger war im Juni mit der grünen Spitzenkandidatin in Sachsen-Anhalt, Susan Sziborra-Seidlitz, mit einem Camper in der Altmark unterwegs. Die beiden hatten sich vorgenommen, auf Campingplätzen mit Menschen außerhalb der grünen Blase ins Gespräch zu kommen, Vorurteile abzubauen, Nähe zu schaffen. Das sei damals gelungen, berichteten beide im Anschluss stolz. Darauf setzen die Grünen nun auch mit "Taxi Banaszak". "Politik lebt nicht von Positionspapieren und Wahlprogrammen allein, Politik lebt immer von persönlicher Begegnung, von Nähe, Neugier und Interesse", sagt Banaszak zu t-online. Er wolle wissen, was in den Menschen vor sich gehe, betont der Grünen-Chef. Es gehe nicht "um die große Bühne, sondern um den echten, direkten Austausch auf Augenhöhe". Gute Gespräche entstünden in der Küche, in der Kneipe oder auf einer Fahrt im Auto. "Taxi Banaszak" stehe symbolisch für sein Verständnis von Politik, so der 36-Jährige. "Ich warte nicht darauf, dass die Leute zu mir kommen, ich komme zu ihnen, hole sie ab und bringe sie an ihr Ziel." Die Grünen geben sich durchaus selbstkritisch mit Blick auf ihr Agieren in den vergangenen Jahren und wollen ihr Image aufpolieren. In der Partei gibt man sich überzeugt, bestimmte Räume in der Gesellschaft autoritären Rechten überlassen zu haben und in der Wahrnehmung vieler Menschen zu einer Art Staatspartei geworden zu sein. Im Zuge dessen sei man auch Teil eines Kulturkampfes geworden. Streitigkeiten um Themen wie Gendern, Fleischkonsum und Autofahren würden Debatten um Verteilungsgerechtigkeit in den Hintergrund rücken, so die Einschätzung. Davon wollen sich die Grünen schon länger befreien. Es waren Aufregerthemen wie Tempolimit auf Autobahnen, "Veggie Day"-Debatten, hohe Parkgebühren oder Autoverbote in Innenstädten, mit denen die Partei viele Menschen gegen sich aufgebracht hat. Die Grünen wollen künftig nicht mehr mit Verboten und dem moralischen Zeigefinger in Verbindung gebracht werden, sondern als moderne pragmatische Partei wahrgenommen werden. Das ist der Wunsch. Damit diese Botschaft bei den Menschen im Land ankommt, hat die Partei allerdings einiges an Arbeit vor sich. Gerade im Osten sind die Grünen in den vergangenen Jahren zu einer Art Feindbild geworden. Wahlkampf in Sachsen-Anhalt: Die Grünen-Chefin versucht es mit Wassereis Ostkongress der Grünen: Darum fahren die Grünen jetzt Camper Banaszak sagte bereits bei seiner Parteitagsrede im November, dass es falsch sei, Menschen zu beschämen, die einmal im Jahr von ihrem hart ersparten Geld nach "Malle" fliegen. Im März schrieb Banaszak: "Die Grünen müssen entscheiden, ob sie recht haben oder gewinnen wollen." Der Partei werde immer wieder unterstellt, dass sie moralisiere, bevormunde und glaube, es besser zu wissen. Andere Parteien nutzten das für Kampagnen gegen die Partei. Diese würden aber auch verfangen, weil der Vorwurf einen "wahren Kern" habe. Es sind bemerkenswerte Sätze. Loading... Loading... Loading... Banaszak und seiner Co-Vorsitzenden Franziska Brantner ist bewusst, dass die Partei bis weit in die Mitte hinein anschlussfähig sein muss, wenn sie Wahlen gewinnen will. Das Beispiel Baden-Württemberg mit dem pragmatisch-bürgerlichen Spitzenkandidaten Cem Özdemir hat das gezeigt. Auf Bundesebene träumt die Partei immer noch vom Kanzleramt, im Osten geht es erst mal ums blanke Überleben. Doch das grüne Rezept ist hier wie da ähnlich: Raus aus der Nische, dorthin, wo die Mehrheit der Menschen ist – und wo man Grüne nicht unbedingt erwartet. Überraschungsgäste im "Taxi Banaszak" Darauf legt es Parteichef Banaszak auch mit seiner Taxi-Aktion an. Er wolle mit den Mitfahrenden darüber sprechen, wie man sich auf dem Land ohne Bus und Bahn als verlässliche Alternative bewegen könne oder wie der Schutz von Natur und Lebensqualität mit der Sicherung der regionalen Wirtschaft und Arbeitsplätzen zusammengebracht werden könne, heißt es. Die Partei verspricht außerdem, wohl um das Angebot attraktiver zu machen, dass auf ausgewählten Fahrten Überraschungsgäste im "Taxi Banaszak" mitfahren werden. Wer nicht persönlich mitfahren könne, könne die Fahrten im Nachgang auf YouTube und Instagram verfolgen. Wer sich für eine Fahrt anmeldet, muss unter anderem angeben, worüber mit dem Grünen-Chef gesprochen werden soll. Im Nachgang gibt es eine Benachrichtigung, ob es mit der Fahrt klappt oder nicht. Einen Personenbeförderungsschein braucht Banaszak nach Angaben der Grünen nicht, weil es sich nicht um einen gewerblichen Fahrdienst handelt. Ob das "Taxi Banaszak" am Ende einfach nur Grünen-Anhänger anzieht, die ihr Kreuzchen im September ohnehin bei der Partei gemacht hätten und einfach mal den Parteichef treffen wollten, oder tatsächlich neugierige Grünen-Skeptiker, wird sich zeigen. Die Partei dürfte mit der Aktion vor allem auf Aufmerksamkeit und Reichweite setzen. Für Banaszak ist die Reise durch den Osten jedenfalls nicht gänzlich neu. Bereits im vergangenen Sommer tourte der Grünen-Chef durch Ostdeutschland und versuchte, mit seinem Format "Bier mit Banaszak" auch dort mit Menschen ins Gespräch zu kommen. In Brandenburg an der Havel eröffnete der Duisburger ein Wahlkreisbüro. In diesem Jahr lief er in Magdeburg und Schwerin Halbmarathon, um Spenden für die anstehenden Wahlen zu sammeln. Wie schlecht die Grünen im Osten aufgestellt sind, zeigt sich an den Mitgliederzahlen: Während die Partei bundesweit mehr als 180.000 Mitglieder zählt, sind es im Osten, ohne Berlin, lediglich rund 14.500. Selbst unter Berücksichtigung der geringeren Bevölkerungszahl im Osten ist das Ungleichgewicht markant. Die Wurzeln der Grünen liegen in der Umwelt- und Friedensbewegung der 1970er- und 1980er-Jahre. Im Osten konnte sich die Partei nach der Wiedervereinigung trotz des Namenszusatzes "Bündnis 90" nie richtig etablieren. Themen wie Klimaschutz, Selbstverwirklichung oder Nachhaltigkeit stießen im von Arbeitslosigkeit geprägten Osten auf wenig Resonanz. Diese Schwäche ist bis heute spürbar. Die jüngsten Wahlniederlagen in Brandenburg und Thüringen waren eine Art Weckruf für die Partei. Den Grünen wurde klar: Wenn sie jetzt nichts ändern, könnten sie im Osten Deutschlands in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Für eine Partei, die auf Bundesebene regieren will, kann das nicht hinnehmbar sein. Auf Banaszaks Sommertour durch den Osten im vergangenen Jahr folgte ein großangelegter Ostkongress in Lutherstadt Wittenberg im September. Dort sollten sich ostdeutsche und westdeutsche Grüne vernetzen, einander besser kennen und verstehen lernen. Die zweite Auflage des Formats, in kleinerer Ausführung, folgte im Juni in Sassnitz auf Rügen. Zwischen Grünen-Verbänden im Osten und Westen gibt es mittlerweile Dutzende Partnerschaften. Außerdem hat sich der sogenannte Wahlkampfurlaub etabliert. Die Partei hat dafür eigens ein Portal inklusive Bettenbörse eingerichtet. Die Idee: Grüne sollen eine Reise an die Ostsee oder in den Harz mit Wahlkampf verbinden: vor Ort also nicht nur baden oder wandern, sondern auch Plakate kleben und an Haustüren klopfen. Mit dem "Taxi Banaszak" wird der Grünen-Chef nun einmal mehr das Gesicht der Ost-Offensive seiner Partei. Auch die Baden-Württembergerin Brantner macht selbstverständlich Wahlkampf im Osten, der Ost-Frontmann der Parteispitze ist aber Banaszak. Ziehen die Grünen nach den Wahlen auch nur in einem der beiden Bundesländer wieder in den Landtag ein, dürfte die Partei das schon als Erfolg verbuchen können. Es wäre auch Banaszaks Erfolg. Scheitern die Grünen aber, zahlt das ebenfalls vor allem auf sein Konto ein.