Wahlpartybesuch? Heidi Reichinnek: „Ich find’s geil!“
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Wie denn ihr Verhältnis zu Sahra Wagenknecht sei? Und zu Alice Weidel? „Girl-support-Girl“, gäbe es das eigentlich in der Politik? „Was ist dein Typ Mann?“ Und überhaupt würde sie interessieren: „Wird im Bundestag gebumst?“ Sara Arslan, 28 Jahre alt, stellt Fragen. Direkte Fragen. Ungewöhnliche Fragen. Die noch ungewöhnlicher daherkommen, weil sie von einer attraktiven, stets sehr gut gestylten jungen Frau bei einem (fiktiven) Date in einem Kiosk gestellt werden. Ein runder Tisch, weiße Tischdecke, Kerzen und Rosen darauf, dazu an Getränken, was der jeweilige „Spätkauf“ hergibt.
Bei Heidi Reichinnek, Fraktionsvorsitzende der Partei Die Linke im Bundestag, etwa Rotkäppchensekt am frühen Montagmorgen nach dem Wahlsieg in Berlin, den aber nur Arslan trinkt, die damit ihren leichten Kater zu bekämpfen vorgibt. „Heidi“, man einigt sich schnell auf das Du, verzichtet. Sie müsse danach ja noch in den Bundestag. „Nachkippen“ sei aber generell „sehr zu empfehlen“ bei Kater, das habe sie in ihrer Jugend auch immer gemacht, rät die Politikerin. Auf die Frage, was sie zum Auftauchen des bekannten Clanchefs Issa Remmo auf der Wahlparty der Linken in Neukölln sage und zu den ganzen Artikeln, die an diesem Montag dazu erschienen seien, wiegelt Reichinnek erst professionell ab: „Der war einfach da. Wir haben keinen Zaun um unsere Wahlpartys. Die haben sich sofort distanziert.“ Außerdem sei derselbe Clanchef durch die CDU ins Abgeordnetenhaus eingeladen gewesen. Und fügt dann grinsend hinzu: Die vielen Artikel zeigten die Angst, dass sich mit dem Sieg der Linken tatsächlich „etwas an den Grundfesten des politischen Systems“ ändere: „Ich find’s geil!“
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Sara Arslan trifft ihre „Dates“ meist in Berlin, in wechselnden „Spätis“, manchmal aber auch da, wo der Gast wohnt (etwa den Rapper Manuellsen in Oberhausen). Aufgewachsen ist Arslan, 28 Jahre alt, nur etwas mehr als 1,50 Meter groß, in Hamburg-Altona. Sie hat iranische Wurzeln, ein erstes Staatsexamen in Jura, wurde als TikTok-Sternchen bekannt („XXL Sara“) und ist heute Host des supererfolgreichen Video-Podcasts „Take me Späti“. Es ist die eingedeutschte Version des englischen Erfolgsformats „Chicken Shop Date“ (Amelia Dimoldenberg trifft darin in tristen Imbiss-Buden berühmte Leute). 2026 wurde „Take me Späti“ bei den deutschen „Podcast Awards 2026“ gleich doppelt ausgezeichnet, als „Newcomer“ und „Viraler Moment“.
Die Folgen auf YouTube sind stets zwischen 30 und 45 Minuten lang, haben im Schnitt mehr als 300.000 Views – noch erfolgreicher aber sind die kurzen Ausschnitte, die bei TikTok und Instagram regelmäßig „viral gehen“. Ausschnitte, in denen Arslan etwa sich bei der Rapperin Katja Krasavice sehr konkret nach deren „OnlyFans“-Account erkundigt, nach beliebtem Content („Fetisch-Zeug wie Füße“) und den Einnahmen. Sie sei bei den Umsätzen unter den „Top 0,01 Prozent“ im deutschsprachigen Raum, erklärte Krasavice, habe immer zwischen 15.000 und 20.000 Abonnenten bei 24.99€ Gebühr im Monat. Arslan holte rasch den typischen Späti-Taschenrechner raus, schaut beeindruckt (verständlich bei bis zu 500.000€ im Monat).
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Sara Arslan stellt, daher kommt der Erfolg, auch Fragen, die man in jeder anderen (Talk)Show übergriffig nennen würde. Das Date-Setting erlaubt intime Fragen, Arslan haut sie mit dem süßesten, freundlichsten Lächeln raus – und hat die Nerven, auch Schweigen lange auszuhalten. Nachzustochern, wenn nötig, wenn sie nicht zufrieden mit dem Ergebnis ist. Etwa fragte sie mit einem Blick, der kein Wasser trüben konnte, eine Influencerin namens Stachel: „Was genau findest du am Arschlecken so geil?“ und bekam sogar eine Antwort: „Das Gefühl von Macht“. Besonders die (mehrheitlich) sich hart gebenden Jungs aus der Deutschrapszene bringt Arslan mit ihren Fragen zu Frauen, Liebe, Sex und Gleichberechtigung regelmäßig dazu, sich um Kopf und Kragen zu reden. Der (eher softe) Pandamasken-Rapper Crow gab ihr gegenüber sogar zu, sich Arslan gern im knappen Bikini vorzustellen.
Für die vierte Staffel ihrer Show nun hat Sara Arslan erstmals auch Politiker eingeladen – aber nur zwei hätten bis jetzt die Einladung angenommen. Sahra Wagenknecht und eben Heidi Reichinnek, die Linken-Frontfrau, die den Reigen der neuen Folgen eröffnet. Um es gleich zu sagen: Rapper kann Sara Arslan besser, aber jenseits der rein politischen Themen, zu dem die Gastgeberin keine oder offenbar eine sehr ähnliche Meinung wie Reichinnek hat, ist der Auftritt ergiebig.
Zum einen zeigte er einmal mehr, warum neben der AfD vor allem die Linke die neuen Medien begriffen haben. Und warum die Linke mit ihrer Frontfrau Reichinnek bei den jungen Wählern so punktet und in Berlin bei ihnen mit 51 Prozent sogar die absolute Mehrheit holte. Heidi Reichinnek hat keine Angst, sich in ein Setting wie „Take me Späti“ zu begeben. Sie trifft den Ton, der dort erwartet wird, sagt etwa, wie sehr sie „an der SPD abfuckt“, dass diese sich „in Geiselhaft der Union“ begeben habe; sie bezeichnet ihr „Problempony“ als „mega“ (sie werde die Frisur auch wieder mehr betonen, allein schon, weil der Pony „ältere konservative Journalisten und generell Männer“ triggere). Sie lässt auch private Einblicke zu, ohne zu viel zu verraten: Sagt unter anderem, dass sie keine Clubgeherin sei, sondern sich „eher in Pubs oder Kneipen“ wohlfühle. Und gern auf Konzerte gehe, am vergangenen Freitag etwa auf einem Gothic-Metal-Konzert gewesen sei und gern mal den Kanzler zu so etwas mitnehmen würde.
Da in diesem Format alles privat ist, auch das Politische, muss „Heidi“ auch Standardfragen beantworten. Etwa, worauf sie bei Männern stehe (bisschen langweilig: „Empathie, Humor, Intelligenz“). Und wie sie ihren Freund kennengelernt habe: Da gibt sie etwa zu, dass sie ihre „große Liebe“ tatsächlich „auf Tinder“ kennengelernt hat – und deshalb auch „ein großer Fan von Dating-Apps“ sei. Reichinnek geht auch den Fallen, die Arslan zuverlässig stellt, aus dem Weg. Sie antwortet etwa nur indirekt auf die Frage: „Ist Friedrich Merz ein Loser?“, indem sie sagt, aus seiner Sicht sicher nicht, da habe er alles erreicht im Leben, allerdings „lose“ er aus der Sicht der Leute, die Merz regiere. Und Reichinnek kann – zumindest in Maßen – auch Witze über sich selbst machen. Als Arslan ihr etwa bescheinigt, Talent zum Rappen zu haben, sagt Reichinnek: „Das wäre dann aber richtiger Alman-Rap – schnell und ohne jeden Rhythmus.“
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„Ich glaube, es ist Zeit, dass Politiker sich auch trauen, in Kulturformate zu gehen, die Jüngere ansprechen“, sagt Sara Arslan einmal in den 36 Minuten ihres „Dates“, zu dem rote Herzballons hinter beiden schweben, Arslan, schulterfrei mit Herz-Kette, hatte ihre Haare extra nochmal durch den Lockenstab gejagt, Reichinnek dagegen trat in offenem Holzfällerhemd zum weißen Top betont rustikal auf.
Von Arslan auf ihre Herkunft und Eltern angesprochen, sagt Reichinnek fast entschuldigend, sie sei „hundert Prozent Deutsch“ und ein „Ossikind“. Später sagt sie über ihre Erfahrungen aus dem jüngsten Wahlkampf: „Fakten helfen bei Wählern oft gar nicht mehr. Es braucht eine Art Beziehung. Es braucht Emotionen.“
Vor allem Union und Sozialdemokraten, aber auch Grüne sollten sich die Folge anschauen. Sie können von Reichinnek, zumindest in der Art, wie man junge Formate souverän bespielt, etwas lernen. Auch wenn es ihnen weh tut.