Warum deutsche Industrie ihr Glück in Ungarn sucht
Mitten in der Produktionshalle klafft eine große Lücke. Bis vor zwei Wochen stand hier noch eine Maschine, die Gummi-Dichtungen hergestellt hat. "Was weg ist, ist weg. Das kommt nicht wieder. Da brauchen wir uns nichts vormachen", sagt Geschäftsführer Gernot-Alois Feiel. Es ist bereits die vierte Maschinen-Anlage, die er in diesem Jahr nach Ungarn verlagert hat. Seit 50 Jahren produziert KACO im baden-württembergischen Kirchardt Dichtungen für die Automobilindustrie. Der Kostendruck in der Branche setzt auch das mittelständische Unternehmen unter Druck. Vor einigen Wochen hat ein großer Kunde den Preis für einen Großauftrag um zehn Prozent nach unten gesetzt. Das stelle sie allerdings vor große Herausforderungen, sagt Feiel. "Parallel steigen unsere Fertigungskosten, die Energiekosten, die Inflation. Die Gewinnspanne wird immer niedriger. Irgendwann ist es für eine Firma dann völlig unattraktiv, am deutschen Standort zu fertigen." Roh-Gummi, das Basisprodukt für die Dichtungen, wird nun größtenteils nicht mehr in Baden-Württemberg, sondern in Ungarn weiterverarbeitet. Lokale Produktion statt Export Eine Umfrage der Unternehmensberatung Horvath unter 1.000 Geschäftsführern mit Hauptsitz in Deutschland ergab, dass fast 60 Prozent bis 2030 mit einem zunehmenden Stellenabbau in Deutschland rechnen. Unternehmen setzen mittlerweile auf die "Local-for-Local-Strategie". Produkte sollen in den globalen Märkten produziert werden, wo sie am Ende auch gekauft werden. Unsicherheiten mit Lieferketten und möglichen Zöllen sollen so verhindert werden. Allerdings werden so auch die Exporte aus Deutschland abnehmen. Besonders in Indien, China und Nordamerika rechnen die Befragten damit, dass ihr Unternehmen mehr Personal einstellen wird. Innerhalb Europas werde der Osten attraktiver. 52 Prozent rechnen dort mit einem Zuwachs von Arbeitsplätzen. Neues Zentrum der deutschen Automobilindustrie Besonders Ungarn rückt seit Jahren in den Fokus der deutschen Automobilindustrie. BMW, Audi und Mercedes-Benz haben viele Milliarden Euro investiert und große Werke gebaut. Auch deutsche Zulieferer siedeln sich in Osteuropa an. Das größte Mercedes-Benz-Werk steht seit kurzem nicht mehr in Deutschland, sondern im ungarischen Kecskemet. Hier soll künftig die rein elektrische C-Klasse produziert werden, weitere Modelle sollen folgen. Auch die chinesische Konkurrenz siedelt in Ungarn an. Der größte Batteriezellen-Hersteller CATL eröffnet bald seine "Giga-Factory" in Debrecen. Der chinesische Autokonzern BYD baut im Süden Ungarns ein großes Werk. Chinesische Autos "Made in Europa" sollen bereits im kommenden Jahr vom Band fahren. Kostenvorteil bei Lohn und Arbeitsstunden Der Mercedes-Vorstandschef Ola Källenius schwärmt: "Die Produktionskosten hier setzen Maßstäbe in ganz Europa." Der Konzern rechnet, dass man in Ungarn 70 Prozent günstiger produzieren könne als an einem deutschen Standort. Im Schnitt liegen die Arbeitskosten pro geleisteter Stunde im verarbeitenden Gewerbe in Ungarn bei 15,60 Euro. In Deutschland sind es hingegen 49,50 Euro - mehr als dreimal so viel. Die reguläre Wochenarbeitszeit in Ungarn liegt bei 40 Stunden, in Deutschland im Tarifvertrag der IG-Metall bei 35 Stunden. Ein weiterer Kostenvorteil ist Mercedes zufolge der niedrige Krankenstand in der ungarischen Belegschaft. An deutschen Standorten sei dieser mehr als doppelt so hoch. Umzug mit gemischten Gefühlen Die KACO-Halle in Ungarn ist voll. Die letzte Lücke werde Ende des Jahres geschlossen, dann habe keine Maschinen-Gruppe aus Deutschland mehr Platz. Die Verlagerung von Baden-Württemberg nach Ungarn ist abgeschlossen. Geschäftsführer Gernot-Alois Feiel betrachtet das mit gemischten Gefühlen. Einerseits freue er sich, dass die Maschinen des Unternehmens weiterhin Gummi-Dichtungen produzieren. "Aber wenn ich an die deutschen Mitarbeitenden denke, die nicht mehr an diesen Maschinen arbeiten können, dann wird es einem schwer ums Herz." Niemand verliere gerne Produkte, sagt er. Am deutschen Standort musste er in den vergangenen Jahren 174 Arbeitsplätze vor allem in der Produktion abbauen. Tarifvertrag als Wettbewerbsnachteil? Das stimmt ihn nachdenklich, auch für die Zukunft Deutschlands als Industrieland. Anfang August hat die KACO-Geschäftsführung entschieden, aus dem Arbeitgeberverband Südwestmetall auszusteigen. In Zukunft wird es keinen IG-Metall-Tarifvertrag im Unternehmen mehr geben. Zusammen mit der Verlagerung nach Ungarn sei es die einzige Möglichkeit, auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein. Die Lohnkosten sind mit dem Tarifvertrag für den Unternehmer derzeit zu hoch. "So sehr die Sozialpartner zum Wohlstand beigetragen haben, so problematisch ist das mittlerweile im internationalen Wettbewerb geworden." Innovation und Forschung als Chance für Deutschland Trotz Jobabbau in Deutschland, Verlagerung von Produktion ins Ausland und Umsatzrückgängen in der Autoindustrie sehen Experten auch eine Chance in der Entwicklung. Die Branche habe die Chance in Deutschland dort zu investieren, wo sie besonders wettbewerbsfähig sei, meint Anita Wölfl vom ifo-Institut. "Große Wachstums- und Produktivitätseffekte resultieren in Zukunft vor allem aus der Forschung, Entwicklung und der gesamten Innovation", sagt Wölfl. Es sei wichtig, dass deutsche Unternehmen hier auch seitens der Politik unterstützt werden. Auch bei KACO setzt man auf diese Strategie. Die Entwicklungsabteilung sei das Herzstück des Unternehmens, so Geschäftsführer Feiel, und könne nicht verlagert werden. "Das hat Deutschland drauf, die Kreativität ist im internationalen Vergleich top, würde ich sagen. Das dürfen wir uns keinesfalls nehmen lassen."